Dissinger & Co. wiederholen Überraschungscoup von 2017

Skopjes Märchen: Team ohne Zukunft gewinnt Königsklasse

Christian Dissinger und seine Teamkollegen

Vardar Skopje setzt sich auf den europäischen Handballthron. Mittendrin: Christian Dissinger. imago images

Das Final Four in Köln bleibt seinem Ruf treu: Wieder einmal krönte sich mit Vardar Skopje einer der Außenseiter zum Titelträger in der Königklasse. "Ich erwarte für das Finale gar nichts", erklärte Vardars deutscher Rückraumspieler Christian Dissinger noch nach dem sensationellen Comeback gegen Barcelona. "Wir haben nicht einmal erwartet, so weit zu kommen." Am Ende stand der 27-Jährige trotzdem mitten im Konfettiregen von Köln.

Vor 19.750 Zuschauern in der ausverkauften Lanxess-Arena benötigte Skopje trotz des kräftezehrenden Halbfinals keine Anlaufzeit. Der nordmazedonische Meister wirkte von Anfang an bissiger und stellte Veszprems Defensivverbund mit den flinken Rückraumspielern Igor Karacic und Stas Skube vor eine knifflige Aufgabe. Immer wieder setzten die beiden Spielmacher den großgewachsenen Topshooter Dainis Kristopans (2,15 m) mit schnellen Sprints in Szene, der entweder selber abschloss oder ein feines Auge für die Kreisläufer bewies. Insgesamt erzielte Vardar im ersten Abschnitt starke 38 Prozent der Tore über die Kreisposition (6 von 16).

FC Barcelona - Die letzten Spiele
Paris SG (H)
36
:
32
Elverum (H)
33
:
24
MKB Veszprem KC - Die letzten Spiele
V. Skopje (H)
39
:
30
FC Porto (H)
38
:
28
HC Vardar PRO Skopje - Die letzten Spiele
Veszprem (A)
39
:
30
Kiel (H)
20
:
31
KS Vive Kielce - Die letzten Spiele
Brest (A)
27
:
31
Montpellier (H)
27
:
29
Handball Champions League - Finale

Dagegen blieb das leicht favorisierte Veszprem in den ersten 30 Spielminuten einiges schuldig. Obwohl die Ungarn nach der Vorschlussrunde die etwas längere Pause hatten, wirkte der Angriff um den Ex-Flensburger Kentin Mahé über weite Strecken pomadig. Petar Nenadic, gegen Kielce mit insgesamt zwölf Toren Matchwinner, fand bis auf einen Fehlwurf nicht statt. Somit ging es unter den ungläubigen Blicken der in Scharen angereisten Veszprem-Anhänger in die Kabine.

Davis' Psychospielchen

Nach dem Seitenwechsel bediente sich Veszprems Trainer David Davis dann einem kleinen "Psychospielchen". Der 42-jährige Spanier brachte Arpad Sterbik in die Partie. Der Star-Torhüter hatte sich am Vortag nach einem harten Zusammenprall verletzt und konnte auch im Finale nur humpelnd auf das Feld zurückkehren. Der Wechsel wirkte dennoch: Der 39-Jährige parierte ein ums andere Mal - Vardars Vorsprung war in der 39. Minute bis auf ein Tor zusammengeschmolzen (17:16).

Eine packende Schlussphase entwickelte sich, die von etlichen Strafwürfen geprägt war. In der hitzigen Endphase sollte die Mannschaft des spanischen Trainers Roberto Garcia Parrondo aber Nervenstärke beweisen. Die Entscheidung besorgte Ivan Cupic - für das Finale bezeichnend - aus sieben Metern zum 27:24, eine Minute vor dem Ertönen der Schlusssirene.

Es dürfte vorerst Vardars letztes Ausrufezeichen im europäischen Handball gewesen sein. Denn nachdem der russische Mäzen Sergej Samsonenko vor einigen Monaten angekündigt hatte, sein Engagement deutlich zurückschrauben zu wollen, entschieden sich fast alle Leistungsträger für einen Vereinswechsel. So werden unter anderem Ferreira (Veszprem), Torhüter Dejan Milosavljev (Berlin) oder Spielmacher Karacic (Kielce) künftig das Trikot eines anderen Klubs tragen.

