Vor zehn Jahren wurde der Meisterstürmer in Wolfsburg zur Legende

"Graffa, was war das für ein Tor?"

Wieder in Wolfsburg: Grafite zeigt das Foto seines unglaublichen Tores.

Wieder in Wolfsburg: Grafite zeigt das Foto seines unglaublichen Tores. regios24

Die Wolfsburger Legende wurde am Dienstag 40 Jahre alt. Der Kopf ist kahl geschoren, graue Haare durchziehen Grafites Bart. Er nimmt sein Telefon aus der Tasche, er ist sichtlich ergriffen. Er filmt, er fotografiert, er erinnert sich.

kicker: Grafite, was fühlen Sie, wenn Sie all diese Erinnerungen sehen?

Spielersteckbrief Dzeko

Dzeko Edin

Spielersteckbrief Grafite

Batista Libanio Edinaldo

VfL Wolfsburg - Vereinsdaten

Gründungsdatum

12.09.1945

Vereinsfarben

Grün-Weiß

Grafite: Das ist eine Zeitreise, ich fühle mich direkt zehn Jahre jünger. All die Bilder, die Gegenstände hier, es ist alles wieder da. Es sind tolle Erinnerungen an eine wahnsinnig intensive und erfolgreiche Zeit. Ich bin stolz, dass ich ein Teil dieser Geschichte bin.

kicker: Der 4. April 2009 ist ein Tag, der auch zehn Jahre später in einem Atemzug mit der Meisterschaft genannt wird. Es war der Tag, an dem Sie sich praktisch unsterblich machten in Wolfsburg. Es war der Tag Ihres Hackentores gegen den FC Bayern.

Grafite: Ich werde heute noch überall und ständig darauf angesprochen. Es war ein Tor gegen die Bayern, gegen einen der größten Klubs Europas. Viele große Spieler waren in dieser Bayern-Mannschaft: Luca Toni, Ribery. Und Jürgen Klinsmann auf der Bank.

Am Ziel der Träume: Grafite feiert 2009 mit dem VfL Wolfsburg die Meisterschaft.

Am Ziel der Träume: Grafite feiert 2009 mit dem VfL Wolfsburg die Meisterschaft. imago

kicker: Wie lief der Tag damals ab?

Grafite: Gemacht haben wir alles wie immer. Spaziergang, Mittagessen, Besprechung. Aber es gab schon eine Anspannung. Wir waren gleichauf mit Bayern Zweiter hinter Hertha. Wir wussten, dass wir mit einem Sieg zumindest an München vorbeiziehen. Das war eine große Motivation.

kicker: Zur Pause stand es 1:1.

Grafite: In der zweiten Hälfte ist uns alles gelungen. Alles! Edin Dzeko schoss unglaubliche Tore, ich habe das 4:1 gemacht.

kicker: Und dann bekamen Sie in der 77. Minute den Ball . . .

Grafite: . . . von Edin. Ich war auf der halblinken Seite. Ich bin in Richtung Strafraum losmarschiert, hatte aber nicht den Plan, ein Tor zu machen. Ich wusste, dass Edin in die Mitte durchläuft.

Ich habe den Ball nicht mal optimal getroffen

kicker: Es kamen die ersten Gegenspieler.

Grafite: Erst Ottl, dann Lell. Rensing kam mir entgegen. Lahm war da. Und Breno, mein Landsmann. Ich habe einen kurzen Moment zu Edin geschaut, er war frei, einschussbereit. Nach dem Solo aber hatte ich das Gefühl: Den muss ich jetzt machen! Ich stand mit dem Rücken zum Tor, also nahm ich die Hacke. Ich habe den Ball nicht mal optimal getroffen. Er rollte leicht über Brenos Fuß, Ottl versuchte zu retten, dann war er drin. Ich konnte es nicht glauben. Edin jubelte mit mir, er war nicht sauer, sagte nur: "Graffa, was war das für ein Tor?"

kicker: Das beste Ihrer Karriere?

Grafite: Auf jeden Fall. Es war kein typisches Tor von mir. Danach wollte die ganze Welt mit mir reden.

kicker: Nach diesem Spieltag war der VfL Tabellenführer und hat Platz 1 nicht mehr hergegeben. Was hat die Meistermannschaft ausgezeichnet?

Grafite: Wir waren wie Brüder. Dzeko, Josué, Misimovic, Schäfer, Riether, Gentner, Hasebe, einfach alle. Auch die, die nicht gespielt haben, gehörten dazu. Es war die beste Zeit meiner Karriere. Was viele gar nicht mehr wissen: Ich hatte in dem Jahr echte Probleme.

kicker: Verletzungen warfen Sie zurück.

