Was gegen einen Wechsel nach Australien gesprochen hat

Union-Neuzugang Gentner: "Der Abstieg war das härtere Los"

Christian Gentner

Er will mit Union unbedingt die Klasse halten: Neuzugang Christian Gentner. imago images

Christian Gentner über ...

... den Umstand, dass er mit dem VfB in der Relegation gegen Union den Kürzeren zog und nun für die Köpenicker spielt: "Es war ganz kurz ein Gedanke, den ich aber sehr, sehr schnell verworfen habe. Wir sind mit Stuttgart abgestiegen, weil wir eine scheiß Saison gespielt haben. Union war nicht unser Hauptproblem, sondern die vorherigen zehn, zwölf Monate der Saison. Dass wir überhaupt die Möglichkeit hatten, mit 28 Punkten die Relegation zu spielen, war ein Geschenk - das wir leider nicht genutzt haben. Ich sehe es nicht so, dass uns Union in die 2. Liga geschossen hat, sondern wir durch eine schwache Saison, in der wir sehr viel falsch gemacht haben, die Liga nicht gehalten haben. Deshalb war es kein Ausschlusskriterium für mich zu sagen, Union kommt auf keinen Fall infrage. In Stuttgart hat man entschieden, dass es sportlich für mich nicht weitergeht. Ich wollte weiter Fußball auf hohem Niveau spielen. Ich wollte, wenn möglich, weiter in der Bundesliga spielen. Ich fühle mich nach wie vor fit und gut. Mein Körper meldet sich noch nicht täglich und sagt: Es reicht. Ich wache morgens noch ohne Schmerzen auf."

... die Frage, was mehr geschmerzt habe - der Abstieg mit dem VfB oder seine Ausmusterung bei den Schwaben: "Der Abstieg war definitiv das härtere Los. Mit den Wurzeln, die ich in Stuttgart habe, weiß ich, was das für den Verein und die Region bedeutet. Das schüttelst du nicht so einfach ab. Die Vertragsverlängerung, die es nicht gab, dafür hatte ich schon ein Gespür, dass es in diese Richtung gehen könnte. Ich hätte mir gewünscht, dass man mir das früher offen kommuniziert und mir die Möglichkeit gibt, andere Optionen zu haben. Ich hätte dadurch mein Spiel nicht verändert, auch nicht die Art und Weise, wie ich mich im Team und um das Team in Stuttgart gebe."

... den Weg zurück zum VfB nach der Karriere: "So was ist immer mal angedacht gewesen. Das wird sich noch herausstellen, ob wir da zusammenkommen. Jetzt hat aber auch der Klub mit der anstehenden Mitgliederversammlung viel zu tun. Ich habe insgesamt 17 Jahre beim VfB verbracht - und das nicht nur in einer kleinen Rolle, sondern lange Jahre auch als Kapitän und oft auch als ein Gesicht des Vereins. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir irgendwann eine sinnvolle Lösung finden, aber das muss dann auch vom Verein so gewünscht sein."

Ich kann diese Dinge ansprechen, damit die Jungs solchen Erlebnissen vielleicht ausweichen können.

Christian Gentner

... seine Rolle als "Papa der Kompanie" in Unions Kader, in dem er mit 33 Jahren der älteste und mit 377 Bundesliga-Einsätzen der mit Abstand erfahrenste Profi ist: "Papa der Kompanie ist der falsche Ausdruck. Aber die Erfahrung, die ich gesammelt habe, ist schon auch etwas, was ich einbringen möchte. Und es ist sicher auch vom Verein und vom Trainer gewünscht, dass ich die Dinge an die Jungs herantrage, die ich über die Jahre gelernt habe. Ich habe ja auch durchaus negative Erfahrungen gemacht. Ich kann diese Dinge ansprechen, damit die Jungs solchen Erlebnissen vielleicht ausweichen können. Ansonsten ist mein erster Eindruck, dass die Jungs um Christopher Trimmel, Manuel Schmiedebach, Michael Parensen oder Polti (Sebastian Polter, Anm.d.Red.) den Laden sehr gut im Griff haben. Ich glaube nicht, dass ich als Feuerwehrmann eingreifen muss. Es ist eine funktionierende Gruppe, was ein wichtiger Baustein sein wird und muss, um in der Liga eine gute Rolle zu spielen. Da werde ich mich einfügen."

