Ein Kommentar von kicker-Redakteur George Moissidis

Stuttgart hat nicht verdient, was es geschenkt bekam

Verloren in Berlin: Auch erfahrene Spieler wie Mario Gomez, Holger Badstuber oder Benjamin Pavard konnten das Ruder nicht rumreißen.

Verloren in Berlin: Auch erfahrene Spieler wie Mario Gomez, Holger Badstuber oder Benjamin Pavard konnten das Ruder nicht rumreißen. imago images

Und der Relegationspokal geht an... Union Berlin. Selten ist ein Bundesligist verdienter abgestiegen als diesmal der VfB Stuttgart, der die Minusrekorde seiner eigenen Historie regelrecht pulverisierte. Nur 28 Punkte aus 34 Ligaspielen hat kein VfB-Team seit Einführung der Dreipunktewertung gesammelt. Die wenigsten Tore (32), die drittmeisten Gegentore (70) nach 1974/75 (79) und 2015/16 (75), als es jeweils ebenfalls in die 2. Liga ging, sowie die wenigsten Siege (7) und meisten Niederlagen (20) zieren eine Bilanz, unter der niemals der Klassenerhalt stehen dürfte.

Desaströse Zahlen, die untermauern, was niemand gerne hören wird: Stuttgart hat nicht verdient, was es letztlich durch das Reglement der Relegation geschenkt bekommen - und am Montagabend in einem echten Finale in Berlin schließlich verschmäht hat.

Es brauchte drei Trainer, zwei Sportvorstände sowie zwei Kontrahenten wie Hannover und Nürnberg, die sich noch ligauntauglicher anstellten, um überhaupt so weit zu kommen. Eigentlich schon zu weit, denn die Spieler des VfB haben allenfalls in homöopathischen Dosierungen das ihnen nachgesagte Potenzial abgerufen.

kicker-Redakteur George Moissidis

kicker-Redakteur George Moissidis

Der mittlerweile entlassene Sportvorstand Michael Reschke investierte inklusive der Wintertransfers rund 47 Millionen Euro in eine Mannschaft, die mittlerweile an die 60 Millionen Euro an Etat verschlingt. Ein Monstrum. Abgesegnet von Klub- und AG-Präsident Wolfgang Dietrich und dem Aufsichtsrat, die beide in dieser Entwicklung keine glücklichere Figur abgegeben haben als die Spieler. Man darf gespannt sein, wie heiß es bei der Mitgliederversammlung am 14. Juli zugehen wird. Dietrich möchte sein Amt behalten, aber große Teile der Mitglieder sind schon auf den Barrikaden.

Stuttgart verfügt über ein Team, das einen Optimismus genährt hat, der vorrangig aus großen Versprechen und fetten Ablösesummen bestand; dem es vor allem an der nötigen Professionalität, Disziplin und Mentalität fehlt. Selbst die Selbstreinigungskräfte versagten bei so viel Selbstüberschätzung.

Mislintat, Hitzlsperger und der Mount Everest

Der Abstieg ist die logische Folge dieser Entwicklung, aus der der Traditionsklub vom Neckar nur ein Fazit ziehen kann: Ausgerechnet im Jahr nach ihrem 125. Geburtstag stehen die Schwaben vor der nächsten Totalsanierung: in der Führung um Dietrich und den Aufsichtsrat, sportlich, wo der neue Sportdirektor Sven Mislintat einen Mount Everest an Arbeit vorgefunden hat. Zusammen mit Sportvorstand Thomas Hitzlsperger muss der Kaderplaner das vorhandene Personal detailliert auf seine Tauglichkeit überprüfen und gegebenenfalls ausmisten. Ohne Rücksicht auf Verluste, die es angesichts vieler noch laufender Verträge geben wird.

Ein Anfang ist gemacht. Den ersten Verpflichtungen Mislintats fehlt es vielleicht an Glamour. Doch Mateo Klimowicz aus Cordoba, Atakan Karazor aus Kiel sowie der vor seinem Wechsel stehende Philipp Klement aus Paderborn stehen vor allem für Ehrgeiz und Mentalität. Genau das, was am nötigsten gebraucht wird. In der 2. Liga sogar noch mehr als in der Bundesliga, die der VfB möglicherweise länger nicht sehen wird. Die Konkurrenz für die beiden Spitzenplätze im Unterhaus ist, anders als 2016/17, allein schon mit Hannover, Nürnberg und dem HSV größer als letztes Mal.