Grafite: Ja, ich habe einige Spiele verpasst. Mal war ein Finger gebrochen, dann das Felsenbein an meinem Kopf, dann war das Knie verletzt. Ich habe einige Spiele verpasst. Und trotzdem lief es perfekt.

kicker: Mit 28 Toren in nur 25 Spielen. Hätten Sie noch häufiger getroffen, wenn Sie gesund geblieben wären?

Grafite: Ja, davon gehe ich aus. Aber zum Glück hat mir Felix Magath auch nicht viel Zeit gelassen, wieder auf den Rasen zurückzukehren . . .

Plötzlich stand ich in der Startelf. Verrückt!

kicker: Wie muss man sich das vorstellen?

Grafite: Am ersten Rückrundenspieltag in Köln hatte ich etwas in meinem Knie gespürt. Ich musste operiert werden. 30 Tage später bin ich ins Lauftraining eingestiegen, kurz vor dem UEFA-Cup-Rückspiel gegen Paris. Das Hinspiel hatten wir 0:2 verloren, Magath sah mich laufen, ich kickte ein bisschen, da sagte er: "Graffa, nicht mit dem verletzten Bein schießen." Ich sollte für den Notfall auf der Bank sitzen. Das habe ich gemacht, wir haben 1:3 verloren. Am Sonntag darauf haben wir in Hamburg gespielt. Ich dachte, okay, vielleicht sitze ich wieder auf der Bank. Plötzlich stand ich in der Startelf. Verrückt! Kurz nach der Pause hat mich Magath dann ausgewechselt. Da hatte ich schon zwei Tore geschossen.

kicker: Wie war das möglich?

Grafite: Ich war trotz der Verletzungen körperlich topfit, mental unglaublich stark. Schon die Sommervorbereitung war top. Dieses Fitnesslevel, das ich unter Felix Magath hatte, habe ich nie wieder erreicht. Werner Leuthard, der Fitnesstrainer, hat ganze Arbeit geleistet. Heute habe ich zum Glück keine Albträume mehr von ihm.

Grafite im Gespräch mit kicker-Redakteur Thomas Hiete.

Grafite im Gespräch mit kicker-Redakteur Thomas Hiete. regios24

kicker: Magath gab Ihnen einen Spitznamen.

Grafite: Er hat mich Maschine genannt. Und das war wirklich so: Mein Körper hat funktioniert wie eine Maschine.

kicker: 2008 im Sommertrainingslager hat diese Maschine bei einer Bergwanderung ausgesetzt.

Grafite: Oh ja, das Camp in der Schweiz! Magath hatte uns nach dem Morgentraining gesagt, dass wir am Nachmittag nicht trainieren würden, sondern spazieren gehen und ein bisschen Kaffee trinken. Wir waren happy.

Ich habe mich hingesetzt, der Kopf ging runter. Die Maschine war kaputt.

Grafite

kicker: Das änderte sich beim "Spaziergang".

Grafite: Nach einer halben Stunde bergauf fragten wir uns langsam: Wo soll das enden? Wir gingen und gingen. Immer weiter nach oben. Ich habe Josué, meinen Landsmann und unseren Kapitän, angeschaut und gesagt: "Ich glaube das jetzt nicht." Anfangs war ich in der Gruppe weit vorne, nach und nach haben mich alle überholt. Die Trainer waren noch hinter mir, aber ich konnte nicht mehr. Ich habe mich hingesetzt, der Kopf ging runter. Die Maschine war kaputt.

kicker: Und Magath?

Grafite: Als ich wieder zu mir gekommen bin, hielt er meine Beine in den Händen, rief: "Graffa, Graffa! Alles klar?" Ich war ein paar Minuten völlig weg, dann rappelte ich mich wieder auf, bin weitermarschiert. Die Mannschaft aß schon Kuchen und feierte mich, als ich ins Ziel kam. Aber ich habe viel gelernt an diesem Tag.

kicker: Was genau?

Grafite: Man muss über sich hinauswachsen, über Grenzen gehen, um Ziele zu erreichen. Zu Magath durfte man nicht sagen, dass man müde ist. Man musste rennen. Ich bin abends häufig nach Hause gekommen und sofort eingeschlafen.

kicker: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Grafite: Ab und an. Letztmals habe ich ihm zum Geburtstag gratuliert, da hat er noch als Trainer in China gearbeitet. Ich habe ihm viel zu verdanken.

Ich habe mein Kampfgewicht fast gehalten

kicker: Sie haben erst Ende 2017 Ihre Karriere in Brasilien beendet, nachdem Sie nach Wolfsburg auch noch in Dubai und Katar gespielt hatten.

Grafite: Meine Fitness hat mir in den Jahren danach sicher noch geholfen, deshalb konnte ich noch so lange spielen. Ich habe aber auch sehr professionell gelebt. Auch das habe ich in Deutschland gelernt. Ich habe mein Kampfgewicht fast gehalten. Heute wiege ich 96 Kilogramm, 2009 waren es 91 oder 92 Kilo.

