Eine kommentierende Analyse

Herthas Finanzdeal als Zäsur - und Verpflichtung

Lars Windhorst (l.), Michael Preetz (r.)

Hertha steht vor einer spannenden Zukunft - links Lars Windhorst, rechts Michael Preetz. imago images (2)/picture alliance

Groß gedacht wird in Berlin gern. Nicht immer stehen Worte und Taten dann in Einklang. Bei Hertha BSC allerdings war der Eindruck, der sich manchem Beobachter aufdrängte, zuletzt ein anderer - nämlich der, dass sich da ein Klub trotz Digital-Offensive und Start-up-Affinität im analogen Kerngeschäft, dem Sport auf dem Rasen, in der eigenen Ambitionslosigkeit eingerichtet hat.

Der Abstand zur nationalen Spitze: wirtschaftlich und sportlich immens. Die Strahlkraft über den Raum Berlin-Brandenburg hinaus und selbst in weiten Teilen der Hauptstadt: überschaubar. Das existenziell wichtige Stadion-Projekt: festgefahren. Die Mannschaft: punktuell zu Top-Leistungen in der Lage, aber nicht konstant genug. Die Finanzen: nun ja. Die Lizenz für die neue Saison erhielt der Klub nur unter Auflagen.

Die Partnerschaft mit KKR sicherte Hertha 2014 schlicht die Lizenz

Der Donnerstag könnte als Zäsur in die Geschichte des 1892 gegründeten Vereins, der in seiner wechselhaften Historie zumeist notorisch klamm war, eingehen. Für 125 Millionen Euro wurden 37,5 Prozent der Klub-Anteile an Lars Windhorsts Beteiligungsgesellschaft "Tennor" veräußert, in der kommenden Saison kann - und soll - "Tennor" seine Anteile zu einem höheren Preis auf 49,9 Prozent aufstocken. Das finale Volumen soll dann signifikant jenseits der 200-Millionen-Euro-Grenze liegen.

Das klingt nach sehr viel - aber ist im heutigen, völlig entfesselten Fußball-Markt bei den ganz Großen der Branche manchmal nur ein einziger Transfer. Nach den im Klub durchweg positiv bewerteten Erfahrungen mit dem US-Private-Equity-Unternehmen KKR, dessen Anteile Hertha Ende 2018 für 71,2 Millionen Euro zurückkaufte, stellt sich Hertha jetzt neu auf. Die strategische Partnerschaft mit KKR, von Anfang an befristet, sicherte dem Klub 2014 nicht nur finanzielle Beinfreiheit, sondern schlicht die Lizenz. Die Finanzspritze war - aus heutiger Sicht - teuer, aber überlebensnotwendig.

Hertha stabilisierte sich in der Folge und kam zuletzt vier Jahre in Folge nicht mehr in Abstiegsnöte. Das wird künftig nicht mehr reichen. Einen gehörigen Teil des "Tennor"-Geldes wird Manager Michael Preetz in die Mannschaft stecken, verteilt über die nächsten Jahre. Die Aufgabe für den neuen Trainer Ante Covic, der am Montag startet, wird dadurch nicht einfacher - weil die Erwartungen mindestens im selben Tempo steigen wie die Möglichkeiten und möglicherweise deutlich schneller als die Qualität des Kaders.

Windhorst, in den 90er-Jahren als Wunderkind der deutschen Wirtschaft gefeiert, von Kanzler Helmut Kohl hofiert, später jäh abgestürzt und bis heute am Markt durchaus umstritten, sieht Hertha dank des Deals auf dem Weg zu "einem echten 'Big City Club'". Vergleiche mit den Big Playern aus Metropolen wie Madrid oder London sind indes nur bedingt hilfreich. Hertha stößt zwar, wie Finanzchef Ingo Schiller mit Recht anmerkt, durch die Partnerschaft "in neue Dimensionen" vor. Allerdings wird der Hauptstadt-Klub nicht schlagartig die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball umkehren. Der FC Bayern, Borussia Dortmund, RB Leipzig - sie bleiben in der Bundesliga die Benchmark. Hertha hat fortan deutlich bessere Voraussetzungen, ins Verfolgerfeld der Spitzen-Troika vorzustoßen.

Hybris hat schon mancherorts den Boden bereitet für Fehler - teure Fehler

Mit Valentino Lazaro wird einer der wichtigsten Spieler in den kommenden Tagen zu Inter Mailand wechseln. Will Hertha sportlich den nächsten Schritt tatsächlich schaffen, muss es gelingen, Spieler wie ihn künftig zu halten oder zumindest adäquat zu ersetzen. Viel Geld - das beweist der Fußball stets aufs Neue - erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, aber garantiert ihn nicht. Und Hybris hat schon mancherorts den Boden bereitet für Fehler, teure Fehler. Lars Windhorst, der wie Hertha auch bislang stets öfter aufstand als hinfiel, könnte dazu aus seinem eigenen Erfahrungsschatz sicher manches berichten. Das frische Geld ist dem Vernehmen nach bereits auf einem Treuhandkonto eingegangen. Jetzt liegt es an Hertha BSC, es klug einzusetzen.

Steffen Rohr

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