Trainer der Nürnberg Falcons im Interview

Junge über BBL-Lizenzverfahren: "Von vorne bis hinten desaströs"

Ralph Junge

Seit fünf Jahren Trainer bei den Nürnberg Falcons: Ralph Junge. imago images

Herr Junge, warum spielen die Falcons in der kommenden Saison nicht in der BBL?

Weil das Schiedsgericht der BBL unseren Antrag zurückgewiesen hat. Es war an sich eine ziemliche Farce. Wir sind am Freitag, 5. Juli, mit dem Vorschlag des Schiedsgerichts aus der Sitzung rausgegangen: Es gibt die Lizenz mit Bedingung. Dabei war es an sich schon eine Unverschämtheit, dass unsere vorgelegten Schreiben von Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly noch einmal bekräftigt werden sollten. Doch dann hieß es auf einmal über Nacht: Keine Lizenz mit Bedingung, sondern Absage. Warum spielt Nürnberg also nicht Bundesliga? Weil es von der BBL nicht gewollt ist.

Machen sich die Falcons selbst auch Vorwürfe - oder war der Aufstieg ein "Unfall", auf den man sich nicht vorbereiten konnte?

Nein! Wir machen uns keine Vorwürfe. Der Antrag war wichtig für uns und den Standort Nürnberg. Aufgrund der Hallensituation, die wir vergangenes Jahr hatten, sind wir in den Planungen in Richtung BBL natürlich zurück geworfen worden (Wegen Baumängeln in der alten Halle mussten die Falcons kurzfristig in ein Eventzelt, den Eventpalast, am Nürnberger Flughafen umziehen und einige Heimspiele zu einem späteren Zeitpunkt austragen, Anm. d. Red.). Wir hatten vor der Saison das Ziel 'um die Play-offs mitzuspielen'. Dann haben wir zu dem Zeitpunkt, als alle Nachholspiele vorbei waren, eine unglaubliche Siegesserie gestartet. Mitte März ist sicher geworden: Die Play-offs schaffen wir! Aber was passiert, wenn wir aufsteigen? Den Etat haben wir nicht, die Halle haben wir auch nicht. Also haben wir angefangen, mit diversen Partnern zu sprechen, um zu überlegen, wie ein Lizenzantrag aussehen könnte. Es ging darum, einen Lizenzantrag zu stellen, damit wir erstmal überhaupt im Verfahren drin sind, um uns dann weiterzuentwickeln. Wir haben sicherlich einen überschaubaren ersten Lizenzantrag gestellt, aber schon im Wissen, dass wir nachlegen können, wenn wir sportlich aufgestiegen sind. Nach dem feststehenden Aufstieg am 30. April haben wir der BBL Belege nachreichen können, mit denen die Liga so wohl nicht gerechnet hat. Da ging es um die Halle, aber auch, wie ein Etat darstellbar ist. Wir haben bei der letzten Sitzung den erforderlichen Drei-Millionen-Etat von oben bis unten mit Unterschriften nachgewiesen - das können einige der BBL-Klubs nicht. Natürlich hatten wir noch keine Halle, aber wir hätten das mit einzelnen Spielen in der Nürnberger Arena, in Regensburg und Bamberg kompensiert.

Es gab aber schon früh Pläne, eine Halle, die den Anforderungen der BBL entspricht, aus Fertigbauteilen in Nürnberg zu errichten.

Die Umsetzung der Halle wäre bis Oktober möglich gewesen, wenn die BBL das 'Go' gegeben hätte. Die Flächen gab es, zum Beispiel am Stadion. Es wäre natürlich auch für die Stadt Nürnberg klasse gewesen, so eine Halle für gut 4000 Zuschauer innerhalb weniger Monate hinzustellen. Die vorgeschlagene Lösung wäre vergleichbar gewesen mit der Halle in Vechta - und die ist super. Benötigt man die Halle in 15, 20 Jahren nicht mehr, lässt sie sich ganz einfach abbauen oder man nutzt sie anders.

Die ganze Taktik im Lizenzierungsverfahren war immer auf Zeit zu spielen, bis es Juli war.

