Ein Kommentar von kicker-Redakteur Matthias Dersch

Dortmund wurde zum Opfer des eigenen Erfolges

Borussia Dortmund

Die BVB-Profis verabschieden sich erhobenen Hauptes von ihren Fans. imago images

Wer an 21 von 34 Spieltagen die Pole Position in der Liga einnahm und zwischenzeitlich mit neun Punkten Vorsprung vor dem späteren Meister voranschritt, der hat jedes Recht dazu, sich über den verpassten Titel zu ärgern. Gleichzeitig muss man in Dortmund mit der Kritik leben, eine große Chance verpasst zu haben, obwohl den BVB im Sommer niemand ernsthaft auf der Rechnung hatte, als es in den Saisonprognosen um den nächsten Meister ging. Zu schwach präsentierte sich der BVB in den Schlüsselduellen in München und gegen Schalke, zu flatterig waren am Ende der Saison die Nerven, auch wenn das finale Spiel in Mönchengladbach nach einer zittrigen Anfangsphase souverän gewonnen wurde, zu groß insgesamt die Schwankungen innerhalb eines Jahres - als Team wie individuell. Von den Spielern bis zum Trainer.

Dortmund wurde im Laufe der Rückrunde zum Opfer des eigenen Erfolges in der ersten Halbserie, als die ebenso junge wie talentierte Mannschaft des routinierten, stets etwas kauzigen Taktik-Professors Lucien Favre phasenweise Fußball von einem anderen Stern spielte: Spielwitz, Mentalität, Finesse, Durchsetzungskraft, Tempo - alles stimmte im Herbst 2018, nicht einmal ein halbes Jahr nach der Einleitung eines radikalen Umbruchs auf allen Ebenen des Klubs.

Die Krux mit der Chronologie

Man stelle sich deshalb nur einmal vor, Hin- und Rückserie wären in umgekehrter Reihenfolge verlaufen. Dortmund wäre im Hinspiel gegen München unter die Räder geraten, hätte im Herbst das Derby gegen Schalke verloren und ab dem Saisonstart mehrmals Punkte nach Führung hergeschenkt. Das Urteil im Winter wäre einhellig ausgefallen: Alles kein Grund zur Beunruhigung, alles normale Begleiterscheinungen des Wandels. Und heute? Heute würden Klubverantwortliche wie Medienschaffende darüber jubeln, welch grandiose Entwicklung die Schwarz-Gelben anschließend im zweiten Halbjahr durchlaufen hätten, wie groß ihr Wille sei, wie hoch ihre individuelle Qualität.

Die reale Chronologie indes trübt das insgesamt deutlich positiv gefärbte Saisonfazit - erst recht, da der FC Bayern in dieser Spielzeit längst nicht alles richtigmachte und so schlagbar wirkte wie lange nicht. Manch einer rief den BVB angesichts der Herbstdepression des Serienmeisters damals bereits vorschnell zum künftigen Meister aus, lobpreiste Klubboss Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc nicht nur für ihre Trainerwahl und Kaderplanung, sondern auch für die Hinzunahme von Sebastian Kehl als Lizenzspielerleiter und Matthias Sammer als externen Berater.

Weichenstellungen sind gelungen, spannende Aufgaben stehen bevor

Um es deutlich zu sagen: Das damalige Lob war berechtigt. Dem BVB sind beeindruckende Weichenstellungen gelungen, sonst hätte es nie und nimmer einen offenen Meisterschaftskampf bis zum 34. Spieltag gegeben. Und darauf dürfen die Verantwortlichen stolz sein, wenn sich mit etwas Abstand der erste Frust gelegt hat über die verpasste Chance, die man - um es mit den Worten Sammers zu sagen - auf dem Silbertablett präsentiert bekam und letztlich verschenkte.

Doch welche Schlüsse zieht der BVB aus diesem Jahr? Fest steht: Favre, dessen nüchtern-analytische Art in der Rückrunde nicht nur Zustimmung fand, wird bleiben, der Kader noch einmal signifikant verstärkt - unter anderem durch Thorgan Hazard und Nico Schulz. Das nationale Ziel der Borussia kann daher nur lauten, auf eine Wiederholung des engen Titelkampfs aus dieser Saison hinzuarbeiten - und sich gleichzeitig zu wappnen für das Duell mit RB Leipzig um den Status als zweite Kraft im Land. Es sind spannende Aufgaben, die da vor den Schwarz-Gelben liegen - da kann ein wenig Ärger im Bauch vielleicht auch gar nicht schaden.

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