SC-Sportchef über Videobeweis und weitere Veränderungen

Saier: Faszination Fußball? "Sicher nicht das klinische Spiel"

Jochen Saier

Hat klare Vorstellungen: Jochen Saier. imago images

Seit zwei Jahren kommt in der Bundesliga der Video-Assistent zum Einsatz - und hat nicht selten Turbulenzen ausgelöst. Ist dieses Instrument nun Fluch oder Segen? Und wie geht es weiter mit der Technologisierung des Profifußballs? Wird künstliche Intelligenz bald eine Hauptrolle spielen, etwa bei der weiteren Unterstützung der Schiedsrichter? Solche Überlegungen sind längt keine Utopie mehr. Genauso wie eine Super-Liga für europäische Spitzenklubs, deren Gründung immer wieder Thema ist. Bei der Europa League 2, dem dann dritthöchsten europäischen Vereinswettbewerb, sind die Überlegungen hingegen schon konkret. Zur Saison 2021/22 soll er erstmals an den Start gehen.

Dieses Europacup-Format könnte in der Theorie für Klubs wie Freiburg attraktiv sein, die am Saisonende nur ganz selten im vorderen Tabellendrittel zu finden sind, das zur Teilnahme an Champions und Europa League berechtigt. Freiburgs Sportchef Saier bewertet diese Veränderungen im Gespräch mit dem kicker jedoch kritisch.

Herr Saier, was halten Sie von den Reformplänen der europäischen Wettbewerbe?
Man hat in so vielen Bereichen einen toll funktionierenden Wettbewerb. Warum zerrt man daran? Einen closed Shop in einer Superliga, wo die Teams unabhängig vom aktuellen Tabellenstand teilnehmen, halte ich für den völlig falschen Weg. Ich glaube nicht, dass das bei den Fans auf Strecke trägt. Wenn es dauernd sogenannte Clasicos und Topspiele gibt, wird sich eine Sättigung einstellen. Unsere nationale TV-Geldverteilung halte ich für ausbalanciert, aber an die wirklich großen Fleischtöpfe kommt man über die Champions League. Wenn ein Verein dort zwei, drei Jahre spielt, hat er finanziell nicht mehr viel mit normalen Bundesligisten zu tun.

Wie stehen Sie zum Videobeweis?
Es gibt das schlagkräftige Argument ‚mehr Gerechtigkeit‘, gegen das man schwerlich argumentieren kann. Die Fülle an klaren Fehlentscheidungen habe ich vor der Einführung des Videobeweises allerdings nicht als so gravierend wahrgenommen. Die Schiedsrichter sind, entgegen der Zielsetzung, nochmal deutlich mehr in den Mittelpunkt des Spiels gerückt. Bei faktischen Entscheidungen hat sich eine ganz gute Verlässlichkeit eingestellt, bei den auslegungsbedürftigen Szenen und bei Korrekturen aufgrund sogenannter Wahrnehmungsfehler fällt es immer noch nicht ganz leicht, klare, für alle Beteiligten nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen. Die Komplexität dieser Einzelfälle wird dies auch in Zukunft nicht komplett hergeben. Jeder Klub hat seine eigenen Referenzszenen im Gepäck und Fehler gehören auch weiterhin zum Spiel. Nur wird den Unparteiischen durch die neu eingezogene Ebene und die Technik weniger Graubereich zugestanden. Den wird es aber immer geben.

Tut der Einsatz der Video-Assistenten denn dem Spiel gut?
Es ist nicht aufzuhalten und das Gewohnheitstier Mensch wird sich in zwei, drei Jahren an dem Thema abgearbeitet haben. Ein Teil der Faszination Fußball haben für mich das Unberechenbare und das Unmittelbare ausgemacht. Erst emotional zu jubeln, um kurz darauf die Freude auf Null drücken zu müssen, ist nicht ohne. Das Instrument hilft den Schiedsrichtern, aber es verändert das Spiel nicht nur zum Guten.

Wird künstliche Intelligenz in zehn Jahren einen entscheidenden Einfluss aufs sportliche Geschehen haben?
Auch das wird nicht aufzuhalten sein. In allen Bereichen, das merkt man auch in der eigenen Spielanalyse, fließt mehr davon ein. Aber der Fußball ist gut beraten, nicht Technologie-Führer sein zu wollen. Warum ist der Fußball so erfolgreich? Warum gibt es die kicker-Redaktion? Warum gehen 80.000 in Dortmund ins Stadion? Warum verdienen wir viel Geld durch Medien-Erlöse? Darauf gibt es ein paar Antworten, es ist aber sicher nicht das klinische Spiel. Fußball ist auch attraktiv, weil eine Aktion das Spiel komplett verändern und entscheiden kann, und dadurch, anders als in den meisten Viel-Punkt-Sportarten, nicht zwangsläufig die bessere Mannschaft gewinnt. In einem immer perfekteren Spiel ginge das kaum noch.

Aufgezeichnet von Patrick Kleinmann und Carsten Schröter-Lorenz