Ex-Nationalkeeper Kahn über seine innovative App

Die größte Torspielerschule der Welt

Er gebraucht den Begriff

Er gebraucht den Begriff "Torspieler" ganz selbstverständlich: Oliver Kahn. imago images

Aus der Schräge dreht das Hi-Sky seine 27 Gondeln mit 0,49 km/h auf die Fensterfront zu. Die Fahrgäste im größten mobilen Riesenrad der Welt, das seit Mitte April am Münchner Ostbahnhof steht, können Oliver Kahn und seinen Mitarbeitern aus nächster Nähe auf die Finger schauen. Der Chef öffnet ein Fenster, lacht und sagt: "Ja, wir drehen hier am großen Rad." Auf 200 Quadratmetern sind 26 PCs verteilt, die 21 GOALPLAY-Leute sind hier bei ihrem digitalen Werk. Sie decken in der "Nische Torspieler", wie Kahn es sagt, drei Bereiche ab: Equipment, Technologie, Akademie. Alles rund um den Torspieler ist ihr Thema, seit 2015. Damals wurde GOALPLAY gegründet und zunächst ein Name für dieses Start-up gesucht. Die Zusammensetzung Goal (Tor) plus play (spielen) bezieht sich auf das Torspiel und soll verdeutlichen, dass der Torhüter mehr ist als der letzte Mann, so Moritz Mattes (40), neben Kahn Geschäftsführer. "Das passte zum Markenkern."

Die Basis für die Unternehmensbezeichnung bildet der "Torspieler". Kahn gebraucht diesen Begriff ganz selbstverständlich, im gängigen Sprachgebrauch des Fußballs findet er jedoch noch keine Verwendung. Er soll die Entwicklung im Torwartspiel wiedergeben. Der Keeper der Gegenwart und Zukunft "muss technisch sowie taktisch immer besser werden und mitspielen können", so Kahn. Eine Zäsur stellt da die WM 2014 dar, als die Welt bemerkte, was hierzulande längst zum Ligabetrieb gehörte: DFB-Keeper Manuel Neuer schlug Pässe mit rechts wie links, er grätschte nahe der Mittellinie, Flugkopfbälle inklusive.

"Das Kerngeschäft bleibt die Torverteidigung"

Diese Elemente fließen in den heutigen Ausbildungskanon ein, doch im direkten Kontakt spürt Kahn, dass die jungen Torleute "Bälle halten, fliegen und sich in den Dreck schmeißen wollen". Also "bleibt das Kerngeschäft die Torverteidigung", so Kahn, der schon in den 1990ern und Nullerjahren beim defensiven Mitspielen gefordert war, während mittlerweile die Nummer 1 beim gesamtmannschaftlichen Spielaufbau mitwirken muss. "Heute entwickelt sich der Torwart zum elften Feldspieler", sagt Kahn. Mattes bezieht sich auf Eishockey und Handball, wo ein torhüterloses Tor als taktisches Mittel gilt. Für den Fußball schlägt er zur Attraktionssteigerung eine Regeländerung dahingehend vor, dass Treffer nur noch in der gegnerischen Hälfte erzielt werden dürfen. Dann könnte sich der Torspieler verstärkt außerhalb des Strafraums austoben.

Mit Blick auf die erweiterten Anforderungen an die Keeper entwickelte GOALPLAY ein Ausbildungsmodell mit fünf Kriterien: Technik, Taktik, Stellungsspiel, Athletik, Persönlichkeit/Motivation. Kahn erzählt aus seiner aktiven Phase, als ihm der Trainer bei der Taktikbesprechung sagte, "ich solle mich schon warm machen; heute ist der Torwart voll einbezogen". Da wird genau festgelegt, wie er sich einzubringen hat, wenn seine Vorderleute links das Pressing ansetzen oder über die rechte Abwehrseite der Aufbau erfolgt.

Vorbild: Statur eines Kickboxers oder Kung-Fu-Kämpfers

Geändert hat sich zudem das athletische Ideal. Die Zeiten der Keeper mit dem Bodybuilder-Oberkörper sind vorbei, die Sportwissenschaft hat da einflussreich gewirkt. Vorbildlich sei eher die Statur eines Kickboxers oder Kung-Fu-Kämpfers als die eines Bulldozers. Stellt Kahn mit den einst im Kraftraum verbreiterten Schultern also den Widerspruch in sich selbst dar? Nein, so Mattes, "er markiert einen Evolutionstypus".

Für meinen Kopf sind sie wichtig.

Oliver Kahn zu Bizeps-Übungen

Als beispielgebend mag Kahn sein Vorgehen über rund 20 Jahre nicht reklamieren, zum "Steinzeit-Torwart" - er lacht schallend auf - mag er sich aber bitte schön nicht erniedrigen lassen. Mit seinem Torwarttrainer Sepp Maier fand er einen Mix aus Kraft- und Spezialtraining, zur Steigerung der Explosivität und Geschmeidigkeit. Dann kommt für Kahn noch "der motivationale Aspekt hinzu. Einem Fitnesstrainer, der ihn einst auf die Sinnlosigkeit von Bizeps-Übungen hinwies, machte er klar: "Für meinen Kopf sind sie wichtig." Der passionierte Golfer erwähnt noch individuelle Freiheiten beim Golfschwung und betont: "Unsere fünf Bausteine sind nicht als dogmatisch zu verstehen, wir lassen jedem seinen Freiraum. Und wer sich da auf seine Art bewegt, hat eine gute Möglichkeit, ein guter Torspieler zu werden."

