1860-Investor Ismaik im Exklusiv-Interview Teil II

Ismaik: "Das war mein größter Fehler - das muss ich mir eingestehen"

Hasan Ismaik

Sprach mit dem kicker über den TSV 1860 München: Hasan Ismaik. imago images

Herr Ismaik, vor der Mitgliederversammlung gibt es mehrere Diskussionspunkte - unter anderem eine geplante Kapitalerhöhung. Wie nehmen Sie das wahr?
Präsident Reisinger informiert die Menschen fünf Tage vor der Mitgliederversammlung über eine geplante Kapitalerhöhung - das ist alles berechnend. Hatte er nicht zwei Jahre Zeit, um den Verein so aufzustellen, damit er überlebensfähig ist? Es ist wieder eine verzweifelte Tat. Und was ist, wenn ich ablehne? Bin ich dann wieder der Sündenbock? (lacht)

Kommt eine Kapitalerhöhung bei 1860 für Sie in Frage?
Reisinger hatte mich vor Wochen angeschrieben, in dem er seinen Wunsch nach einer Kapitalerhöhung hinterlegte. Ich schrieb dem Präsidium zurück, dass Saki Stimoniaris die Gespräche übernehmen werde. Was kam als Antwort? Überraschung: Reisinger lehnt Stimoniaris als Gesprächspartner ab. Will er diese Kapitalerhöhung wirklich, oder ist das nur ein Scheinkampf, um auf meine Kosten Politik zu machen? Entschuldigen Sie, aber was bildet sich dieser feine Herr eigentlich ein? Glaubt Reisinger, bestimmen zu können, wer für HAM verhandelt? Damit ist das Thema für uns erledigt.

Vorigen Sommer haben Sie zwei Millionen Euro versprochen. Ist sowas nochmal denkbar? Ich habe vor einem Jahr zwei Millionen Euro freigegeben, genau, um Daniel Bierofka die Möglichkeit zu geben, die Mannschaft für die 3. Liga zu verstärken. Und was ist dann passiert? Nach sechs Monaten waren 1,5 Millionen Euro verbraucht, und dann wurde mit Adriano Grimaldi auch noch ein Publikumsliebling, der mit einem Langzeitvertrag ausgestattet war, für wenig Geld zu einem direkten Konkurrenten abgegeben. Sie glauben doch nicht wirklich, dass man als 60-Prozent-Aktionär bei solchen Entscheidungen Luftsprünge macht? Die ganze letzte Saison war nicht richtig kalkuliert.

Mein Geld wird als eine Selbstverständlichkeit angesehen.

Hasan Ismaik

Reisinger wollte einst für Sie arbeiten.
Richtig ist, dass sich Robert Reisinger vor einigen Jahren als Geschäftsführer der KGaA beworben hat. Er wurde aber vom Präsidium Mayrhofer abgelehnt. Als dieser Plan nicht aufging, wollte er Geschäftsführer meiner Vermarktungsfirma HI2 werden. Deswegen bin ich doch sehr überrascht, dass mich nun genau dieser Mann bekämpft, der vor Jahren noch für mich arbeiten wollte. Aber da gibt es in diesem Verein mehrere Beispiele, die eine beispielslose 180-Grad-Wendung hingelegt haben. Dazu gehört auch Herr Sitzberger. Er war immer der erste, der mir bei Toren für uns auf der Tribüne um den Hals gefallen ist.

Zurück zum Geld. Sie müssen bis zum 30. Juni Unterschriften leisten, damit die positive Fortführungsprognose über 2020 hinaus verlängert wird. Zum 31. Dezember müssen zudem Darlehen in Genussscheine umgewandelt werden. Wie sieht Ihr Plan aus?
Es heißt ja immer, Hasan Ismaik würde nichts für 1860 machen. Wir reden von 18 Millionen Euro. Es geht darum, mit meiner Unterschrift die Fortführungsprognose um ein weiteres Jahr zu verlängern. Und es ist auch schon vergessen, dass mit Teilen dieses Geldes die Verpflichtung von Stefan Aigner realisiert wurde. Zudem wurden fast alle Plätze auf dem Trainingsgelände renoviert oder eine Fitnesshalle gebaut.

