Juve-Verteidiger rudert am Mittwochabend zurück

"Schuld 50:50"? Viel Kritik für Bonuccis Aussagen über Kean

Moise Kean

Musste sich in Cagliari viel anhören: Moise Kean nach seinem Tor zum 2:0 für Juventus. imago

Wieder einmal gerät der italienische Fußball durch rassistische Verunglimpfungen von den Tribünen in die Schlagzeilen. Wieder einmal wird diskutiert, wie der Rassismus aus den Stadien verdrängt werden kann. Beim Gastspiel in Cagliari wurde Moise Kean, Sturmjuwel von Juventus Turin, von den heimischen Anhängern ausgebuht, ausgepfiffen und deutlich hörbar auch mit Affenlauten bedacht. Die rassistischen Verunglimpfungen wurden immer lauter, nachdem der 19-Jährige nach seinem Treffer zum 2:0 in der 85. Minute neben das Tor lief und mit ausgebreiteten Armen stillstehend vor der Kurve der Heimfans feierte. Eine Reaktion auf das, was er sich während des Spiel hatte anhören müssen.

Cagliaris Kapitän Luca Ceppitelli gestikulierte Richtung Fans, sie sollten damit aufhören. Per Stadiondurchsage wurde davor gewarnt, dass das Spiel abgebrochen werden würde, sollten die Gesänge anhalten. Der sichtlich aufgebrachte Juve-Mittelfeldspieler Blaise Matuidi, der in der vergangenen Saison an gleicher Stelle ebenfalls mit rassistischen Schmähungen bedacht worden war, forderte Schiedsrichter Piero Giacomelli auf, die Partie zu unterbrechen und war auch nach Schlusspfiff kaum zu beruhigen.

Spielersteckbrief Bonucci

Bonucci Leonardo

Spielersteckbrief Kean

Kean Moise

Dass der italienische Fußball ein Problem mit Rassismus in den Stadien hat, ist nicht neu. Wie schwierig der Kampf dagegen sein dürfte, zeigte sich nach Schlusspfiff. Die Schuld an den Vorfällen sei "50:50" zwischen Kean und den Anhängern zu verteilen, sagte allen Ernstes Juve-Verteidiger Leonardo Bonucci bei "Sky Sport Italia": "Kean weiß, dass er sich darauf konzentrieren sollte, mit seinem Teamkollegen zu feiern, wenn er ein Tor schießt. Er weiß, dass auch er es anders hätte machen können", meinte der Torschütze zum 1:0 und fügte an: "Ich denke, die Schuld ist 50:50. Moise hätte das nicht machen sollen und die Kurve hätte nicht so reagieren sollen. Wir als Profis müssen ein gutes Beispiel abgeben und niemanden provozieren."

Auch Sterling und Balotelli reagieren mit Unverständnis

Rassistische Schmähungen als logische Folge eines provokanten Jubels? Zumal Keans Geste ja eine Reaktion auf die Rufe während des Spiels gewesen war? Bonuccis Aussagen sorgten für großes Unverständnis und brachten ihm viel Kritik ein - auch von unzähligen Profikollegen, die in den sozialen Medien ihre Solidarität mit Kean zum Ausdruck brachten.

"Die Schuld ist 50:50, Leonardo Bonucci. Darüber kann man nur lachen", schrieb Raheem Sterling, zuletzt beim Länderspiel in Montenegro mit Rassismus konfrontiert , bei Instagram als Reaktion auf Bonuccis Aussagen. Der niederländische Nationalspieler Memphis Depay schrieb Bonucci bei Twitter er sei enttäuscht von dessen Reaktion: "Wir werden nicht ruhig sein! #SayNoToRacism." Auch Paul Pogba von Manchester United äußerte sich bei Instagram: "Ich unterstütze jeden Kampf gegen Rassismus, wir sind alle gleich", schrieb der Weltmeister, der selbst für Juventus spielte: "Gute Italiener, wacht auf. Ihr könnt nicht eine kleine Gruppe von Rassisten für euch sprechen lassen."

Mario Balotelli, der in seiner Zeit in Italien auch einiges über sich ergehen lassen musste, kommentierte unter einen Beitrag von Kean bei Instagram: "Bravo! Und sag Bonucci, dass er Glück hatte, dass ich nicht da war. Anstatt dich zu verteidigen, macht er das? Wow, ich bin wirklich schockiert." Yaya Touré bezeichnete Bonuccis Anmerkungen in einem Interview als "unglaublich".

Bonucci erklärt sich: "Meine Worte sind missverstanden worden"

Bis zum Mittwochabend hatte der Gegenwind - nicht nur aus der Fußball-Welt - für ihn derartige Ausmaße angenommen, dass sich Bonucci, der zuvor nur mit einem Satz in einer Instagram-Story reagiert hatte, zu einer Stellungnahme gezwungen sah, um Schadensbegrenzung zu betreiben. "24 Stunden später will ich meine Gefühle klarstellen. Ich wurde direkt nach dem Spiel interviewt und meine Worte sind deutlich missverstanden worden, wahrscheinlich weil ich beim Ausdrücken meiner Gedanken zu hastig war", schrieb Bonucci bei Instagram: "Stunden und Jahre würden nicht ausreichen, um über dieses Thema zu reden. Ich verurteile alle Formen von Rassismus und Diskriminierung. Die Schmähungen sind völlig inakzeptabel, das darf nicht missverstanden werden." Allzu missverständlich waren Bonuccis Aussagen nach dem Spiel allerdings nicht gewesen.

Mancini fordert harte Strafen

Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini sprach sich derweil für härtere Strafen aus: "Wir können das nicht länger akzeptieren, wir müssen hart handeln. Rassistisches Verhalten muss stigmatisiert werden. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Dinge nicht noch einmal passieren. Die Einstellung gegen Kean war inakzeptabel."

ski