Aikman, Sanders, Mandarich

Vier Jackpots und eine Niete: Der NFL-Draft von 1989

Werfen, rennen, schreien, stemmen: Der NFL-Draft von 1989 hatte von allem etwas zu bieten.

Werfen, rennen, schreien, stemmen: Der NFL-Draft von 1989 hatte von allem etwas zu bieten. imago (4)

Die alljährliche Ziehung der besten College-Talente der Vereinigten Staaten eröffnet Chancen, die NFL-Franchises nutzen - oder ihnen später nur noch hinterhertrauern können. Selten geschah dies so krass und so gegensätzlich wie vor inzwischen 30 Jahren.

Die gesamte Szenerie wirkte irgendwie surreal, als Tony Mandarich, zu Gast in der berühmten "David Letterman Show", der gesamten TV-Nation seinen quadratischen Superkörper wie auch seine seltsame Halbglatze präsentierte. Er tönte grinsend, Schwergewichts-Champ Mike Tyson bekämpfen zu wollen, während nicht nur das Studiopublikum über eine reichlich gefüllte Nahrungsplatte staunte, die veranschaulichen sollte, was Muskelberg Mandarich tagtäglich zu sich nahm.

Die "Sports Illustrated" - alles, nur kein Allerweltsblatt - titelte in diesen Tagen: "The incredible bulk - the best offensive line prospect ever." Auf dem bis heute legendären Cover mutete Mandarich, 1,98 Meter groß und 143 Kilo schwer, wie ein überlebensgroßer Supermensch an. Aller Voraussicht nach schien den Grenzen des bisher bekannten American Football eine standesgemäße Verschiebung bevorzustehen. Welches Franchise würde sich die Dienste des größten Offensive-Line-Prospects seit jeher sichern?

1. Pick - Dallas Cowboys: Troy Aikman (Quarterback, UCLA)

Troy Aikman

Drei Meisterschaften mit Dallas: Quarterback Troy Aikman. imago

Nicht die Dallas Cowboys. Schließlich gab es in der NFL auch vor 30 Jahren keine ansatzweise so wichtige Position wie die des Quarterbacks. "America's Team" pickte den Jahrgangsbesten seiner Zunft, UCLA-Absolvent Troy Aikman, an eins. Aikman, der als erster UCLA-Spieler überhaupt den Davey O'Brien-Award als bester Quarterback des Landes erhielt, sollte ein Eckpfeiler der neuen Cowboys-Dynastie werden, die sich in ihren Anfängen befand.

Nach jahrelanger sportlicher Durststrecke gewannen die Texaner, die neben Aikman bald auch über Running Back Emmitt Smith und Wide Receiver Michael Irvin verfügten, auch wegen ihrer grandiosen Offensive Line um Larry Allen, Erik Williams oder Mark Stepnoski in den frühen 1990er-Jahren drei Super Bowls. In einem der drei heimste Aikman den MVP-Award, im gesamten Karriereverlauf zudem sechs Pro-Bowl- und drei All-Pro-Berufungen ein. Ein würdiges Plädoyer, um später in die Hall of Fame einzuziehen. Troy Aikman - besser hätten die Dallas Cowboys ihren First Pick 1989 nicht nutzen können.

2. Pick - Green Bay Packers: Tony Mandarich (Offensive Tackle, Michigan State)

Tony Mandarich

Plötzlich überfordert: Für Green Bay brachte Tony Mandarich keinen Fuß auf den Boden. imago

Der erste Verdacht erhärtete sich zu Beginn des ersten Trainingscamps: Mandarich erschien mit deutlich weniger (Muskel-)Masse als zu College-Zeiten - und wirkte auch nicht mehr so übermenschlich stark. Besonders nicht, als es gegen gestandene NFL-Profis ging. Es sollte sich herausstellen, Mandarich selbst gab es erst 2008 zu, dass er jahrelang illegale Steroide eingenommen hatte. Auf College-Ebene noch zu bewerkstelligen, war der weitere Gebrauch aufgrund der Dopingkontrollen in der NFL nicht mehr möglich.

Mandarich - ein Ego, so groß wie sein Bizeps - war der Annahme, seine Klasse-Leistungen auch ohne verbotene Mittel auf den Kunstrasen bringen zu können. Er irrte sich gewaltig. Der zweite Pick, der vermeintlich beste Offensive-Line-Prospect, stellte sich ziemlich schnell als Flop heraus. Nach nur drei Jahren verloren die Packers die Geduld und setzten den Mitt-Zwanziger vor die Tür. "The NFL's incredible bust", titelte die Sport Illustrated diesmal, während sich Mandarich inmitten von Selbstmitleid, Alkohol und Drogen verlor.

Ich wollte so viel Hype generieren, wie ich konnte - für die Publicity und meine Verhandlungsposition.

Ex-NFL-Spieler Tony Mandarich

Mit der Unterstützung seiner Familie gelang ihm 1995 der erfolgreiche Entzug und schon 1996, einen Platz im Roster der Indianapolis Colts zu ergattern. 1997 bestritt der nun solide abliefernde Mandarich gar alle 16 Saisonspiele, 1998 zwang ihn eine Schulterverletzung schließlich zum zweiten und endgültigen Karriereende.

"Ich wollte so viel Hype generieren, wie ich konnte - für die Publicity und meine Verhandlungsposition", erklärte ein geläuterter Mandarich, der eigentlich Ante Josip Mandaric hieß und jugoslawische Vorfahren hatte, 20 Jahre nach seinem extrovertierten Auftritt bei Letterman. Hollywood hatte ihn hoch fliegen, schneller als gedacht aber auch ziemlich tief fallen lassen.