Gerade für diesen Spezialisten haben Kahn und Kollegen mit ihrer App ein Spezialprogramm gefertigt. "Der Torwarttempel" - so werden firmenintern Ernst Thaler und Markus Gaupp aufgrund ihrer totalen Hingabe zum Torwartspiel respektvoll genannt - eruierte, dass der Torspieler zirka 50 Basis-Bewegungsabläufe brauche, die detailgenau zu optimieren seien: Ball kommt rechts unten - was muss da koordinativ mit der Schulter geschehen, vom Absprung bis zur Landung? "Die Defizite zu erkennen und zu verbessern", darum geht es Kahn.

"Das ist der Kern dieser Geschichte"

Ein Training bei einem Verbandsligisten. Der Torwart soll in die rechte Ecke springen, kennt aber den Bewegungsablauf nicht, so die Erfahrung der GOALPLAY-Experten. "Er weiß nicht einmal, welchen Fuß er zuerst wohin bewegt", sagt Mattes. Kahn fragt: "Wie viele ausgebildete Torwarttrainer gibt es in den unteren Ligen?" Ihnen möchte er helfen, indem er wissenschaftliche, pädagogische plus methodologische Aspekte mit seiner eigenen Erfahrung kombiniert und sie auf seiner App der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. "Das ist der Kern dieser Geschichte", sagt Kahn. Mattes erwähnt den Punkt Coaching, die Erklärung des Wie: Springen ja, aber wie mache ich es richtig?

Auf einem breiten Flachbildschirm spielt er beispielhafte, mit Musik unterlegte Übungen ein, professionell im Abendlicht gedreht, "weil es so spektakulär aussieht", wie Kahn, nebenbei ZDF-Experte, erklärt. Ein jugendlicher Torwart 1,5 Meter vor der Torlinie im Kniestand, der Trainer wirft aus fünf Metern den Ball über ihn, der Keeper hechtet nach hinten und muss - didaktisch elementar - mit dem ballnahen Fuß abspringen und die Kugel mit der ballnahen Hand über die Latte stupsen. Die App, betont Kahn, sei "individualisierbar": Der Torwart gibt etwa Alter, Leistungsstand und Trainingsfrequenz an und legt seine Schwerpunkte (Fangen, Sprungtechniken, Stellungsspiel etc.) fest, "und die App generiert dann dein Trainingsprogramm". Zudem sollen Pakete, z. B. Kahns Eins-gegen-eins-Schule, erstellt werden. Diese Übungen, so Kahns Vorstellung, werden entweder unmittelbar vor dem Training bzw. der Übung vom Torspieler selbst abgerufen oder vom Torwarttrainer, denn - Kahn kennt die Praxis - der Keeper trägt ja Handschuhe, kann also keine Tasten drücken.

Herzensmensch: Oliver Kahn umarmt den scheidenden Bayern-Star Franck Ribery.

Herzensmensch: Oliver Kahn umarmt den scheidenden Bayern-Star Franck Ribery. imago images

Bislang läuft diese App, Ende April gestartet, "hervorragend" an, so Kahn und Mattes. Der Interessent kann sie kostenlos testen, das Abo kostet einen Monat 14,99 Euro, eine halbe Saison 59,99 und eine ganze 99,99 Euro. "Unser Preis", betont Kahn, "ist nicht willkürlich." Dieser technologische Bereich bildet den GOALPLAY-Markenkern. Er soll ausgebaut werden, die Planungen gehen über die bisherige Website, TV-App und mobile App hinaus, auf der Basis von Forschungsprojekten zum Torspieler.

App auf Deutsch und Thailändisch verfügbar

Die Firma bietet zudem das Equipment an, demnächst kommt eine neue Kollektion. Kahn setzt da auf von seiner Praxis diktierte Qualität, so beim Handschuh, "eine Wissenschaft für sich", von Sepp Maiers Wollhandschuhen mit aufgenähten Gumminoppen bis zum heutigen Hightech-Produkt.

Während Equipment und Technologie an den Endkonsumenten gerichtet sind, befasst sich das dritte Feld, die Akademie, mit der globalen Kooperation mit Verbänden, Vereinen, Organisationen. Im Zentrum steht da die Ausbildung von Torspielern und speziell von deren Trainern. "Es geht um die Demokratisierung von Wissen", sagt Mattes und spricht von der "Kernmission von GOALPLAY: Wir machen Torspieler besser." Zahlreiche Torspieler-Trainer hat das Unternehmen schon ausgebildet, die Übungsleiterpauschale erhalten diese privat geschulten Spezialisten jedoch nicht, anders als die vom Verband lizenzierten - ein Wettbewerbsnachteil für Kahns Unternehmen.

"Wir sehen GOALPLAY sehr global", betont Kahn. Die App (https://www.goalplay.com/de/app) ist auf Deutsch und Thailändisch verfügbar; Englisch, Spanisch, Arabisch folgen alsbald. Die Nachfrage nach dem Know-how der Akademie sei "in Ländern, die sich im Fußball entwickeln wollen, sehr hoch". Kahn nennt den asiatischen Raum (Vietnam, Thailand), den mittleren Osten, China, die USA. "Vielleicht sind wir irgendwann die größte digitale Torspielerschule der Welt", sagen Mattes und Kahn, der betont, was alle bei GOALPLAY antreibt: "Dass wir Menschen unterstützen, in ihrem Tun besser zu werden."

Karlheinz Wild

38

"Irgendwas mit Hose": Die Sprüche der Rückrunde