WM-Kolumne von Steffi Jones

Viele Optionen nach Marozsans Ausfall: Leupolz wäre meine Variante

Steffi Jones

Steffi Jones imago images/kicker

Die ersten 20 Minuten gegen China waren mutig, dominant, mit viel Ballbesitz, allein das Tor hat gefehlt. Danach kann man das Spiel des deutschen Teams kaum noch ernsthaft bewerten, denn durch das überharte Einsteigen der Chinesinnen war der Spielfluss komplett gestört. Es ist zwar eine WM und da wehrt sich jedes Team nach Kräften, aber die Schiedsrichterin hätte viel früher eingreifen müssen, um die Spielerinnen zu schützen, denn etliche Zweikämpfe waren gesundheitsgefährdend. Eine Spielleitung ist letztlich auch dafür da, dass alle Spielerinnen gesund vom Platz kommen.

Während des Spiels habe ich mich gefragt, ob die deutsche Mannschaft in den direkten Duellen besser dagegenhalten hätte müssen, aber letztlich haben sie das ja getan. Die Spielweise Chinas hatte in vielen Situationen nichts mit gesunder Zweikampfhärte zu tun, sondern war jenseits der erlaubten Grenze.

Umso mehr freut es mich, dass am Ende das Ergebnis stimmte. Die Spanierinnen am Mittwoch sind ein ganz anderer Gegner: Sie wollen selbst Fußball spielen, aus der Abwehr heraus aufbauen, mit wenigen Ballkontakten, bis der Pass in die Tiefe kommt. Allerdings werden auch sie mit einer körperlichen Präsenz auftreten. Wir müssen gegen Spanien kompakt und organisiert spielen, aber auch individuell Durchsetzungsvermögen zeigen. Da erwarte ich zum Beispiel von Svenja Huth oder auch Alexandra Popp mehr. Gegen Spanien geht es um den Gruppensieg, das ist klar.

Viele Optionen nach dem Marozsan-Ausfall

Richtig bitter ist deshalb auch der verletzungsbedingte Ausfall von Dzsenifer Marozsan. Sie ist für unsere Auswahl eine superwichtige Spielerin, dennoch bietet der deutsche Kader viele Optionen. Je nach taktischer Ausrichtung könnte Alex Popp aus dem Sturmzentrum zurückgezogen werden und Lea Schüller Spitze spielen. Aber auch Sara Däbritz, Lina Magull oder Melanie Leupolz können in der offensiven Mittelfeldzentrale spielen - Letztere wäre aufgrund ihrer Fähigkeiten als präzise Ballverteilerin meine Variante.

So sehr es mir für Dzsenifer Marozsan leid tut, kann ihre schwere Verletzung dem Team aber auch noch mehr Stärke und Zusammenhalt verleihen. Ich denke zurück an Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Damals wurde Simone Laudehr im ersten Gruppenspiel schwer am Sprunggelenk verletzt und dadurch entstand eine ganz ausgeprägte Jetzt-erst-recht-Stimmung. Nach dem Gewinn der Goldmedaille erinnern wir uns alle noch an ihr hochgehaltenes Trikot bei den Feierlichkeiten.

Marozsan kann auf die Zähne beißen

Die sehr gute medizinische Abteilung des DFB wird jetzt alles versuchen, um Marozsan für die K.-o.-Phase der WM wieder hinzubekommen. Sie ist eine von drei, vier Spielerinnen im DFB-Kader, die man auch dann bringt, wenn sie nicht im Vollbesitz der Kräfte ist. Das würde das Team auch akzeptieren, denn Marozsan ist ganz klar eine Unterschiedsspielerin, die auch auf die Zähne beißen kann. Das hat sie gegen China über fast 80 Minuten bewiesen.

Gut, dass Doorsoun die Chance bekam, sich zu fangen

Noch ein Wort zu Sara Doorsoun. Ich fand es gut, dass sie nach ihren krassen Fehlpässen nicht ausgewechselt wurde und von der Bundestrainerin die Chance bekam, sich wieder zu fangen. Man kennt das ja aus der eigenen Karriere, dass einem völlig unverständliche Fehler unterlaufen. Und dann tut es gut, wenn man diese wieder ausbügeln oder sein echtes Gesicht zeigen kann. Ich kann mir vorstellen, dass nach solchen Blackouts auf dem Platz auch Birgit Prinz als Teampsychologin nach dem Schlusspfiff hilft und den Spielerinnen wieder Mut und Selbstbewusstsein für ihren nächsten Einsatz mitgeben kann. Für Spanien werden wir viel davon brauchen.

Steffi Jones (46) war zwischen 1993 und 2007 Nationalspielerin (111 Einsätze), nach ihrer Karriere Präsidentin des Organisationskomitees bei der WM 2011 in Deutschland und zwischen 2016 und 2018 Bundestrainerin der Frauen-Nationalmannschaft. Seit Mai arbeitet die gebürtige Frankfurterin für ein Gelsenkirchener IT-Unternehmen. Sie ist zudem Co-Trainerin der Frauen-Mannschaft des SSV Buer und schaffte jüngst mit fünf Siegen in den letzten sechs Spielen den Klassenerhalt in der Landesliga.

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