Russischer Nationalspieler im großen kicker-Interview, Teil II

Neustädter: "Nach Moskau? Oh Gott, bitte mach das!"

Roman Neustädter

Über seinen ehemaligen Mitspieler Benedikt Höwedes und Istanbul: Roman Neustädter. imago (2)

In Teil 1 des großen kicker-Interviews hat Neustädter ausführlich über seine teils chaotischen Jahre auf Schalke, Beleidigungen und die Nicht-Nominierung für den russischen WM-Kader gesprochen.

Herr Neustädter, sprechen wir über Fenerbahce - und fangen vielleicht mal nicht mit dem Sportlichen an. Wie ist das Leben in Istanbul?

Das war eine meiner besten Entscheidungen bisher. Die neue Kultur, die neue Sprache und diese atemberaubende Stadt. Die Menschen sind super nett hier, ich habe auch Türkisch gelernt und kann mit allen kommunizieren. Jeder freut sich, wenn ich mit ihm Türkisch spreche. Was das angeht, kann ich nur positiv sprechen.

Die sportliche Lage ist weniger positiv, Fenerbahce in der Liga nur 13., stand in dieser Saison aber auch schon auf einem direkten Abstiegsplatz. Was lief alles schief?

Das ist alles immer schwer zu bewerten. Nach vielen Ab- und Zugängen haben wir eine gewisse Zeit gebraucht, um uns zu finden. Wir sind zum Start in der Champions-League-Qualifikation an Benfica Lissabon gescheitert, haben dann - sehr unglücklich - dreimal in Folge in der Liga verloren und es in der Folge nicht geschafft, mal eine Serie zu starten. Und seitdem hängen wir da unten drin.

Wie haben Ihre Fans auf diese Krise reagiert?

Das Stadion ist in dieser Saison voller als letztes Jahr, das muss man erst mal verstehen. (lacht) Natürlich sind die Fans sauer, wenn wir verlieren, das sind wir ja auch. Aber sie haben uns immer unterstützt und das rechne ich ihnen hoch an.

Wem geht es gerade schlechter: Schalke oder Fener?

Gleich. (lacht)

Derzeit trumpft in Istanbul Basaksehir auf, ein Neuling gespickt mit vielen Altstars. Meister Galatasaray, Besiktas und natürlich Fener hängen hinterher - bahnt sich da schon ein Machtwechsel an?

Ich denke, dass es jetzt einfach vier sehr gute Vereine gibt in Istanbul. Basaksehir spielt eine sehr konstante Saison und kann dieses Niveau halten, da hat sich etwas entwickelt. Und natürlich: da ist nicht so viel los, deswegen kann dort in Ruhe gearbeitet werden.

Sie standen in den vergangenen fünf Ligaspielen nicht im Kader. Woran hat's gelegen?

Roman Neustädter

Bei Fenerbahce durfte Neustädter zuletzt nicht mehr ran. imago

Die Hinrunde lief sehr gut und ich hatte positive Gespräche mit dem neuen Trainer (Ersun Yanal, d. Red.). Zuerst wollte der Verein mit mir verlängern, dann war wieder Ruhe und im Winter wurden zwei Verteidiger verpflichtet. Da war mir eigentlich klar, was Sache ist. Ich wollte im Januar weg, aber der Verein hat mich nicht gelassen.

Also steht der Abschied im Sommer, wenn Ihr Vertrag ausläuft, schon fest?

Ich bin jetzt drei Jahre hier und mag den Verein, die Leute und die Fans. Aber ich möchte immer spielen und einem Team helfen. So wie es ausschaut, wird das hier nicht mehr der Fall sein. Ich stehe jederzeit bereit, aber am Ende entscheidet das der Trainer.

Ist die Bundesliga wieder ein Thema?

Natürlich! Ich kann mir aber auch vorstellen, nochmal etwas ganz Neues zu wagen. Ich würde zu keinem Land nein sagen. Damals habe ich auch nicht gewusst, was in der Türkei auf mich zukommt und bin jetzt nur am Schwärmen.

Sie haben sich ohnehin mal als großer Reise-Fan geoutet, waren zum Beispiel mit Ihrem ehemaligen S04-Mitspieler Atsuto Uchida in Tokio unterwegs. Wer darf Sie zum nächsten Trip begleiten? Und wohin geht's?

Roman Neustädter und Atsuto Uchida

Alte Weggefährten und Urlaubskollegen: Roman Neustädter und Atsuto Uchida. imago

Mein Plan war eigentlich, diesen Sommer wieder nach Asien zu fliegen - natürlich mit meiner Frau und meinem Sohn -, am liebsten nach Südkorea. Da ich aber jetzt noch nicht weiß, für wen ich in der nächsten Saison spiele, muss ich noch ein bisschen abwarten. Ich habe Atsuto übrigens neulich noch geschrieben, ihm zum Geburtstag gratuliert und gefragt, wie es ihm so geht.

Steht sonst noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen?

Mit Leroy (Sané) schreibe ich sehr oft, wir haben uns ja auch im November mit den Nationalmannschaften getroffen (siehe Interview, Teil I). Eigentlich schreibe ich noch mit sehr vielen, zum Beispiel (Eric Maxim) Choupo-Moting und (Benedikt) Höwedes.

Dann haben Sie Höwedes doch bestimmt auch vor seinem Wechsel zu Lokomotive Moskau ein paar Tipps geben können, oder nicht?

Er hat mich gar nicht richtig gefragt, sagte nur: "Ich wechsle vielleicht in dein Land." Daraufhin ich: "Nach Moskau? Oh Gott, bitte mach das. Moskau ist eine richtig geile Stadt." Da war er noch skeptisch, ein paar Tage später habe ich erfahren, dass er wirklich gewechselt ist, und habe ihm geschrieben: "Wenn du irgendwas brauchst, sag mir Bescheid, ich habe Leute da." (lacht)

Im Februar sind Sie 31 Jahre jung geworden. Da denkt man sicherlich auch mal an die Karriere nach der Karriere.

Das muss man ja. Die Jahre gehen schneller vorbei als man denkt. Ich weiß noch, wie ich als 24-Jähriger zu Schalke gegangen bin und dachte "Wow, bin ich jung". Jetzt bin ich auf einmal 31. (lacht)

Haben sie schon konkrete Pläne?

Natürlich schaut man, was man später machen will, was einem liegt und woran man Spaß hat. Mein Fokus lag bis jetzt immer nur auf Fußball, ich schaue zum Beispiel auch keine Serien oder Filme, sondern Fußball. Ich muss einfach gucken, wie sich die nächsten Jahre entwickeln.

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