Arsenal steht ein komplizierter Sommer bevor

"Sie haben Hazard, wir haben Özil"

Mesut Özil nach dem verlorenen Europa-League-Finale

Leerer Blick in Baku: Mesut Özil nach dem verlorenen Europa-League-Finale. picture alliance

"Wenn wir das Finale verlieren, wäre unsere Saison enttäuschend", hatte Bernd Leno diese Woche im kicker-Interview gesagt, und genauso fühlte es sich für Arsenal dann auch an. Lucas Torreira weinte, Petr Cech stand regungslos da, Mesut Özil saß mit leerem Blick auf der Bank: Eine Spielzeit, die zwischen August und Dezember 22 Pflichtspiele ohne Niederlage geboten hatte, endet mit nur allzu bekannten Bildern.

Arsenal verspielte im Europa-League-Finale gegen Chelsea (1:4) nicht nur den ersten Europacup-Titel seit 1994, sondern auch die zweite Chance auf eine Rückkehr in die Champions League. Weil sie vier der finalen sieben Partien verloren (gegen Everton, Crystal Palace, Wolverhampton und Leicester), waren die Gunners in der Premier League mit zwei Punkten hinter Chelsea und einem hinter Tottenham Fünfter geworden. Sie haben die Königsklasse regelrecht verschenkt.

Man ahnt: Arsenals "Schritt nach vorne" ist nicht groß genug ausgefallen

Dabei hatte die Elf von Trainer Unai Emery am Mittwochabend (vor offiziell nur 51.370 Zuschauern) mit viel Dynamik begonnen; Granit Xhaka traf die Latte, und auch Mesut Özil war redlich bemüht, seine Defensivaufgaben zu erfüllen, stellte so manchen Passweg erfolgreich zu. Doch nach dem ersten Gegentor unmittelbar nach der Pause machte Arsenal Arsenal-Dinge und fiel schnell in sich zusammen: Binnen 23 Minuten schlug Chelsea drei weitere Male zu. Defensiv und mental zeigten die Gunners altbekannte Mängel.

Emery hat zwar recht, wenn er sagt, die Mannschaft habe im ersten Jahr nach Arsene Wenger, seinem ersten Jahr, "einen Schritt nach vorne gemacht" und sei jetzt "konkurrenzfähiger". 2017/18 war Arsenal noch mit sieben Zählern weniger Sechster geworden und im Europa-League-Halbfinale hängengeblieben. Doch auch er weiß: Weil der Schritt nicht groß genug ausgefallen ist, droht jetzt erst einmal wieder einer zurück.

Arsenal hat gerade nicht mal einen Sportdirektor - Edu soll kommen

Dass Arsenal 2019/20 zum dritten Mal in Folge nur in der Europa League starten wird, macht den Sommer schließlich noch viel komplizierter: Ein Klub, der von seinem Eigentümer Stan Kroenke streng wirtschaftlich geführt wird, muss mit begrenzten finanziellen Ressourcen einen Kader verstärken, aus dem neben Cech (Karriereende) und Danny Welbeck (Vertrag läuft aus) auch Aaron Ramsey (zu Juventus) ablösefrei wegfällt - und hat dafür gerade nicht einmal einen Sportdirektor zur Verfügung.

kicker.tv Hintergrund

Sarris erster Trainer-Titel: "Wir haben es verdient!"

alle Videos in der Übersicht

Ex-Arsenal-Profi Edu soll für diese Aufgabe vom brasilianischen Verband kommen und die Lücke schließen, die auch der heutige Stuttgarter Sportdirektor Sven Mislintat, bis dahin "head of recruitment" bei Arsenal, mit seinem Abschied im Februar hinterlassen hat. "Ich will all unseren Fans sagen, dass wir uns mitten in einem Prozess befinden", sagte Emery am Mittwochabend. Aber das dürften die schon mitbekommen haben.

Willock für Özil - für den "Guardian" eine "Demütigung"

Es geht die Angst um, weiter den Anschluss zu verlieren, für längere Zeit nicht mehr an die große Vergangenheit anknüpfen zu können. "Der Klub ist von weit oben heruntergefallen", klagte der frühere Arsenal-Verteidiger Martin Keown angesichts der Kräfteverhältnisse im Europa-League-Finale im englischen TV. "Sie haben Hazard, wir haben Özil."

Während Eden Hazard (in seinem wohl letzten Spiel für Chelsea) das 2:0 vorbereitete und selbst zum 3:0 und 4:1 traf, ging Özil im zweiten Durchgang mit seinen nicht minder blassen Kollegen unter und wurde nach insgesamt nur 40 Ballkontakten in der 77. Minute für den 19-jährigen Joe Willock ausgewechselt, der in der Premier League bislang 64 Minuten lang gespielt hat. Der "Guardian" nannte das eine "Demütigung" für den nach wie vor bestbezahlten Arsenal-Profi, der weiter auf seinen ersten Europapokal-Triumph warten muss und die Saison mit nur sechs Assists beendet - sein niedrigster Wert seit elf Jahren.

Im Spiel gegen den Ball macht er einfach nicht genug, auch wenn er das vielleicht denkt.

TV-Experte Martin Keown über Mesut Özil

"Er gehört in eine ballbesitzorientierte Mannschaft mit besseren Spielern", findet Keown, "im Spiel gegen den Ball macht er einfach nicht genug, auch wenn er das vielleicht denkt." Emery hat es in der ganzen Saison nicht geschafft, Özil, inzwischen 30, in seine Idee vom Spiel einzubinden, ein Wechsel im Winter war nicht zustande gekommen. Es fasst die Transferprobleme der Gunners ganz gut zusammen: Die Spieler, die sie gerne loswerden wollen, werden sie nicht los, die, die sie wollen, bekommen sie langsam nicht mehr.

Everton und Wolverhampton lauern, vielleicht bald auch Newcastle

"Ich glaube, Arsenal ist ein großer Name in der Fußballwelt", hält Emery dagegen. "Viele Spieler wollen hier spielen." Aber die Konkurrenz wird nicht kleiner: Everton wird weiter aufrüsten, Wolverhampton drängt in die Top Sechs, Newcastle könnte hinzukommen, wenn tatsächlich Scheich Khaled bin Zayed Al Nahyan, ein Cousin des ManCity-Besitzers, Mike Ashleys Anteile kauft. Und dass Manchester United noch einmal vier Punkte hinter Arsenal landet, will auch niemand so recht glauben.

Es spricht also zumindest für Emerys mentale Stärke, dass er noch an diesem tristen Abend in Baku diesen Satz zustande brachte: "Ich blicke positiv in die Zukunft."

jpe