Alles Fakten, die bewusst verschwiegen werden. Ich denke, dass sich unser Trainingsplatz für die Profis vor keinem Platz in der Bundesliga verstecken muss. Glauben Sie ernsthaft, dass Champions-League-Sieger Liverpool wegen der guten Luft bei uns vor einigen Monaten trainiert hat? Nein, gewiss nicht. Es sind immer noch gute Trainingsbedingungen. 1860 ist es am liebsten: Geld geben und Mund halten, aber selbst nichts auf die Reihe bekommen. Was mich ärgert: Mein Geld wird als eine Selbstverständlichkeit angesehen. Wenn ein Anderer Geld gibt, dann wird dieser Vorgang inszeniert und über Wochen gefeiert. Wenn ich zwei Millionen Euro gebe, heißt es: Ja, Ismaik muss das ja tun - das ist seine Verpflichtung. Dieses Spiel haben die meisten Löwen-Fans mit einem gesunden Menschenverstand durchschaut.

Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen.

Hasan Ismaik

Es gibt aber auch Bestrebungen, 1860 schuldenfrei zu bekommen. Was charmant klingt. Kann ein Konsolidierungskurs in der 3. Liga gelingen?
Ich kenne Reisingers Ziele nicht, aber dieser Kurs wird definitiv nicht zurück in die 2. Liga führen. Ich weiß auch nicht, ob Reisinger das Wort Konsolidierung überhaupt richtig bewerten kann. Zu einer Konsolidierung gehören auch Investitionen. Auf der einen Seite fährt man die Kosten für den Kader auf einen Tiefpunkt, auf der anderen Seite schröpft man die Fans mit der Erhöhung der Ticketpreise. Das ist aus meiner Sicht nicht wirklich gesund - und fair schon zweimal nicht. Der Verein ist mittlerweile so weit, dass er sich nicht mal aus eigener Kraft ein Trainingslager leisten kann. Nach außen gaukelt Reisinger vor, es sei alles bestens, doch hinter den Kulissen sieht es sehr bedenklich aus. Es wird gelogen, dass sich die Balken biegen.

Robert Reisinger

Mit Hasan Ismaik nicht immer einer Meinung: Robert Reisinger. imago images

Inzwischen ist es ja kein Geheimnis mehr, dass sich die Gesellschafter uneins sind. Stellen Sie sich vor, bei den Löwen kehrt Ruhe und ein vernünftiges Miteinander ein: Was wären Sie bereit, in Zukunft zu investieren?
Ich wäre der erste, der dem Verein die Hand reichen würde. Bis heute warte ich auf einen echten Plan, der uns zurück in die 2. Liga bringt. Innerhalb der letzten 16 Monate wurde ich mit Fünfjahresplänen und Zwei-Jahres-Plänen konfrontiert. Beide haben schon nicht mehr ihre Gültigkeit. Das sagt alles über den Zustand von 1860 aus. Ich bin weiter bereit, zu investieren, aber nicht in ein großes schwarzes Loch.

Vor knapp drei Jahren sagten Sie in einem kicker-Interview, dass Sie den TSV 1860 gerne in der Champions League sehen möchten. Halten Sie das nach wie vor für realistisch?
Das war ein Traum. Warum darf ich keine Träume haben? Wer will seinen Verein nicht mit den besten Teams in Europa konkurrieren sehen? Selbstverständlich weiß ich, dass wir von solchen Highlights inzwischen Lichtjahre entfernt sind. Aber 1860 hat das Potential, schon allein wegen seiner unglaublichen Strahlkraft und der fantastischen Fangemeinde. Sagen Sie mir einen Drittliga-Verein in Europa, der mehrere 1000 Fans zu den Auswärtsspielen mobilisieren kann? Für diese Kraft beneiden uns viele Erstligisten in Deutschland. Die Fans haben die Bundesliga verdient. Aber solange es so viele verschiedene Strömungen im Verein gibt, ist es schwierig, diesen Weg gemeinsam nach oben zu gehen.

Das war mein größter Fehler - das muss ich mir eingestehen.

Hasan Ismaik

Tauschen Sie sich mit anderen Investoren wie beispielsweise Chelseas Roman Abramowitsch oder Leipzigs Dietrich Mateschitz aus?
Durch meine Wirtschaftsbeziehungen habe ich ein großes Netzwerk, ich schaue auch viele Premier League-Spiele. Dadurch bin ich auch auf Ian Ayre gestoßen. Er hatte einst Jürgen Klopp zum FC Liverpool geholt. Es war mein Traum, mit Ayre etwas Ähnliches bei 1860 aufzubauen. Deswegen habe ich ihn als Geschäftsführer verpflichtet. Leider hat Ian schon nach mehreren Wochen bei 1860 gemerkt, dass dieser Verein von innen krank ist. Die Folge war sein Rückzug. Ich behaupte heute: Wären wir vor zwei Jahren nicht abgestiegen, würde 1860 seine Auswärtsfahrten jetzt nicht nach Großaspach oder Münster, sondern wieder nach Dortmund oder Leipzig machen. Zudem muss ich sagen: Der Aufstieg in die 3. Liga und der Klassenerhalt ist allein einer Person zuzuschreiben: Daniel Bierofka.

