Vereins-Ikone Heiner Brand zeigt sich bestürzt

Parallelen zum HSV: Bundesliga-Dino Gummersbach muss erstmals runter

Trauer beim VfL Gummersbach

Trauer bei den Spielern des VfL Gummersbach. picture alliance

Handball-Ikone Heiner Brand war bestürzt, die Spieler vergossen bittere Tränen der Enttäuschung. Der erste Bundesliga-Abstieg des letzten Bundesliga-Dinos VfL Gummersbach nach 53 Jahren löste beim Traditionsverein und seinen Fans tiefe Trauer und Entsetzen aus. "Es ist so gekommen, wie ich es befürchtet habe", sagte Brand nach dem dramatischen Herzschlagfinale seines Klubs. "Für Handball-Deutschland ist das ein Verlust. Künftig fehlt ein ganz großer Name."

Mit dem Schlusspfiff beim 25:25 bei Mitabsteiger SG BBM Bietigheim durfte das Bundesliga-Gründungsmitglied noch kurz auf den Klassenverbleib hoffen. Doch wenige Sekunden später traf der Rivale Eulen Ludwigshafen zum 31:30-Sieg gegen GWD Minden und schickte die Gummersbacher damit ins Tal der Tränen. Am Ende gab bei Punktgleichheit ein Tor den Ausschlag gegen den zwölfmaligen deutschen Meister. "Man sieht nur weinende Männer", schilderte VfL-Trainer Torge Greve die Gefühlslage. "Es ist schwer, Worte zu finden."

Für den einst erfolgreichsten Handballverein der Welt, der auch fünf Pokalsiege und elf Europacup-Triumphe feierte, ist damit das schlimmste Szenario eingetreten. Der Verein von Legenden wie Brand, Joachim Deckarm, Erhard Wunderlich oder Andreas Thiel befand sich schon in den vergangenen Jahren im Sinkflug, konnte sich aber immer wieder mit Mühe retten. Nun hat es den Verein doch erwischt.

Sportlich wie wirtschaftlich konnte Gummersbach schon lange nicht mehr mit den Topklubs mithalten. Sogar die Lizenz für die kommende Saison war kurzzeitig in Gefahr und wurde von der Handball-Bundesliga GmbH (HBL) erst verspätet erteilt, nachdem der VfL eine Finanzierungslücke im Etat geschlossen hatte. "In unserer aktuellen sportlichen Situation ist das mit Sicherheit eine positive und wichtige Meldung", hatte VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler vor der Partie betont.

Brand: "Es braucht eine klare Analyse"

Nach dem erstmaligen Absturz in die Zweitklassigkeit, der ein wenig an den Abstieg der Fußballer des Hamburger SV erinnert, steht der Verein vor einem Berg an Arbeit, um den Verein für das Oberhaus wieder salonfähig zu machen. "Man muss sich über die wirtschaftlichen Dinge einigen, da muss man Ordnung reinbringen. Das wird sehr schwer mit den vorhandenen Altlasten", sagte Brand. "Und auch im sportlichen Bereich muss man sich Gedanken machen. Es braucht eine klare Analyse."

Wie schwer eine Rückkehr werden kann, musste zuvor schon der TV Großwallstadt erfahren. Der langjährige Rivale, mit dem sich Gummersbach von Ende der 1970er Jahre an heiße Titelduelle lieferte, ist gerade wieder in die 3. Liga abgestiegen. Tradition wirft keine Tore. "Es wird immer noch über den VfL Gummersbach geredet, jeder kennt die Erfolge. Aber davon muss man sich jetzt lösen", forderte Brand.

Eine klare Zukunftsvision hat der 66-Jährige, der seine gesamte Karriere für Gummersbach spielte und dort auch sechs Jahre erfolgreich als Trainer arbeitete, jedoch nicht. "Es gibt einen Neubeginn. Wie der im Detail aussieht, weiß ich nicht", sagte Brand. Fest steht für ihn nur: "Es fällt schwer, mir die Bundesliga ohne den VfL vorzustellen."

Kraus: "Ich übernehme natürlich die Verantwortung"

Michael Kraus

Enttäuscht: Bietigheims Michael Kraus (Mi.), der den letzten Wurf vergab. imago images

Groß war die Trauer auch bei der SG BBM Bietigheim, die durch das 25:25 gemeinsam mit Gummersbach den Weg in die Zweitklassigkeit antreten muss. Besonders Michael "Mimi" Kraus war untröstlich. Der Routinier vergab sieben Sekunden vor der Schlusssirene den letzten Wurf und damit den möglichen Sieg. "Für den letzten verworfenen Wurf übernehme ich natürlich die Verantwortung", sagte der 35-jährige Weltmeister von 2007.

"Ich mache ihm keine Vorwürfe", sagte Bietigheims Trainer Hannes Jon Jonsson, "denn er ist ein Spieler, der Verantwortung übernimmt." Zumal Bietigheim bei einer Vier-Tore-Führung Mitte der zweiten Hälfte den Sieg vor Augen gehabt hatte. Dann aber schlichen sich Leichtsinnsfehler ein, der Vorsprung schmolz bis zum dramatischen Finale zusammen. "Wir haben das Spiel aus der Hand gegeben", beklagte Jonsson, der trotz des Abstiegs den Verein auf einen guten Weg wähnt. "Natürlich sind wir die nächsten Tage sehr traurig und enttäuscht. Aber wir müssen wieder auf die Beine kommen und nach vorne schauen.

dpa/jer

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