Ex-Schalker hatte die Profikarriere schon abgehakt

"Da habe ich es mir selbst bewiesen": Köhler von Lippstadt in die 2. Liga

Sven Köhler

Jubel über ein besonderes Tor: Sven Köhler (Mitte) feiert seinen Treffer beim 3:2 in Essen. imago images

Im Sommer 2015 schien Sven Köhler nah an einer Traumkarriere. Mit Schalkes U 19 um die heutigen Nationalspieler Thilo Kehrer und Leroy Sané wurde der damals 17-Jährige gerade deutscher A-Jugendmeister. In der folgenden Saison sollte Köhler fester Bestandteil der U 23 in der Regionalliga sein. Vorher ging es sogar mit der Bundesliga-Mannschaft ins Trainingslager. Quasi als Belohnung, an der Seite von Klaas Jan Huntelaar und Julian Draxler.

Als Köhler daraufhin zurück zur U 23 ging, manövrierte er sich in eine beispielhafte Talfahrt. "Ich habe mir gedacht: Warum muss ich in der 2. Mannschaft spielen? Ich gehöre doch zu den Profis", erinnert sich der inzwischen 22-Jährige. Zum Saisonauftakt in der Regionalliga kamen eine frühe Auswechslung, ein dummer Spruch und der Bruch mit dem damaligen Trainer Jürgen Luginger zusammen. Plötzlich war Köhler raus.

Spielersteckbrief S. Köhler

Köhler Sven

SV Lippstadt 08

Deutschland

Spielerprofil
Regionalliga West - 34. Spieltag
34. Spieltag
Regionalliga West Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
FC Viktoria Köln
67
2
Rot-Weiß Oberhausen
64
3
SV Rödinghausen
63
4
Bor. Mönchengladbach II
57
5
Borussia Dortmund II
56
6
Alemannia Aachen
49
7
SC Verl
46
8
Rot-Weiss Essen
46
9
1. FC Köln II
45
Tabelle Regionalliga West

Ende 2016 kommt der Abschied von Schalke

"Der Frust war groß. Den Fehler sucht man dann natürlich nicht bei sich", sagt Köhler. Für den Mittelfeldspieler folgten endlose Laufrunden um den Berger See in Gelsenkirchen, eine Meniskus-Operation und im Sommer 2016 durfte er schließlich nicht einmal mehr mit auf das Mannschaftsfoto. Nur wenige Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren der Profi-Klubs legen Bilderbuch-Karrieren hin. Viele enden an Punkten wie diesen.

"Wir haben uns irgendwann getroffen und ich sagte: Sven, das Umfeld hier auf Schalke bringt dich nicht weiter. Heute ziehst du bei uns ein", erzählt Berater Sladan Vidakovic, der Köhler aufnahm. Und der bekam die Kurve. Köhler veränderte Umfeld und Denkweise, verließ Ende 2016 Schalke und zog zurück zu seiner Familie nach Lippstadt, wo er fortan für den ortsansässigen Fünftligisten SV 08 kickte.

Ich habe irgendeinen Vertrag unterzeichnet und wollte wieder Spaß am Fußball haben.

Sven Köhler

"Ich habe irgendeinen Vertrag unterzeichnet und wollte wieder Spaß am Fußball haben", sagt der Fußballer. Da hatte er "zu 99 Prozent" mit dem Profitum abgeschlossen, eine Ausbildung zum Industriekaufmann angefangen und zwischendurch bei eisiger Kälte für eine Event-Firma Zelte aufgebaut.

In Lippstadt dauerte es nicht lange, bis der junge Spieler seine Leichtigkeit wiederfand. Trainer Daniel Berlinski baute eine Mannschaft um den Mittelfeldstrategen, die in die Regionalliga aufstieg. Er wurde in den Mannschaftsrat berufen, machte den B-Trainerschein und übernahm die Lippstädter C-Jugend. In der laufenden Saison traf Köhler vor 9000 Zuschauern gegen Rot-Weiß Essen und beendete mit dem 3:2 den Höhenflug des damaligen Tabellenführers. "Da habe ich es mir selbst bewiesen", sagt der Lippstädter heute mit Stolz.

Mit dem Aufsteiger gelang Köhler der Klassenerhalt in der Regionalliga West: Obwohl es aus den letzten fünf Spielen nur einen Punkt und zum Abschluss ein klares 0:5 bei Absteiger SC Wiedenbrück gab, bleibt Lippstadt als 13. in der Liga. Köhler aber zieht weiter. Es geht Richtung Niedersachsen - und 2. Bundesliga. Aufsteiger VfL Osnabrück ist auf Köhler aufmerksam geworden und hat sich seine Dienste gesichert. Die Ausbildung, die erst im Winter beendet sein wird, schließt Köhler dennoch ab. Bis dahin arbeitet er an freien Tagen und bereitet sich parallel zum Vollprofitum auf die Abschlussprüfung vor.

Jim Decker