Rückhalt: 1860 hat noch immer eine große Fanbase.

Rückhalt: 1860 hat noch immer eine große Fanbase. imago images

Welche Fehler bereuen Sie? Bzw. was würden Sie im Nachhinein anders machen?
Das ist eine gute Frage: Ich bin davon ausgegangen, dass große Profivereine anders geführt werden als 1860. Ich hatte mich anfangs nie eingemischt, weil ich davon ausgegangen bin, das funktioniert auch ohne mich. Doch Jahr für Jahr wurde es schlechter. Dass ich meinen Einstieg bei 1860 im Jahr 2011 nicht an personelle Forderungen geknüpft habe - ja, das war mein größter Fehler. Aber damals ging es es um Stunden, um den Verein vor dem Gang zum Konkursrichter zu bewahren. Wir hatten einen unglaublichen Zeitdruck. Und ja, ich habe mich auch von vielen Leuten beraten lassen, die nur eines im Kopf hatten: Das schnelle Geld, aber nicht den sportlichen Erfolg von 1860. Das muss ich mir eingestehen.

Fehlt es dem e.V. Ihrer Meinung nach an Know-How?
Der e.V. hat auch gute Leute: Karl-Christian Bay. Das ist ein Löwe, der nicht auf seine Interessen schaut, sondern auf das Gesamte. Solche Menschen braucht der Verein. Oder dann gab es dieses Profifußball-Team. Da waren Personen dabei, die wissen, wie man Geld verdient. Nehmen wir nur diesen Burgerkönig. Der Mann generiert, weil er gute Ideen hatte, einen dreistelligen Millionen-Umsatz pro Jahr. Sie hätten den Verein weitergebracht, davon bin ich fest überzeugt. Warum werden diese Menschen abgelehnt? Diese Frage sollten sich alle kritischen Fans mal stellen.

Dass das sittenwidrig ist, brauche ich Ihnen ja nicht erzählen.

Hasan Ismaik

Und wie geht es mit der Jugendarbeit weiter? Das einst sehr gute Nachwuchsleistungszentrum hat Probleme - auch finanzielle. Wie soll 1860 dieses so wichtige Standbein in den Griff bekommen?
Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder angeboten, die Kosten für die Jugendarbeit zu übernehmen. Hier geht es nicht um Macht oder Ähnliches, sondern darum, den Nachwuchs des TSV 1860 wieder so professionell aufzustellen, dass er in allen Ligen in den höchsten Spielklassen vertreten ist. Aber der Verein tut alles, um sich abzuspalten. Die KGaA wird behandelt wie der böse Stiefbruder. Solange dieses Misstrauen herrscht, wird 1860 nicht mehr auf die Beine kommen.

Wie betrachten Sie die damit verbundene Partnerschaft mit der Bayerischen?
Ich frage Sie: Hat es in der Geschichte des TSV 1860 jemals einen Sponsor gegeben, der sich so ins operative Geschäft einbringt? Ich denke nicht. Ich schätze jeden Sponsor, der bereit ist, 1860 zu helfen und zu unterstützen. Aber es gibt gewisse Grenzen. Und diese Grenzen hat die Bayerische aus meiner Sicht deutlich überschritten. 1860 hat mit Abstand den größten Werbewert in der 3. Liga - und dieser Wert ist selbst mit der Erhöhung des Sponsoringpakets längst nicht erreicht.

Macht man sich zu sehr abhängig?
Es war doch Reisinger selbst, der gesagt hat, man dürfe sich nicht von einem Partner abhängig machen und müsse 1860 auf verschiedene Schultern satteln: Warum spielt dann die Bayerische in diesem Konstrukt die größte Rolle? Die Bayerische wollte im Abstiegsjahr mit dem Verein einen Zehn-Jahres-Vertrag unterschreiben. Das sagt alles. Dass das sittenwidrig ist, muss ich Ihnen nicht erzählen. Und zu den Namensrechten der Bayerischen: Ich wollte nicht, dass 1860 alles verramscht, was nicht niet- und nagelfest ist. Deswegen habe ich dem Verein ein Darlehen über die selbe Summe mit einer Verzinsung von 0,01 Prozent angeboten. Rechnen Sie sich aus, auf welche Summe wir in einem Jahr gekommen wären? (lacht).

Interview: Georg Holzner