Ein Kommentar von Jörg Jakob (Chefredakteur)

Klopps Werk: Alles, nur nicht normal

Da ist das Ding: Jürgen Klopp stemmt den Henkelpott in die Höhe.

Da ist das Ding: Jürgen Klopp stemmt den Henkelpott in die Höhe. Getty Images

Die Reds sind damit zum sechsten Mal "Kings of Europe", das entschädigt allemal für den knapp verpassten Heiligen Gral, die ersehnte 19. englische Meisterschaft. Es ist der absolut verdiente Lohn für eine überragende Saison sowie die beeindruckende Aufbauarbeit in gut dreieinhalb Jahren. Diesmal kam der nötige Glücksmoment hinzu, in Form des frühen von Mohamed Salah verwandelten Handelfmeters. Sowie sein glückliches Händchen. Den 2:0-Sieg, den Torhüter Alisson festhielt, stellte schließlich der eingewechselte Divock Origi sicher.

Der FC Liverpool, dieser wuchtige, geradezu religiös aufgeladene Fußballklub, verdankt diesen Triumph einer präzisen, geduldigen Entwicklung seit Klopps Erscheinen in Anfield. Als uneingeschränkter Boss im sportlichen Bereich, der sich der Unterstützung der US-amerikanischen Klubbesitzer, der Fenway Sports Group, sicher sein kann, formte der frühere Mainzer Aufstiegstrainer und Dortmunder Meistermacher die Reds zu einem Weltklasse-Team.

Erst die Herzen, dann die Trophäe

Die sportlichen Fortschritte und der wirtschaftliche Ertrag der Reds waren bereits vor diesem Finale gewaltig, die Sympathiewerte sowieso. Klopp hat zunächst die Herzen erobert und nun, nach Rückschlägen in drei Endspielen, endlich auch eine Trophäe.

Um das Meisterstück schließlich zu vollenden, bedurfte es zweifellos teurer Einkäufe wie die von Alisson und Abwehrchef Virgil van Dijk. Doch den Sieg in der Königsklasse in diesem Europapokal-Spieljahr mit zwei Finalisten aus der schwer reichen Premier League alleine mit finanzieller Potenz zu erklären, greift viel zu kurz und wird der Gesamtleistung nicht gerecht. Zumal Liverpool wie Endspielgegner Tottenham Hotspur - gemessen an weiteren europäischen Top-Top-Klubs - Paradebeispiele dafür sind, wie erst mit Maß und Sachverstand eingesetztes Geld Tore schießen (und verhindern) kann.

Klopps Triumph ist kein Einzelwerk

Jörg Jakob (Chefredakteur)

Jörg Jakob (Chefredakteur) kicker

Doch das ist nicht alles. Liverpools Rückkehr an die europäische Spitze basiert vor allem auf Leidenschaft, Widerstandsfähigkeit, harter Arbeit.

Klopps persönlicher Triumph ist das Ergebnis seines Teambuildings über die Mannschaft mit vorzüglichen Profis hinaus, es wirkt sich im gesamten Klub aus, weitere Deutsche haben ihren Anteil daran: sein Assistent Peter Krawietz, Fitnesstrainer Andreas Kornmayer, Ernährungsberaterin Mona Nemmer und Physiotherapeut Christopher Rohrbeck.

Nach Jupp Heynckes (1998 mit Real Madrid) ist Jürgen Klopp erst der zweite deutsche Trainer, der mit einem ausländischen Klub die Champions League gewinnt. Der spektakuläre, emotionale Weg, der schließlich zum Henkelpott geführt hat, ist sein ganz spezielles Werk. Normal ist das alles nicht mehr.

43

Von Berlin über Kiew bis Madrid: Klopps Endspiele