Wenn aber der Etat festgezurrt war und die Halle gekommen wäre - wieso gab es dann trotzdem die Lizenz nicht?

Die Liga hat nicht daran geglaubt, dass die Halle bis Oktober steht. Ich weiß nicht, mit welcher Kompetenz ein Basketball-Geschäftsführer, Prokurist oder Jurist das wissen kann. Aber wir hatten die Zusagen von Fachleuten. Ein Beispiel: Beim DTM-Rennen in Nürnberg werden ganze Häuser für wenige Tage errichtet. Das ist nachweislich machbar. Das passiert bei Olympischen Spielen, das passiert bei Expos. Aber die ganze Taktik im Lizenzierungsverfahren war immer auf Zeit zu spielen, bis es Juli war. Dann wurde darauf verwiesen, dass gewisse Fristen nicht eingehalten worden sind. Das ist ohnehin fragwürdig. Angemessene Fristen gelten eigentlich zu einem Großteil nach Lizenzerteilung. So wie bei anderen Klubs auch.

Das ist dann die Lizenz mit Bedingungen…

Die gab es ja für viele Vereine in der Bundesliga. Uns wurde das aber nicht zugestanden. Daran erkennt man, was die Intention war: die Verkleinerung der Liga. Die BBL wird es nie offiziell sagen, aber es haben ja schon Vertreter von anderen Klubs gesagt. Die Telekom hat daran wohl auch ein Interesse. Wenn die BBL-Führung etwas visionärer gewesen wäre, hätte sie den hochinteressanten Standort Nürnberg gewinnen können. Wir reden hier von einer der größten deutschen Städte. Wenn man das Umfeld hinzurechnet, haben wir ein Einzugsgebiet, in dem 1,5 Millionen Menschen leben. Man hätte diesen Standort mitentwickeln können. Ein Standort, an dem sich die Stadt so sehr einsetzt und bereit ist, die Entwicklung mitzutragen. Besser hätte es doch gar nicht sein können. Wir werden mit Sicherheit nie richtig erfahren, was die Beweggründe der BBL waren. Aber mit Sicherheit hat der Druck der großen Klubs und des einen oder anderen Sponsors Anteil daran.

Hat es sich in diesem Wissen dann eigentlich gelohnt, so lang um die Lizenz zu kämpfen?

Einerseits hofft man auf eine faire Verhandlung, auch was das Schiedsgericht angeht. Aber wenn eine Liga einer unterschriebenen Zusage der Stadt oder des Oberbürgermeisters keinen Glauben schenkt, ist das schon sehr, sehr dreist. Da erwarte ich eigentlich vom Schiedsgericht, dass es einschreitet. Das ging auch mit anderen Verträgen unserer Partner so. Es hieß dann: 'Wir glauben nicht an die Bonität.' Es war von vorne bis hinten desaströs. Aber trotzdem haben wir in diesen drei Monaten vieles mitgenommen: Hätten wir keinen Lizenzantrag gestellt, wären wir mit einer ganzen Menge Sponsoren nicht ins Gespräch gekommen. Und wir hätten keine neue Halle gehabt, die nun definitiv kommt. Und womöglich hinterfragen manche Klubs auch mal die Funktion des Schiedsgerichts, dessen Vorschlag von der Liga einfach ignoriert wird und welches daraufhin im Interesse der Liga entscheidet.

Stichwort Halle: Die neue soll nun am Nürnberger Tillypark entstehen.

Ich hätte unseren derzeitigen Standort am Flughafen auch für eine feste Halle super gefunden. Wobei die jetzige Lösung nicht schlecht ist, denn wir rücken etwas mehr in die Stadtmitte, die Anbindung ist außerdem per U- und S-Bahn super. Unsere Situation hat sicher dazu beigetragen, dass die Halle jetzt wirklich kommt, nachdem es die Diskussionen darüber schon seit Jahren gab.

Die große "Arena Nürnberger Versicherung" ist unter anderem durch die Ice Tigers und die Erlanger Bundesliga-Handballer sehr belegt, weshalb es für Basketball so gut wie keinen Platz gegeben hätte. Vorausgesetzt, es hätte Hallenzeiten gegeben - wäre die Arena für die Falcons finanzierbar gewesen?