... den Vergleich zwischen dem Betriebsklima in Unions Mannschaft und dem beim VfB in der vergangenen Saison: "In Stuttgart wurde es oft so dargestellt, dass es sportlich nicht lief, weil es in der Mannschaft nicht gestimmt habe. Aber der Teamgeist war nicht das Problem beim VfB. Wir hatten wirklich eine gute Gruppe, die sich untereinander sehr gut verstanden hat. Der Unterschied ist die Erwartungshaltung. Hier ist es so, dass man vom ersten Tag an alles dafür tun will, um die Klasse zu halten. In Stuttgart hatten wir gedanklich einen Schritt weit höher angesetzt und gesagt, dass wir mit dem Abstieg gar nichts zu tun haben wollten. Dann sind wir sehr heftig da reingerutscht. Es kann jetzt definitiv ein Vorteil sein, dass man vom ersten Tag weiß, wir müssen um die Punkte kämpfen."

... seine erste Reaktion, als er vom Interesse des Aufsteigers erfuhr: "Dass das Interesse da war, ist auch eine Wertschätzung. Man muss ja ganz klar sagen, dass es für einen Sportdirektor wie Oliver Ruhnert nicht ganz so einfach ist. Heutzutage muss man ja alles auch nach außen verkaufen können. Ich werde im August 34, jetzt muss er erst mal erklären, warum er einen 34-Jährigen holt, der gerade abgestiegen ist. Aber die Gespräche, die er und auch der Trainer mit mir geführt haben, waren so, dass sie mich überzeugt haben. Sie haben eine Idee mit mir, dass ich eben nicht nur eine Vaterfigur sein und gute Stimmung machen, sondern auch auf dem Platz eine wichtige Rolle einnehmen soll."

Die USA oder Australien sind seit zehn Jahren ein Thema für mich.

Christian Gentner

... die Laufzeit seines Vertrags, die nur ein Jahr beträgt: "Das ist okay für mich. Wenn sich alles so ergibt, wie wir uns das vorstellen, können wir im Winter wieder sprechen und schauen, ob wir eine weitere Lösung finden. Es geht nicht darum, mich beweisen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass ich eine wichtige Rolle in der Mannschaft einnehmen und meinen Teil dazu beitragen kann, dass wir erfolgreich sind."

... einen Wechsel nach Australien, der im Gespräch war: "Die USA oder Australien sind seit zehn Jahren ein Thema für mich. Ich hatte viele sehr gute Gespräche in die Richtung, aber da haben wir auch als Familie gesagt, jetzt noch nicht. Wir hatten auch nicht den zeitlichen Vorlauf, um uns auf so was vorzubereiten, dafür war das alles auch in Stuttgart zu kurzfristig. Aber es ist in meinem Hinterkopf und etwas, was vielleicht die Zukunft noch bringen kann. Es gab ansonsten auch Gespräche mit Klubs aus anderen europäischen Ligen. Aber wir haben gesagt, dass Berlin jetzt das Beste für uns ist."

... seine Ziele für den Rest seiner Karriere: "Ich habe gelernt, dass es im Fußball wenig Sinn macht, langfristige Ziele auszugeben. Es sind so viele Dinge, die das beeinflussen können. Das Ziel jetzt ist, schnell anzukommen und mich so zu integrieren, dass ich helfen kann und wir eine erfolgreiche Saison spielen. Das wäre für mich ein großer Erfolg, weil es natürlich durch die lange Zeit beim VfB für mich wieder was Neues und ein neues Umfeld ist. Wenn sich junge Spieler neben mir weiterentwickeln und im Januar oder Februar bessere Spieler sind und ich einen kleinen Teil dazu beigetragen habe, dann ist das schon was, wo ich sage: Es hat sich gelohnt."

Aufgezeichnet von Jan Reinold

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