Eine der größten "What if"-, der "Was wäre wenn"-Szenarien der bisherigen NFL-Geschichte ist, wie sich deren Verlauf verändert hätte, wenn die Green Bay Packers 1989 nicht Tony Mandarich ausgewählt hätten. Anstatt einen der vier Hauptgewinne zu ziehen, pickten sie die (sportliche) Niete.

3. Pick - Detroit Lions: Barry Sanders (Running Back, Oklahoma State)

Barry Sanders

Für viele Fachleute der Beste auf seiner Position: Running Back Barry Sanders. imago

Er spielte die herausragende College-Saison, die je ein NCAA-Athlet absolvierte. Barry Sanders' 1988, natürlich mit der "Heisman Trophy" als bester College-Spieler der Saison entsprechend gewürdigt, wird noch heute regelmäßig als Maß aller Dinge herangezogen. 7,6 Yards pro Lauf, 3248 Gesamt-Yards: Der explosive Runningback mit dem niedrigen Körperschwerpunkt und den aberwitzigen Richtungs- und Tempowechseln ging hinter dem besten Quarterback des Drafts und dem vermeintlich revolutionären Mandarich an drei vom Board.

Es freuten sich die notorisch erfolglosen Detroit Lions, die ihren Franchise Player für die kommenden Jahre gefunden hatten. Sanders bot ihnen durchschnittlich spektakuläre 5,0 Yards per carry, wurde 1997 Regular Season MVP, schaffte es zehnmal in den Pro Bowl und sechsmal in die All-Pro-Auswahl. Dazu ins "All-Decade-Team" der 1990er-Jahre, freilich auch in die Hall of Fame. Barry konnte in seiner gesamten Karriere aber nur ein einziges Play-off-Spiel gewinnen.

Sein Rückzug erfolgte 1998 still und heimlich, publik gemacht per Fax an den "Wichita Eagle". Via Zeitung verkündete Sanders, der keine wirkliche Lust mehr hatte und gerne im Vollbesitz seiner Kräfte zurücktreten wollte, sein überraschendes Karriereende. Die Detroit Lions hatten zehn Jahre lang ihren Spaß am für viele Fachleute besten Running Back überhaupt - es war ihnen wegen schlechter sportlicher Führung und Kaderplanung aber nie gelungen, alles aus ihm und seinem Potenzial herauszuholen.

4. Pick - Kansas City Chiefs: Derrick Thomas (Linebacker, Alabama)

Derrick Thomas

Viel zu früh verstorben: Chiefs-Legende Derrick Thomas. imago

Thomas, der beste Defensivspieler des Jahrgangs, beendete seine College-Laufbahn mit den Rekorden für die meisten Sacks in einer Saison (27) sowie in einer College-Karriere (52). In der NFL sollte er deren mehr als respektable 126,5 sammeln, womit Thomas noch 2019 in der ewigen Top 20 rangiert. Als Anführer der Chiefs-Defense zählte er während seiner gesamten Laufbahn zu den herausragenden Spielern der Liga - neun Pro-Bowl- und drei All-Pro-Nominierungen belegen das.

Thomas, der ebenfalls ins All-Decade-Team der 1990er-Jahre aufgenommen wurde und als einer der besten Pass Rusher aller Epochen gilt, verstarb bereits 33-jährig an den Folgen eines Autounfalls. In Kansas City ist und bleibt er eine Legende.

5. Pick - Atlanta Falcons: Deion Sanders (Cornerback, Florida State)

"Flamboyant" wäre der englische Begriff - im Deutschen müsste man sagen, dass es wahrscheinlich nie einen extrovertierteren und schillernderen NFL-Star als Cornerback und Kick Returner Deion Sanders gab. Als "Neon Deion" und "Prime Time" präsentierte sich der zweite Sanders des 1989er-Drafts schon im College als überlebensgroßes Alter Ego und wurde zu einem der größten Sportprominenten des Landes - noch bevor er damit seinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Sanders' Leistungen stimmten aber stets. Dank seiner einzigartigen Schnelligkeit und Antizipationskunst entwickelte sich Deion auch bei den Profis zum besten "Cover Corner" und Kick Returner seiner Zeit - und in seinen besten Jahren sogar zum Zünglein an der gesamten NFL-Waage. Sanders, der auch als Wide Receiver eingesetzt wurde, gewann den Super Bowl 1994 mit den San Francisco 49ers, ehe die damalige Rivalität zugunsten der 1995 siegreichen Dallas Cowboys kippte - weil Sanders die Seiten gewechselt hatte.

Deion Sanders

Auch als Baseballspieler erfolgreich: Tausendsassa Deion Sanders. imago

Der Ausnahmeathlet war so multitalentiert, dass er neben seiner beeindruckenden Football-Karriere auch eine Baseball-Karriere anstrebte - und diese irrwitzige Kombination bewerkstelligte. Sanders ist der einzige Sportler, der an ein und demselben Tag ein NFL-Spiel wie auch ein MLB-Spiel absolvierte, sowie mindestens in einem Super Bowl sowie der World Series stand. Die Atlanta Falcons hatten von den großen Erfolgen des Deion Sanders zwar nur relativ wenig, an fünf aber noch solch einen Spieler zu bekommen, ist nichts, worüber sich ein Franchise beschweren könnte.

Nach ihren jeweiligen Karrieren blieb keiner der "großen Fünf" von 1989 der NFL so erhalten wie "Prime Time". Als Analyst, Moderator und Botschafter repräsentiert Deion Sanders eines der größten Unternehmen der Welt eben auch adäquater als der womöglich zu aalglatt erscheinende Aikman (Fox-Experte), der in Ungnade gefallene Mandarich oder der introvertierte Barry Sanders. Aber das hat wiederum etwas mit Hollywood zu tun.

nba