Karacic wird Final-MVP

Beste Torschützen des Finals wurden Veszprems Mahé und Skopjes Rogerio Moraes Ferreira mit je sechs Treffern. Der Brasilianer begann das Handballspielen im Übrigen erst im Jahr 2012 - und lief zuvor schon im Trikot des THW Kiel auf. Die Auszeichnung für den besten Spieler des Endspiels erhielt der Kroate Karacic.

Barcelona gewinnt Torfestival gegen Kielce

Aron Palmarsson

Fand nach dem Spiel um Platz 3 deutliche Worte: Barcelonas Aron Palmarsson. imago images

Bereits am Sonntagnachmittag hatte sich der FC Barcelona den dritten Platz gesichert. Der amtierende spanische Meister, der am Samstag im Halbfinale trotz einer Sieben-Tore-Führung zur Halbzeit gegen Skopje noch das Final-Ticket verspielt hatte, gewann gegen Polens Spitzenteam KS Kielce 40:35 (20:16).

Dabei legten die Katalanen einen Start-Ziel-Sieg hin: In einer flotten Anfangsphase erspielte sich Barcelona angeführt von Acht-Tore-Mann Dika Mem schnell ein kleines Polster (9:5 nach zehn Minuten). Kielce, künftiger Arbeitgeber von Nationaltorhüter Andreas Wolff, hatte zunächst keine Antwort auf die Angriffswellen der Spanier parat. Somit ging es mit einem 20:16 für Barça in die Katakomben der Kölner Lanxess-Arena.

Im zweiten Durchgang machte Kielce mit Trainer Talant Dujshebaev das Spiel wieder spannend und profitierte auch von einer Zeitstrafenflut. In der 51. Spielminute stand der FC Barcelona aufgrund von drei Strafen mit lediglich drei Feldspielern auf dem Parkett. Der spanische Champion geriet ins Straucheln, brachte den Vorsprung aber über die Zeit. Für Kielce traf Alex Dujshebaev fünfmal ins gegnerische Tor, der spanische Halblinke ist mit 100 Toren Torschützenkönig der Champions-League-Saison. Insgesamt lieferten beide Teams in einem Spiel ohne große Bedeutung eine unterhaltsame Vorstellung mit dem ein oder anderen Kabinettstück - beide Abwehrreihen agierten allerdings ohne die letzte Konsequenz.

Wir sind Profis, wir müssen dieses Spiel spielen, aber wir hatten keine Motivation.

Aron Palmarsson

Deutliche Worte fand Barcelonas Spielmacher Aron Palmarsson nach dem Spielende am Mikrofon von "Sky": "Es gab keine Motivation für dieses Spiel. Wir sind Profis, wir müssen dieses Spiel spielen, aber wir hatten keine Motivation." Zum Abschluss legte der Isländer noch einmal den Finger in die Wunde und blickte auf die Halbfinalpleite gegen Skopje zurück: "Wir hatten keine Eier. Wir haben unglaublich schlecht gespielt, sind in der zweiten Hälfte nicht mehr viel gelaufen und deswegen hat Skopje noch gewonnen."

Der CL-Finaltag im Stenogramm

MKB Veszprem - Vardar Skopje 24:27 (11:16)

Tore für Veszprem: Mahé (6), Tönnesen (4), Nenadic (3), Nilsson (2), Mackovesk (2), Lekai (2), Ilic (1), Blagotinsek (1), Gajic (1), Nagy (1) und Terzic (1)
Tore für Skopje: Ferreira Moraes (6), Cupic (5), Kristopans (4), Karacic (3), Skube (3), Dibirov (3), Stoilov (2) und Shishkarev(1)

FC Barcelona - KS Vive Kielce 40:35 (20:16)

Tore für Barcelona: Mem (8), Dolenec (7), N. Ilic (6), Tomas (5), Entrerrios (3), Fabregas (3), Palmarsson (3), Andersson (2), Gomez (2), Duarte (1)
Tore für Kielce: Moryto (10), Karalek (6), A. Dujshebaev (5), Janc (4), Cindric (3), Kulesch (3), Fernandez (1), Jachlewski (1), Lijewski (1), Mamic (1)

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