WM-Kolumne von Steffi Jones

Rapinoe ist ein Idol - Der DFB braucht neue Ideen

Steffi Jones

Steffi Jones imago images/kicker

Die USA haben den Titel verdient verteidigt. Die Mannschaft hat über das Turnier in Frankreich hinweg immer hohes Selbstvertrauen und vorbildliche Einstellung verkörpert, ist mit einer positiven Arroganz und dem Glauben an sich selbst in die Spiele gegangen. Aber die Herausforderer waren oft nicht so weit weg, wie es bisweilen schien. Es gab auch enge Spiele, wie zum Beispiel gegen Spanien, Frankreich oder über eine Stunde gegen die Niederlande. Ich denke, bei der nächsten WM 2023 ist die Zeit für die Europäer gekommen, um die US-Dominanz zu brechen.

Megan Rapinoe stand sehr in der Öffentlichkeit. Sie ist nicht nur für die Frauen-Rechte sehr wichtig, sondern auch für den Sport ein Idol. Sie hielt dem immens großen Druck stand, der nach ihren mutigen Äußerungen entstanden war. Sie ging auf dem Platz vorneweg, war immer fair und nie unsportlich. Die Diskussionen um ihre Aussagen haben auch keine Unruhe ins Team getragen, da ziehe ich den Hut vor. Zu Rapinoe kann man aufschauen und sich von ihr inspirieren lassen. Man braucht eine gewisse Reife für diese Rolle, aber mit 34 kann sie auf Erfahrungswerte zurückgreifen und hat die Plattform gut und sachlich genutzt, die sich ihr bei der WM geboten hat.

Weltmeisterschaft (Frauen) - Finale
Finale

Unser Talent Giulia Gwinn wurde zurecht als beste junge Spielerin der WM ausgezeichnet, das sollte uns freuen und optimistisch stimmen, damit wir den Verjüngungsprozess weiter mutig vorantreiben und in der Weltspitze konkurrenzfähig bleiben.

Fans aus anderen Ländern haben die Erwartungen übertroffen - bei uns geht mehr

Für das Gastgeberland Frankreich freue ich mich über eine ganz tolle WM: Die Stimmung in den Stadien war stark, das Publikum war fair, die Zuschauerzahlen waren gut. Das war rund und das hatte ich so erwartet. Auch sportlich hat es überwiegend Spaß gemacht. Was ein Thema für den DFB wäre: Fans aus anderen Ländern wie den Niederlanden, Schweden oder den USA haben die Erwartungen übertroffen - da geht bei uns noch mehr. Da könnte der DFB noch viel mehr machen, zum Beispiel genauso aufwändige Fanreisen zu organisieren wie bei den Männer-Turnieren.

Besser Olympia-Qualifikation verändern als 32 WM-Teilnehmer

Ob wir bei der nächsten WM, wie von FIFA-Präsident Gianni Infantino ins Spiel gebracht, 32 statt 24 Mannschaften brauchen, sehe ich sehr skeptisch. Ich fände gut, wenn man erst einmal den Qualifikations-Modus für die Olympischen Spiele überdenkt und die Teilnahme-Chancen für europäische Länder vergrößert. Was die WM betrifft: Es wäre sinnvoller, in vielen Verbänden zunächst beim Aufbau der Ligen zu helfen und vielleicht noch vier oder acht Jahre Vorlauf zu geben. In dieser Zeit können diese Nationen auch bei Turnieren wie dem Zypern- oder Algarve-Cup Erfahrungen sammeln und sich weiterentwickeln. Das Feld nur zu vergrößern, um mehr Geld zu erwirtschaften - das finde ich zu kurz gedacht. Man tut den Ländern und auch dem Frauen-Fußball keinen Gefallen, wenn viele Spiele Ergebnisse hervorbringen wie das 13:0 der USA gegen Thailand in der Gruppenphase. Die Entwicklung in Europa in Sachen Leistungsdichte sollte Vorbild sein für die globale Entwicklung.

Offenheit für neue sportliche Ideen

Deutschland hat im Frauen-Fußball nun die Aufgabe, die Lücke zu den USA wieder zu verkleinern. Es heißt ja ganz gerne, der DFB soll mehr Geld investieren - was auch zutrifft. Aber dabei fehlt mir der sportliche Gedanke, eine echte Vision. Andere Mannschaften haben bei diesem Turnier einfach eine andere Spielweise an den Tag gelegt. Schnell nach vorne, mit der entsprechenden Physis, zielstrebig und geradlinig. Natürlich auch mit individuell starken Spielerinnen, aber vor allem organisiert, kompakt und schnell. Wir tun gut daran, die Offenheit für neue sportliche Ideen zu haben. Wir hatten jahrelang Erfolg und haben den Zeitpunkt verpasst, frühzeitig entgegenzusteuern. Wir sollten uns auch trauen, zu sagen: Wir brauchen ein paar Jahre, um wieder dahinzukommen, um die Jungen heranzuführen und einzubauen. Es bedarf neben den Spielerinnen, die wir durchaus haben, aber auch einer mentalen Stärke, um auch einmal nach einem Rückstand zurückzukommen.

Auch über Kooperationen mit den Herren-Profiklubs: Die Liga muss stärker werden!

Unabdingbar wird sein, dass wir die Frauen-Bundesliga stärker machen. In anderen Ländern wie den USA werden die Spielerinnen in den Ligen regelmäßig maximal gefordert. Das Niveau kann die Bundesliga derzeit nicht bieten. Wir brauchen mehr Wettbewerb, über Bayern und Wolfsburg hinaus. Wie können wir die Liga verändern, finanzielle Möglichkeiten schaffen, die Spielerinnen zu Vollprofis machen, die Kader vergrößern? Es gibt tolle Ausbildungsvereine, die U-Nationalspielerinnen hervorbringen. Aber die reinen Frauenfußball-Klubs haben es schwer, professionelle Bedingungen zu schaffen oder sich diese zu leisten. Eine Vision wäre, dass beispielsweise Frauen-Erst- und Zweitligisten mit einem naheliegenden Männer-Profiklub kooperieren. Es muss ja nicht immer eine Fusion sein, aber Unterstützung in Sachen Infrastruktur, Marketing und Know-how würde weiterhelfen. Frankreich, England oder Spanien sind gute Beispiele für uns. Wir hingegen sind ein bisschen selbstverliebt geworden und sollten jetzt genau reflektieren und analysieren - und den Fokus anders setzen. Nämlich vor allem mental, organisatorisch und strukturell Verbesserungen zu schaffen.

Steffi Jones (46) war zwischen 1993 und 2007 Nationalspielerin (111 Einsätze), nach ihrer Karriere Präsidentin des Organisationskomitees bei der WM 2011 in Deutschland und zwischen 2016 und 2018 Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft. Seit Mai arbeitet die gebürtige Frankfurterin für ein Gelsenkirchener IT-Unternehmen. Sie ist zudem Co-Trainerin der Frauen-Mannschaft des SSV Buer und schaffte jüngst mit fünf Siegen in den letzten sechs Spielen den Klassenerhalt in der Landesliga.

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