Das wäre sie auf jeden Fall. Ich bin mir auch sicher, dass wir vermutlich einen größeren Zuschauerschnitt gehabt hätten als die Handballer, allein durch die fränkischen Derbys gegen Bamberg, Bayreuth und Würzburg. Hinzu kommen die Spiele gegen Bayern und Berlin.

Ralph Junge

Ralph Junge zu Besuch beim kicker. kicker

Wie groß ist die Bedeutung einer eigenen Halle?

Sehr groß, das haben wir im nach dem Auszug aus dem BBZ (eine städtische Sporthalle, Anm. d. Red.) gemerkt. Man kommt jetzt rein und weiß: Das ist unsere Halle. Außerdem macht es sehr viel aus, dass wir nur noch auf Parkett trainieren können. Es gab Spieler, die sind nicht zu uns gewechselt, weil das bei uns lange Zeit nicht möglich war. Andere Spieler, die schon länger bei uns sind, haben den Unterschied bemerkt. Die Belastungserscheinungen sind, seitdem wir auf Parkett trainieren, viel geringer. Es ist gut, dass wir auch in Zukunft viel flexibler im Trainingsbetrieb sind.

Zurück zu den Falcons im Jahr 2019: Ist der eine oder andere Sponsoren, der für die BBL zugesagt hat, auch in der ProA an Bord?

Dazu führen wir jetzt Gespräche. Natürlich war alles auf den Aufstieg ausgelegt. Einige Sponsoren müssen wir jetzt mit Sicherheit neu begeistern. Wir haben aber auch von vielen Partnern aus dem vergangenen Jahr das Signal erhalten, dass sie mehr machen wollen. Wie hoch der Etat dann letztlich ist, werden wir sehen.

Natürlich ist es bitter, dass jetzt nicht Bayern und Berlin kommen. Aber wir haben im vergangenen Jahr so tolle Events in der ProA gehabt, das gilt es jetzt wieder zu schaffen.

Mit Robert Oehle (Artland Dragons), Ishmail Wainright (Rasta Vechta) und Marvin Omuvwie (BG Göttingen) gab es drei Abgänge. Standen diese in Zusammenhang mit dem Warten auf die Lizenz?

Bei Robert hatte sich der Wechsel aus familiären Gründen schon während der Saison angekündigt. 'Ish' hat noch am Tag der Vertragsunterschrift in Vechta angerufen und nachgefragt. Er hat ewig gewartet, das war wirklich Wahnsinn. Er wäre im Aufstiegsfall geblieben. Aber irgendwann musste ich ihm sagen: 'Unterschreibe da, ich weiß nicht, wie lange das hier noch geht. Es war ein Angebot, bei dem er nächstes Jahr Champions League spielen kann. Das wünsche ich ihm - und wer weiß, vielleicht kommt er ja mal wieder zurück.

Wie ist das bei Ihnen selbst? Haben Sie während der ganzen Hängepartie mal an Abschied gedacht?

Es gab schon früher immer wieder Angebote aus dem In- und Ausland. Aber ich war 20 Jahre in Ehingen und bin jetzt fünf Jahre hier. Es gibt so ein paar Sachen, die sind mehr wert als ein paar Euro. Allein die letzte Saison. Wir haben das 'Jump10'-Turnier in China gewonnen, dann gehen wir in die Spielzeit und haben plötzlich keine Halle mehr, ziehen in den Eventpalast ein. Wir schaffen es in die Play-offs. Und am Ende steigen wir sportlich auf. Das sind Erlebnisse, die unfassbar viel ausmachen. Das kannst du teilweise nicht haben, wenn du woanders hingehst. Da ist man zu sehr reglementiert. Ich habe hier Freiheiten, wie mit der Jugendmannschaft in die USA zu fliegen. Das ist Lebensqualität und immer ein Punkt, warum wir Spieler entwickelt haben und andere wie Robert Oehle wieder zurück nach Nürnberg gekommen sind. Und ich fühle mich privat in Nürnberg einfach auch sehr wohl. Dies einfach aufzugeben, ist nicht in meinem Plan. Aber klar: Wäre Basketball in Nürnberg eines Tages nicht mehr finanzierbar, muss man sich natürlich was überlegen.

