WM-Medaillenträume geplatzt

Fieber! Boll muss nach dem Einzel auch das Doppel absagen

Timo Boll

Hat über Nacht Fieber bekommen: Timo Boll. picture alliance

Mit 38 Jahren zum ersten Mal Weltmeister? Die Tischtennis-WM in Budapest hätte für Timo Boll zur Krönung einer außergewöhnlichen Karriere werden können. Doch bevor es dazu oder wenigstens zu der Chance auf eine Medaille kommen konnte, schickte der deutsche Verband am Donnerstag eine Nachricht in die Messehallen "Hungexpo", die sogar seinen chinesischen Rivalen leid tat.

"Timo hat über Nacht Fieber bekommen", sagte der Sportdirektor Richard Prause darin. Boll musste sein nur anderthalb Stunden später angesetztes Achtelfinal-Match gegen den Südkoreaner Jang Woojin absagen. Die WM der großen Favoritenstürze und der für ihn so günstigen Auslosung war für den Rekordeuropameister im Einzel vorzeitig vorbei.

"Das ist höhere Gewalt"

"Das ist höhere Gewalt. Und Timo ist natürlich sehr enttäuscht", sagte Prause später auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist natürlich besonders schade, weil die ganze Turnierhälfte von Timo offen war. Die Gesundheit geht aber absolut vor."

Timo Boll hat in seiner mehr als 20-jährigen Profilaufbahn schon vieles erlebt. Er gewann mal in China gegen alle damals amtierenden Weltmeister und Olympiasieger der Tischtennis-Großmacht den World Cup. Er schied aber auch schon einmal als Weltranglisten-Erster in der zweiten Runde einer Weltmeisterschaft aus. Was Boll aber selbst bis zu diesem Donnerstag in Budapest nicht kannte, war eine Fügung aus Losglück und plötzlichen Schwächen seiner Konkurrenz, die ihm in der Endphase seiner Karriere noch einmal eine Chance servierte, die er in seinem Alter vielleicht nie mehr wieder bekommt.

Der Weltranglisten-Erste Fan Zhendong (China): im Achtelfinale raus. Der an Nummer zwei gesetzte Xu Xin (China): schon in der 3. Runde raus. Das japanische Wunderkind Tokomazu Harimoto: kurz nach Bolls Absage gescheitert. Und der Olympiasieger Ma Long (China): nach langer Pause noch längst nicht wieder in Bestform. Schon nach der Hälfte des Turnieres steht fest, dass es bei den Herren zum ersten Mal seit 2003 kein rein chinesisches WM-Endspiel mehr geben wird.

"Timo hätte gegen alle Spieler auf seiner Seite eine sehr gute Chance gehabt", sagte Prause. Jang Woojin im Achtelfinale. Der nächste Koreaner An Jaehyun im Viertelfinale. Und dann entweder der Franzose Simon Gauzy oder der Schwede Mattias Falck in einem möglichen Halbfinale: Sie alle hat Boll bei wichtigen Turnieren schon deutlich geschlagen. "Natürlich haben wir die Auslosung ein bisschen im Kopf. Ich bin froh, dass ich mich gut in das Turnier hineingearbeitet habe", sagte er selbst noch am Mittwochabend nach seinen Siegen im Einzel und im Doppel. Doch das war zwölf Stunden später Makulatur.

Für Boll war diese WM bis zum Aufkommen des Fiebers so ähnlich verlaufen wie die erfolgreiche Europameisterschaft 2018. Er hatte einige Verletzungsprobleme im Vorfeld, er fühlte sich nicht wohl und nicht in Form. Doch der Profi von Borussia Düsseldorf steigerte sich von Spiel zu Spiel, auch weil er mit 38 Jahren sehr gut weiß, wie er mögliche Risiken und Schwächen "in mein Spielsystem einbaut. Ich agiere taktischer, spiele näher an der Platte, damit ich nicht so viel laufen muss", sagte er der "Bild am Sonntag" zu Beginn der WM.

Den Europameistertitel gewann Timo Boll auf diesem Weg noch zum siebten Mal. Der WM-Titel im Einzel wird für ihn wohl ein Traum bleiben. Sein bestes Ergebnis bei einer Weltmeisterschaft bleibt weiter eine Bronzemedaille 2011 in Rotterdam.

Am späten Nachmittag zerschlug sich schließlich auch die Hoffnung im Doppel mit Patrick Franziska (Saarbrücken) ab. Das Duo hätte im Falle eines Sieges gegen die Portugiesen Tiago Apolonia/Joao Monteiro eine Medaille sicher gehabt.

dpa/tru