Kommentar

Auch wenn andere Teams weiter sind: Das Fundament ist gesetzt

Frischer Wind mit vielen frischen Kräften: Die umformierte DFB-Auswahl kann wieder etwas optimistischer Richtung EM blicken.

Frischer Wind mit vielen frischen Kräften: Die umformierte DFB-Auswahl kann wieder etwas optimistischer Richtung EM blicken. imago images

Der überaus warme Applaus, mit dem die Mainzer Zuschauer die Nationalspieler nach dem auch in dieser Höhe verdienten 8:0-Kantersieg über Estland in die Sommerpause verabschiedeten, spiegelte treffend die Gefühlslage der Fans nach dieser Länderspiel-Saison wider.

Wo vor elf Monaten nach dem WM-Fiasko in Russland Frust, Unverständnis und Verärgerung über die desaströsen Darbietungen und die verheerende Außendarstellung der DFB-Auswahl herrschten, bestimmen jetzt Hoffnung und Aufbruch die Gemütslage. Die Nationalmannschaft hat dank des von Joachim Löw im Oktober arg spät, aber gerade noch rechtzeitig herbeigeführten Verjüngungsprozess in dieser Saison einen Stimmungswandel bei der Basis bewirkt.

Beim 2:0 am Samstag in Weißrussland agierte die junge Mannschaft unter der Federführung von Löws Assistent Marcus Sorg engagiert und souverän, gegen komplett überforderte Esten kamen spielerische Raffinesse und Torraumszenen am Fließband hinzu. Auch begünstigt durch eine nahezu völlige Wehrlosigkeit und taktische Arglosigkeit des Gegners konnte das deutsche Team nach Herzenslust kombinieren. So wenig gefordert wurde eine deutsche Mannschaft zuletzt vor zwei Jahren im WM-Qualifikationsspiel gegen San Marino, das in Nürnberg 7:0 endete.

Seit sechs Spielen ist diese Mannschaft auf ihrer Findungsphase ungeschlagen, das ist zumindest schon einmal ein kleines Fundament. Jeder Sieg helfe bei der Weiterentwicklung, merkte Sorg, der den angeschlagenen Löw in diesen Tagen souverän und selbstbewusst vertrat, treffend an. Insofern war die Sechs-Punkte-Tour durch Baryssau und Mainz nach dem großen Satz vor drei Monaten in den Niederlanden (3:2) zwei wichtige Folgeschritte.

Die Richtung stimmt - England und Frankreich sind weiter

Aber es müssen viele weitere folgen, wenn Deutschland bei der EM 2020 tatsächlich - wie Kapitän Manuel Neuer ausgab - um den Titel mitreden will. Denn während die deutsche Mannschaft erst am Beginn ihres Umbruchs steht, sind andere Nationen wie Frankreich oder England wesentlich weiter. Dieser Rückstand wird schwerlich in den nächsten zwölf Monaten aufzuholen sein.

Konkurrenzkampf tobt - Zweite Reihe ohne Verlierer

Trotzdem: Die Richtung in der Nationalmannschaft stimmt, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb des Spielfeldes strahlen die vielen Youngster Neugierde, Offenheit, Spielfreude und Teamspirit aus. Der in nahezu allen Mannschaftsteilen tobende Konkurrenzkampf hat erste Gewinner hervorgebracht, beispielsweise die Verteidiger Niklas Süle und Matthias Ginter, die Offensiv-Bereicherungen Marco Reus und Leroy Sané sowie das Mittelfeld-Trio Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka, das die Abwesenheit von Toni Kroos zur Eigenwerbung nutzte.

Andere sind augenblicklich hintenan, aber trotzdem keine Verlierer. Timo Werner, als Joker Torschütze des 7:0, oder der am 20. Geburtstag gar nicht berücksichtigte Kai Havertz zum Beispiel zählen augenblicklich zwar nicht zur ersten Wahl, aber sie können bis zur EM noch zu Unterschiedspielern werden.

Ein Turnier, das hat die Vergangenheit und gerade auch die WM in Russland gezeigt, meistert nie eine Elf, sondern immer nur ein ganzes Team.

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