Erfahrungen gegen den BVB

Union: Fischer setzt auf eine Trotzreaktion

Urs Fischer

Ein verhaltener Blick in Richtung Bundesliga: Union-Trainer Urs Fischer. Getty Images

Lediglich etwas mehr als 200 Kilometer sind es von Zürich nach Stuttgart. Trotz dieser verhältnismäßig geringen Entfernung erwartet Union Berlins Trainer Urs Fischer am Donnerstag aber keine Angehörigen aus dem engeren Familienkreis unter den Zuschauern des Relegations-Hinspiels beim VfB Stuttgart. Die kommen wohl erst zum Rückspiel in Köpenick. "Sie nehmen lieber den langen Weg in Kauf", sagte der Schweizer Fischer. In gewisser Weise gilt das ja auch für seine Mannschaft.

Die ließ in den vergangenen Wochen mehrere Chancen liegen, sich als Tabellenzweiter der 2. Liga erstmals in die Bundesliga zu befördern und sich den Umweg über die Relegation zu ersparen. "Da, wo wir eigentlich nicht hinwollten, sind wir jetzt", fasste es Fischer zusammen. Vor der Saison hätten sie in Berlin-Köpenick den Einzug in die Relegation als uneingeschränkten Erfolg gewertet. Spätestens seit dem verpassten Direktaufstieg am Sonntag durch das 2:2 in Bochum fällt es den Eisernen jedoch schwer, die anstehenden beiden Spiele noch als eine willkommene Möglichkeit zu werten. Fischer begann daher am Dienstag auch öffentlich mit dem Kampf gegen negative Stimmungen und die Selbstzweifel.

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Die Umwandlung negativer Energie

Bochum "ist vorbei", betonte der 53-Jährige. "Freude und Spaß" solle seine Mannschaft nun doch wieder bekommen. Die Spieler habe er übrigens am Dienstag schon wieder "gut und positiv" erlebt. Aber was soll er auch anderes sagen? Die Möglichkeit, Dinge noch einmal grundlegend zu verändern, bleibt in dieser Phase der Saison ohnehin nicht mehr - zumal Fischer es ausdrücklich begrüßt, dass seine Mannschaft nur drei Tage Vorbereitung auf das Spiel am Donnerstag (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker.de) hat und damit wenig Zeit für Selbstzweifel bleiben.

"Es war wichtig, dass wir uns am Montag nicht mehr mit Bochum beschäftigt haben, sondern uns gleich an die neue Aufgabe gemacht haben" erklärte Fischer, für den es darum geht, "wie du die negative Energie in positive Energie umwandelst". Die Empfehlung des Schweizer Meistertrainers: "Es gilt, diese Energie in eine Trotzreaktion umzuwandeln."

Gegner Stuttgart erwartet Unions Coach am Donnerstag mit einer "sehr guten Dynamik im Umschaltspiel", außerdem habe der VfB zuletzt kompakt gestanden und nicht viel zugelassen. Am vergangenen Samstag beobachtete Fischer die Schwaben beim 0:0 des Tabellendrittletzten der Bundesliga auf Schalke. Der Erkenntnisgewinn dieses Ausflugs habe sich aber in Grenzen gehalten, da es für beide Seiten um nichts mehr gegangen sei.

Wen er gegen die dynamische VfB-Offensive als Ersatz für den im Hinspiel gelbgesperrten Innenverteidiger Florian Hübner in die Viererkette beordert, ließ Fischer erwartungsgemäß offen. Sowohl für Routinier Michael Parensen als auch für Nicolai Rapp "spricht vieles". Das Kriterium Schnelligkeit, bei dem der 22-jährige Rapp über Vorteile gegenüber seinem zehn Jahren älteren Teamkollegen verfügt, sei nicht allein entscheidend. "Antizipieren zu können ist auch eine Schnelligkeit", merkte Fischer an.

Nur Verteidigen? "Unwahrscheinlich"

Wie auch schon in den vergangenen Wochen, in denen sich seine Mannschaft immer wieder schwertat, oft erst nach einem Rückstand aufdrehte und Schwächen in der Chancenverwertung offenbarte, appellierte der Coach zudem, dass man sich nicht nur auf die beste Defensive der 2. Liga verlassen dürfe. "Nur Verteidigen und die Null halten sehe ich als unwahrscheinlich an", Union solle auch "den Mut haben und nach vorne spielen". Für eine Frage der mangelnden Erfahrung hält Fischer ein Bestehen in der Relegation übrigens nicht. Vielmehr gehe es darum, die Chancenverwertung in den Griff zu bekommen. "Die Mannschaft hat eigentlich über die Saison immer wieder geliefert, auch wenn die Resultate nicht immer gestimmt haben", sagte Fischer und meinte: "Am Schluss ist Effizienz gefragt."

Als Wunschresultat gab Fischer (verständlicherweise) einen Sieg an, das Minimalziel lautet, sich "eine gute Ausgangslage für das Rückspiel zu erarbeiten". Zugutekommen soll dem Zweitligisten dabei, dass man sich schon einmal in dieser Saison mit einem Bundesligisten im Rahmen eines Pflichtspiels messen konnte - damals sogar mit einem Spitzenteam der Liga. Ende Oktober unterlag Union in der 2. Runde des DFB-Pokals auswärts bei Borussia Dortmund erst nach Verlängerung mit 2:3. "Ich glaube schon, dass es uns hilft", sagte Fischer, der am Dienstag versicherte: "Ich bin sehr entspannt." Wie entspannt seine Spieler sind, dürfte sich am Donnerstag zeigen.

Jan Reinold