Formel-E-Saisonfinale in New York

Vergne, der ausgemusterte Meister

Steht kurz vor seinem zweiten Titel in der Formel E: Jean-Eric Vergne.

Steht kurz vor seinem zweiten Titel in der Formel E: Jean-Eric Vergne. picture alliance

Im Feld der 22 Piloten aus zehn unterschiedlichen Ländern gehört Vergne zu jenen acht Fahrern, die bereits in der Formel 1 Rennerfahrung sammelten. Und nur aus dem Kreis ehemaliger Formel-1-Fahrer kamen bislang auch die Champions: Nelson Piquet jr. (2014/15), Sébastien Buemi (2015/16), Lucas di Grassi (2016/17) und vergangenes Jahr Vergne. Er geht als haushoher Favorit in die letzten beiden Läufe. Sein Vorsprung liegt bei 32 Punkten, und um ihn noch abzufangen, müsste Lucas di Grassi ein Superwochenende gelingen. Ein noch besseres als jenes vor zwei Jahren, als der Brasilianer vor den beiden finalen Durchgängen zehn Punkte hinter Buemi lag, dann aber den Schweizer mit 181:157 Punkten noch deutlich distanzierte. Rein mathematisch kommen in diesem Jahr noch acht Fahrer für den Titel infrage, realistisch betrachtet aber ist Vergne so gut wie am Ziel.

Ein kleines bisschen Spannung herrscht dafür noch im Kampf um den Herstellertitel. Hier liegt Vorjahres-Champion Audi mit 173 Punkten um 43 Zähler hinter dem chinesischen Konsortium Techeetah zurück, für das neben Vergne auch der Deutsche André Lotterer (37) antritt. Da in dieser Wertung im Idealfall noch 94 Punkte zu holen sind, werden die Ingolstädter mit di Grassi und Daniel Abt zumindest alles versuchen, eine Saison mit mehr Tiefen als Höhen noch zu retten. Teamchef Allan McNish hat jedenfalls "maximum attack" angekündigt. Für die Chinesen hingegen wäre es die späte Genugtuung für den im vergangenen Jahr mit zwei Pünktchen verpassten Meisterschaftsgewinn.

Ausmusterung bei Toro Rosso

Unzweifelhaft ist Vergne jener Mann, der diese glanzvollen Voraussetzungen mit am stärksten herbeigeführt hat. Und ähnlich wie bei seinen Vorgängern Piquet jr., Buemi und di Grassi als Formel-E-Meister ging auch sein Stern erst in der Elektrorennserie so richtig auf. Mit 22 Jahren bekam der nördlich von Paris zur Welt gekommene Vergne den Lohn für seine starken Leistungen im exklusiven Nachwuchskader von Red Bull: einen Formel-1-Vertrag beim Juniorteam Toro Rosso. Unter den bisher 14 Fahrern, die für Toro Rosso fuhren, gibt es nur drei, die danach zu einer großen Karriere durchstarteten: allen voran der viermalige Weltmeister Sebastien Vettel, sicher auch Max Verstappen und Daniel Ricciardo. Manche schwimmen so irgendwie mit (Pierre Gasly, Alexander Albon, Daniil Kvyat, Carlos Sainz jr.), für Buemi, Jaime Alguersuari, Vitantonio Liuzzi, Scott Speed, Sébastien Bourdais, Brendon Hartley oder den angehenden Formel-E-Doppelchampion Vergne entwickelte sich das österreichisch-italienische Team hingegen zur Sackgasse.

Vergne: "Ich finde das lächerlich"

Um sich Auswege daraus nicht zu verbauen, ziehen es die meisten Fahrer vor, ihrer Enttäuschung über die Ausmusterung lieber nicht verbal Ausdruck zu verleihen. Auch Vergne hielt sich an diese goldene Regel und schwieg drei Jahre lang, mag es auch noch so in ihm gebrodelt haben. Erst im März 2018, zu dieser Zeit auf dem besten Weg, seinen ersten Formel-E-Titel zu gewinnen, machte er aus seinem Herzen nicht länger eine Mördergrube. In jenem Moment ging es um die Frage, warum Toro Rosso den Neuseeländer Brendon Hartley acht Jahre nach dessen Ausmusterung aus dem Red-Bull-Förderprogramm ins F1-Cockpit geholt hatte und nicht ihn, der ebenfalls auf diesen Platz spekuliert hatte. "Ich finde das lächerlich", ätzte Vergne. Hartley freilich wurde ebenfalls nicht glücklich, nach nur 25 Rennen war wieder Schluss in der Königsklasse.

Vergne jedoch nutzte den Tiefpunkt seiner Karriere, um sich neu auszurichten. Die Formel E bot ihm die dazu nötige Perspektive. Seit dem dritten Lauf der Debütsaison 2014/15 ist der 29-Jährige mit von der Partie. Mit acht Siegen liegt er hinter Buemi und di Grassi auf Rang drei des Rankings und ist mit zehn Pole-Positionen Zweiter hinter Buemi (13). Mit vermutlich zwei Titeln wird er am Sonntag als erster Fahrer zu einem Formel-E-Mehrfach-Champion aufsteigen, zur neuen Nummer 1. Unter diesem Aspekt hat er inzwischen auch seinen Frieden mit der enttäuschend zu Ende gegangenen Formel-1-Karriere geschlossen: "Aus jeder schwierigen Situation kann man auch etwas Positives ziehen. Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit in die Formel E zu kommen. Und heute denke ich, dass es das Beste war, was mir passieren konnte."

Stefan Bomhard