SC-Gegentore in der Analyse - Streich: "Kein großer Vorwurf"

Fünf Nackenschläge - Miserable Freiburger Defensive

Enttäuscht: Die Freiburger kassierten eine bittere Pleite in Mainz.

Enttäuscht: Die Freiburger kassierten eine bittere Pleite in Mainz. imago

Den Stab über seine Mannschaft bricht Christian Streich nie. Nach der unerwartet heftigen Abreibung in Mainz hatte er trotz des Resultates gute Gründe dafür. Seine Profis zeigten eine gute Spielanlage, ließen sich auch durch den stetig wachsenden Rückstand nicht davon abbringen, weiter konstruktiv Fußball zu spielen und so auch beim Stand von 0:3 die Partie vom Start der zweiten Hälfte an wieder für längere Zeit zu dominieren.

Allein: Es fehlten die eigenen Tore. Pascal Stenzel verzog zunächst aus guter Position, scheiterte dann mit einem wuchtigen Distanzschuss und später freistehend per Kopf am starken Mainzer Keeper Florian Müller. So erging es in der zweiten Hälfte auch Luca Waldschmidt, der zudem eine Flugkopfball-Möglichkeit hatte, Nicolas Höfler und am Ende Florian Niederlechner. Genug klare Chancen waren also da. Wenn sich zur Abschlussschwäche jedoch unzureichendes Defensivverhalten gesellt, entsteht ein fataler Mix.

"Fußball kann manchmal so sein. Das muss man akzeptieren"

"Wir müssen wissen, wer wir sind und dass wir in der Defensive das eine oder andere Eins-gegen-eins-Duell verlieren gegen herausragende Offensivspieler wie Mateta. Wir haben Mainz in allen Bereichen in die Karten gespielt, ich kann der Mannschaft aber keinen großen Vorwurf machen. Fußball kann manchmal so sein. Das muss man akzeptieren." Dennoch kündigte Streich eine umfangreiche Videoanalyse an: "Wir werden es gemeinsam durchgehen, bis ins Detail."

Dieser Termin wartet irgendwann in der an diesem Montagvormittag gestarteten Trainingswoche auf die SC-Profis. Der kicker legt die Lupe auf die Entstehung der fünf Gegentreffer.

0:1 Boetius (20.):

Die Entstehung des ersten Gegentreffers, der das zuvor einseitige Spiel kippen lässt, ist so einfach beschrieben wie schmerzhaft für den SC und vor allem Keeper Schwolow. Einen Rückpass von Innenverteidiger Heintz spielt der Torwart recht unbedrängt mit links flach ins Zentrum zum Mainzer Boetius, der gekonnt per Direktschuss ins leere Tor trifft.

0:2 Mateta (26.):

Freiburg ist wieder im Angriff, Grifo macht jedoch einen Schnörkel zu viel, versucht parallel zur Strafraumgrenze Abrashi zu bedienen. Der Pass ist nicht gut, Abrashi geht dem Ball aber auch nicht entschlossen genug entgegen, lässt sich die Kugel von Boetius abluchsen, fällt dabei hin und ist für den folgenden Konter aus dem Rennen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich Höfler plus die Dreierkette hinter dem Ball, die SC-Profis sind also in Überzahl gegen die sprintenden Boetius und Mateta. Höfler, dem Spitzentempo seit jeher abgeht, zieht seitlich versetzt zu spät den Vollsprint an, kommt nicht mehr in den Zweikampf mit Boetius, der mit dem Ball am Fuß beinahe das komplette Feld überbrückt. Schlotterbeck läuft erst seitwärts zurück und dreht dann fatalerweise über die linke Schulter nach vorne auf, ist dadurch kurz zum Rückwärtslaufen gezwungen. In seinem Rücken kann Mateta entwischen, der nach dem perfekt getimten Pass von Boetius Schwolow umspielt und mit kurzer Verzögerung aus spitzem Winkel flach einschiebt. Frantz gelingt es dabei seltsamerweise nicht, vor der Torlinie zum Blocken zu bremsen. Während er am ersten Pfosten vorbeischlittert, rollt die Kugel ins Netz. "Du musst vorne zum Abschluss kommen", kommentiert Streich diese Szene knapp.

0:3 Mateta (33.):

Nach Bungerts langem Schlag versucht Stenzel, mit der Brust auf Abrashi zu legen, wieder aber spritzt ein Gegner dazwischen (Latza). Boetius holt den Ball an der Seitenlinie, hat danach Platz, an die Strafraumgrenze zu laufen, wo nur noch Stenzel steht, statt ihn aktiv zu attackieren. Aaron läuft unbegleitet (Abrashi war wieder am Boden, Haberer tritt den langen Weg erst gar nicht an) von seiner linken Außenverteidigerposition in die Tiefe, Boetius steckt den Ball Richtung Grundlinie durch. Aaron legt den Ball per Grätsche zurück. Frantz und Heintz, der am engsten bei Mateta war, laufen beide zur Torlinie statt im Rückraum zu bleiben, wo Mateta den Ball freistehend in die Maschen drischt.

0:4 Onisiwo (73.):

Der SC steht komplett in der Ordnung, da der Ball im Strafraum von Keeper Müller ruht. Nach dessen langem Schlag prallen Stenzel und Onisiwo im Luftduell aneinander. Stenzel stürzt, es ist jedoch kein Foul (kein unerlaubter Armeinsatz) erkennbar, weswegen Schiedsrichter Jablonski nachvollziehbarerweise weiterlaufen lässt. Der Ball rutscht zum omnipräsenten Boetius, der Schlotterbeck andribbelt und wieder tief in den Strafraum durchsteckt. Dorthin ist Onisiwo mit einem Lauf aus dem Raum zwischen Haberer und Abrashi gestartet. Abrashi schafft es nicht, ihn aufzunehmen und grätscht bei Onisiwos folgender Finte ins Leere. Schlotterbecks Grätsche kommt auch zu spät, Onisiwo lässt Schwolow mit einem Schlenzer ins lange Ecke keine Chance.

0:5 Mateta (77.):

Die SC-Profis stehen erneut in der Ordnung, kommen in der Folge aber mehrmals zu spät bzw. sind zu weit weg von den Gegenspielern. Erst Höfler, Abrashi, Grifo und Günter, als Quaison, Onisiwo, Latza und Donati eine flache Ballstafette auf kleinem Raum vollführen. Der an der Seitenlinie postierte Donati spielt dann tief für den in den freien Raum auf der rechten Außenbahn startenden Onisiwo. Abrashi ist zu langsam, kann ihn nicht mehr stellen, geschweige denn die Flanke verhindern. Im Zentrum schüttelt Mateta mit ein paar Körpertäuschungen den orientierungslosen Schlotterbeck ab und köpft freistehend von der Fünfmetergrenze ein.

Vorsicht: Auch Bremen kann schnell umschalten

Solch mangelhaftes Defensivverhalten, individuell und im Kollektiv, gilt es schnellstens abzustellen. Wenngleich sich in Bremen am Samstag aller Wahrscheinlichkeit nach eine ganz andere Partie entwickeln wird. Werder ist selbst auf Ballbesitz ausgerichtet und möchte, vor allem zu Hause, das Spiel gestalten. Das könnte dem SC bei tieferer Staffelung durchaus entgegenkommen. Aber Vorsicht: Auch Bremen kann schnell umschalten und hat mit Rashica und Kruse, um nur zwei Akteure zu nennen, ebenso qualitativ hochwertige Offensivspieler in seinen Reihen.

Carsten Schröter-Lorenz

Bilder zur Partie 1. FSV Mainz 05 - SC Freiburg