Eventpalast Nürnberg

Der Eventpalast am Nürnberger Flughafen ist die Heimstätte der Nürnberg Falcons. imago images

Wie können Sie sich nach der Enttäuschung über die verweigerte Lizenz wieder auf die ProA fokussieren?

Natürlich ist es bitter, dass jetzt nicht Bayern und Berlin kommen. Aber wir haben im vergangenen Jahr so tolle Events in der ProA gehabt, das gilt es jetzt wieder zu schaffen. Es ist ja auch nicht so, dass wir gar nichts in der Hand haben. Wir haben immer noch die ProA, die sich toll entwickelt hat. Mit Chemnitz, Jena, Rostock, Tübingen und Heidelberg haben wir viele Klubs, die vorne mitspielen wollen. Das wird eine spannende Liga werden. Die klaren Abstiegskandidaten gibt es nicht. Heidelbergs Halle wird außerdem fertig, Chemnitz zieht in die Messe um - man bereitet an verschiedenen Standorten den Aufstieg vor.

Peilen Sie den Aufstieg direkt wieder an?

Ich denke, wir brauchen aufgrund des engen Teilnehmerfelds erstmal Demut. Es wird darum gehen, etwa elf Siege zu holen, um den Klassenerhalt sicher zu haben. Es wird in diesem Jahr wohl drei Absteiger geben. Danach können wir schauen, was für den Play-off-Einzug nötig ist. Es kann sein, dass schon 15 Siege reichen. In den Play-offs kann dann wieder alles passieren.

Ich sehe uns aktuell in einer Annäherung an europäische Ligen. Ich kann mir vorstellen, dass nationale Ligen wie wir sie kennen, mit Auf- und Abstieg, verschwinden werden.

Kommen wir noch einmal auf die BBL zurück: Wie schätzen Sie grundsätzlich die Bestrebung ein, die Liga kleiner zu machen und den Klubs damit mehr Ressourcen für die europäischen Wettbewerbe zu geben?

Die Euroleague steht über der nationalen Liga. Ich denke, die BBL wird dem Drängen der Topklubs nachgeben, weil sie Angst hat, dass ein Topklub aus der nationalen Liga rausgeht oder nur noch ein Farmteam antreten lässt. Die Entwicklung lässt sich teilweise auch schon daran erkennen, wie Kader zusammengestellt werden. Einiges wird auf die europäischen Wettbewerbe ausgerichtet. Vielleicht tritt Bayern irgendwann nur noch gegen Berlin mit der vollen Kapelle an.

Schadet diese Entwicklung dem deutschen Basketball, vor allem an seinen Traditionsstandorten?

Ich sehe uns aktuell in einer Annäherung an europäische Ligen. Ich kann mir vorstellen, dass nationale Ligen wie wir sie kennen, mit Auf- und Abstieg, verschwinden werden. Alle wollen die Garantie, dass du in so einer Liga sicher drin bist, egal ob du Meister wirst oder nicht. Es ist vergleichbar mit dem Fußball: Wir reden hier über Konzerne, es geht ums Geldverdienen und um die Frage, wie sich der Sport weltweit vermarkten lässt. Warum will die Euroleague Bamberg nicht? Weil Istanbul und Madrid nicht in Bamberg spielen wollen, sondern in München und Berlin.

Aber behindert nicht genau das die Entwicklung des Basketballs in Deutschland?

Ich denke, der Basketball wird in Deutschland trotzdem wachsen. Sobald die Bayern in ihrer neuen Arena Gas geben werden und auch Berlin in der Euroleague angekommen ist, ist die Aufmerksamkeit auf jeden Fall da. Es wird vielleicht so werden wie in den USA: Bin ich in New York, gehe ich halt mal in den Madison Square Garden und schaue mir ein Basketballspiel an. Eigentlich ist mir dann wurscht, wer gewinnt, aber es ist eben ein Highlight. So kann es auch in München oder Berlin laufen: Ich gehe dort halt Euroleague schauen. Man möchte dabei gewesen sein, es ist wie eine Art Sehenswürdigkeit.

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