Europa-League-Finalort Baku wirft Fragen auf

Fans schimpfen auf UEFA - Klopp stellt entscheidende Frage

Von wegen

Von wegen "gemeinsam nach Baku": Auch Jürgen Klopp wundert sich über den Ort des EL-Finals 2019 (u.l.). imago images (2)/Getty Images

Es könnte ja alles so einfach sein: Etwa fünf Pfund bezahlen, rein in die U-Bahn, rein ins Stadion und nach dem Spiel zurück ins eigene Bett. Doch das Europa-League-Finale zwischen Chelsea und Arsenal findet eben nicht in London statt, sondern in Baku. Und spätestens seit Freitag wissen die Fans, was das bedeutet.

Obwohl das Olympiastadion in Aserbaidschans Hauptstadt 68.700 Zuschauer fasst, erhalten Chelsea und Arsenal nur ein Kontingent von je 6000 Tickets. Zum Vergleich: Liverpool und Tottenham können ihrem Anhang fürs Champions-League-Finale im ungefähr gleichgroßen Estadio Metropolitano immerhin jeweils rund 17.000 Karten anbieten.

In Baku finden 2020 auch vier EM-Spiele statt

Dazu kommen seit Donnerstagabend massiv erhöhte Flug- und Hotelpreise für die strapaziöse Reise ins rund 4000 Kilometer entfernte Baku mit dem vergleichsweise kleinen Flughafen und die absurde Pflicht, für ein Europapokalfinale ein Visum beantragen zu müssen (für das nach Intervention der UEFA immerhin nicht mehr nachgewiesen werden muss, nicht mit HIV infiziert zu sein); der bange Blick auf Henrikh Mkhitaryan, der vielleicht aus Sicherheitsgründen das Finale verpasst, und Richtung EM 2020, bei der Baku drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale austragen wird; und über allem die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Europa-League-Sieger in einem Land zu bestimmen, das seit Jahren wegen seiner Menschenrechtslage in der Kritik steht, in der Rangliste der Pressefreiheit 2019 etwa Rang 166 von 180 belegt.

Ich wüsste gerne, was die Leute, die diese Entscheidungen treffen, zum Frühstück essen.

Jürgen Klopp

"Wie kann man Endspiele nach Kiew und Baku vergeben?", fragte stellvertretend für viele Jürgen Klopp am Freitag, der 2018 mit Liverpool in Kiew das Champions-League-Finale verlor. "Ich wüsste gerne, was die Leute, die diese Entscheidungen treffen (das UEFA-Exekutivkomitee, d.Red.), zum Frühstück essen." Kiew etwa sei zwar "eine wunderschöne Stadt, aber dass eine Mannschaft aus dieser Region sich für das Finale qualifiziert, ist nicht besonders wahrscheinlich". Deshalb plädiert Klopp für eine "viel vernünftigere und verantwortungsvollere" Vergabe von Europapokalendspielen.

Die betroffenen Anhänger von Arsenal und Chelsea, aber auch Liverpool und Tottenham fühlen sich finanziell ausgebeutet und von der UEFA "skandalös" behandelt, fordern mit in seltener Einigkeit verfassten Statements Transparenz bei der Bestimmung von Ticketkontingenten und die Deckelung von Ticketpreisen - kurz: dass die UEFA aufhören möge, "mit Fan-Treue Kasse zu machen".

Die UEFA verteidigt die kleinen Kontingente für Chelsea und Arsenal

Der Verband, übrigens von Aserbaidschans staatlichem Ölkonzern "Socar" gesponsert, verteidigt die Praxis damit, dass es "unmöglich vorherzusagen" sei, "welche Klubs das Finale erreichen werden, während der Austragungsort etwa zwei Jahre im Voraus ausgewählt werden muss." Angesichts der Flughafen-Situation vor Ort sei man zu der Einschätzung gekommen, dass die Anreise für rund 15.000 Zuschauer aus dem Ausland möglich wäre. "Den Fans der teilnehmenden Mannschaften mehr Tickets anzubieten, ohne die Garantie zu haben, dass sie eine angemessene Reise nach Baku organisieren können, war daher keine verantwortungsvolle Option."

37.500 und damit mehr als die Hälfte der Finaltickets hatte die UEFA bis zum 21. März im freien Verkauf vergeben. Arsenal teilte bereits mit, mit ihr über eine Erhöhung des Kontingents zu verhandeln, was erfahrungsgemäß jedoch wenig Erfolg verspricht.

Gerade also, als der Europapokal mit atemlosem Rasen-Spektakel im 24-Stunden-Takt für ein paar Tage zu seinen Wurzeln zurückgekehrt zu sein schien, zeigt er sich schon wieder von seiner anderen, viel hässlicheren Seite. Bei den englischen Fans ist aus Ekstase erst einmal wieder Entsetzen geworden.

jpe

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