Das Formel-E-Ass im Interview

Abt: "Auf uns wird leider oft erst spät gehört"

Kehrt mit guten Erinnerungen nach Berlin zurück: Audi-Pilot Daniel Abt.

Kehrt mit guten Erinnerungen nach Berlin zurück: Audi-Pilot Daniel Abt. imago images

kicker: Wie blicken Sie auf Ihren bisherigen Saisonverlauf zurück, Herr Abt?

Daniel Abt: Die Saison bisher war eigentlich nicht schlecht. Der Start war ein bisschen schwierig, danach aber haben wir uns recht schnell wieder in Position gebracht. Allerdings kann man auch sehen, dass dieses Jahr die Konkurrenz eine ganz andere ist. Für mich persönlich: Ich habe in sieben von neun Rennen gepunktet, hatte aber ein, zwei Qualifyings, die leider nicht so gut waren. Das beeinflusst in diesem Jahr den Renntag noch stärker als bisher, weil man aufgrund der neuen Fahrzeuggeneration nicht mehr so gut überholen kann.

kicker: Zudem entfällt der bis 2018 übliche Boxenstopp mit dem Fahrzeugwechsel ...

Abt: ... der ein gewisses Strategieelement sein konnte, richtig. Ansonsten aber habe mich aus allem Wahnsinn bis jetzt herausgehalten. Wobei ich vielleicht ein Stückchen aggressiver sein sollte.

kicker: Was wollen Sie mit dem Stichwort Wahnsinn andeuten?

Abt: "Wir müssen aufpassen, dass das Racing sauber bleibt"

Abt: Wer sich auskennt und gesehen hat, wie da manche fahren, der muss sagen: Das ist schon eine andere Gangart, teilweise nicht gerade sehr professionell. Es gibt da ein paar junge Wilde, und ich halte es für richtig, dass die FIA da härter durchgreift. Irgendwie ist das so Larifari, und die Strafen sind nicht sehr hoch. Andererseits sind die Autos sehr stabil, weswegen mancher sehr, sehr viel Risiko nimmt. Wir müssen aufpassen, dass das Racing sauber bleibt.

kicker: Andererseits gibt es den Eindruck, dass massenhaft Strafen ausgesprochen werden, noch dazu häufig sehr, sehr lang nach dem Rennende. Sie selbst haben das erlebt, als man Ihnen den Sieg in Hongkong ausgerechnet an Ihrem 25. Geburtstag noch weggenommen hat.

Abt: Ich sehe ja ein, dass es schwer ist, alles in kurzer Zeit aufzuarbeiten, wenn so viel passiert wie zurzeit. Aber manche Entscheidungen muss man einfach schneller treffen können, zum Beispiel im März in Hongkong: Man nahm Sam Bird unter die Lupe und wusste eigentlich schon, in welche Richtung es geht. Da lass ich den doch gar nicht erst als vermeintlichen Sieger aufs Treppchen steigen. Das ist ungerecht demjenigen gegenüber, der den Pokal verdient, ihn aber erst mit Verspätung bekommt. Auch den Fans macht es keinen Spaß, das Ergebnis erst später zu lesen zu bekommen.

kicker: Warum ist denn die Konkurrenz in diesem Jahr so angestiegen?

Abt: Die Hersteller in der Formel E sind alle extrem gut, und jeder ist noch einmal näher ans Limit gegangen, was die Motortechnik angeht. Dazu kommen dann die relativ vielen Einheitsteile, die dafür sorgen, dass die Unterschiede sehr gering bleiben. Das heißt: Zu nahezu jeder Zeit kann jeder entweder ganz vorne oder ganz hinten ins Ziel kommen.

kicker: Wie schon im letzten Jahr hatte Audi keinen perfekten Saisonstart. Woran liegt's?

"Wir wurden echt ein wenig überrascht"

Abt: Schwer zu sagen, wobei die Dinge letztes Jahr anders gelagert waren als in diesem. Vielleicht haben wir uns ein bisschen zu sehr darauf ausgeruht, dass wir letztes Jahr so stark aufgehört haben (Audi gewann den Teamtitel, die Red.). Wir hatten dadurch sehr viel Selbstvertrauen, aber vielleicht zu wenig Selbstkritik, und wurden echt ein wenig überrascht. Uns zeichnet aber aus, dass wir dann auch relativ schnell wieder die Kurve kriegen, was bei anderen Teams schon mal länger dauern kann. Unser Vorteil ist sicher, ein eingespieltes Team zu sein.

kicker: Wie wird in Ihrem Team ein Problem angegangen und gelöst?

Abt: Indem man gleichzeitig sachlich, aber auch kritisch damit umgeht. Man muss sich hinsetzen und sich die Zeit nehmen, um herauszufinden, warum die anderen besser waren und was man eventuell übersehen hat. Wichtig ist es, generell selbstkritisch zu sein.

kicker: Wer beeindruckt Sie in diesem Jahr?

"Es gibt keinen, der noch keinen Fehler begangen hat"

Abt: Zum Beispiel Antonio Felix da Costa. Es überrascht mich nicht, denn er war schon immer ein guter Fahrer. Aber es ist für ihn und BMW gut zu sehen, dass man konkurrenzfähig ist. Ansonsten? Es gibt so viel gute Fahrer, und jeder hatte schon sein starkes, aber auch sein schwaches Wochenende. Es gibt keinen, der noch keinen Fehler begangen hat.

kicker: Manchmal wirkt die Formel E immer noch wie Lotterie.

Abt: Wobei jetzt die Qualifying-Gruppen nach Meisterschaftsstand aufgeteilt werden. Das ist, finde ich, ein Supersystem, weil es dafür sorgt, dass das Feld zusammengehalten wird. Nicht immer ist die Startgruppe 1 ein Nachteil, aber oft genug ist sie es. Dadurch haben es die Führenden der Meisterschaft ein bisschen schwerer, und alles wird mehr durcheinandergewürfelt. Ich finde das gut.

kicker: BMW als Partner von Andretti war letztes Jahr Schlusslicht und hat zumindest zum Beginn der neuen Saison ganz vorne mitgespielt. Ist auch das typisch Formel E?

Die Einführung der neuen Autos hat die Uhr wieder auf null gestellt - für alle

Abt: Die haben sich ganz sicher sehr gut auf diese Saison 5 vorbereitet, die für alle einen gewissen Reset gebracht hat. Die Einführung der neuen Autos hat die Uhr wieder auf null gestellt - für alle. Auch für neue Fahrer war dieses Jahr der Einstieg viel leichter als etwa letztes Jahr. Jeder musste sich erst zurechtfinden, für jeden fühlte es sich nach Neuland an. Eine Veränderung des Reglements ist immer eine Chance für alle.

kicker: Wenn Sie Kritik an der Formel E und Lob für die Formel E kurz zusammenfassen müssten, was käme dann raus?

Abt: Zu loben gibt es sehr viel: dass sich die Formel E so blendend entwickelt, weiterhin so innovativ und offen für alles Mögliche ist, oder auch, dass sie die Hersteller und Städte begeistert. Kritik? Manchmal wäre es gut, ein bisschen mehr auf die Fahrer zu hören, weil wir sehr guten Input geben können, wenn es etwa um Dinge wie den neuen Attack-Mode geht. Auf uns wird leider oft gar nicht oder erst spät gehört.

Interview: Stefan Bomhard