Grafite mit der Meisterschale

Grafite mit der Meisterschale Hiete

kicker: Wann ahnten Sie 2009, dass der VfL etwas ganz Großes erreichen kann?

Grafite: Es war dieser 4. April, unser 5:1 gegen Bayern. Ich habe gespürt, dass wir es packen können. Magath hat nie vom Titel gesprochen, immer nur vom nächsten Spiel. Wir hatten nach dem Sieg noch acht Partien vor der Brust.

kicker: Hatten Sie vor dem 34. Spieltag im eigenen Stadion gegen Bremen noch irgendwelche Zweifel am Titelgewinn?

Grafite: Wir hatten es selbst in der Hand, mussten nur noch gewinnen. Die Fans, die ganze Stadt, eigentlich das ganze Land ging davon aus, dass wir uns die Meisterschaft nicht mehr nehmen lassen. Aber Magath hat uns gewarnt: Bremen hatte nichts zu verlieren. Ich habe die Nacht vor dem Spiel ganz schlecht geschlafen, bin immer wieder aufgewacht.

kicker: Im Spiel waren Sie dann hellwach.

Grafite: Nach 15 Minuten haben wir 2:0 geführt, zur Halbzeit 3:1. Da wusste ich: Das nimmt uns keiner mehr!

Mama, ich bin Meister!

Grafite

kicker: Am Ende stand es 5:1, der VfL war erstmals Meister. Wie haben Sie die Augenblicke nach dem Triumph erlebt?

Grafite: Unglaublich emotional. Im September war mein Vater verstorben, in der Kabine habe ich meine Mutter in Brasilien angerufen. Sie hat Flugangst, konnte nicht da sein. Ich habe ihr gesagt: "Mama, ich bin Meister!"

kicker: Sie hatten einen unglaublichen Lauf entwickelt. Was war Ihr Geheimnis?

Grafite: Die Fitness. Und noch was: Ich habe zwei Paar Stutzen getragen.

kicker: Warum das?

Grafite: Es war einfach ein Versuch. Ich habe kein Tape benutzt, wollte es aber ein bisschen fester haben um die Beine. Also habe ich in der Hinrunde beim 3:0 gegen Energie Cottbus zwei Paar Stutzen angezogen - und drei Tore geschossen. Also dachte ich mir fortan: Doppelt hält besser.

kicker: Ihr Sturmpartner Dzeko kam auch auf 26 Tore. Gab es da keine Rivalität?

Grafite: Nicht im Meisterjahr. Wir haben uns auch gegenseitig Tore aufgelegt. Klar, jeder Stürmer ist ein Egoist. Unser Job ist es, Tore zu schießen. Aber im Meisterjahr hat es einfach perfekt gepasst zwischen Edin und mir.

Auch die kicker-Kanone ist beim VfL Wolfsburg ausgestellt.

Auch die kicker-Kanone ist beim VfL Wolfsburg ausgestellt. regios24

kicker: Sie gewannen die kicker-Kanone . . .

Grafite: . . . die bei mir zu Hause in Brasilien einen Ehrenplatz hat.

kicker: Im Jahr darauf wurde Dzeko Torschützenkönig mit 22 Treffern.

Grafite: Die Saison nach der Meisterschaft wurde komplizierter, auch zwischen uns. Da gab es schon eine Rivalität. Das war vielleicht auch normal. Edin war noch sehr jung, ich war der König. Damit bin ich vielleicht auch nicht optimal umgegangen. Ich habe in der Liga nicht mehr so stark gespielt, Edin hat so weitergemacht.

kicker: Haben Sie noch einen Draht zu ihm?

Grafite: Anfangs hatten wir noch Kontakt, als er bei Manchester City war, ich dann in Dubai gespielt habe. Seit er in Rom ist, haben wir uns nicht mehr gehört. Aber ich verfolge alles, was er macht. Es ist toll, wie er noch immer trifft. Ich mag ihn sehr.

kicker: Sie sind bis heute das beste Torjägerduo der Bundesligageschichte. Werden die 54 Tore aus dem Meisterjahr noch einmal geknackt?

Das erfolgreichste Sturmduo der Bundesliga-Geschichte: Edin Dzeko (li.) und Grafite.

Das erfolgreichste Sturmduo der Bundesliga-Geschichte: Edin Dzeko (li.) und Grafite. imago

Grafite: Ich hoffe nicht, aber wenn Lewandowski und Aubameyang mal zusammenspielen würden . . . In Wolfsburg spielen jetzt Wout Weghorst und Daniel Ginczek. Die gefallen mir gut. Und ich bin noch immer ein Fan vom 4-4-2-System.

kicker: Blicken Sie zurück auf eine perfekte Karriere?

Grafite: Ja, das tue ich. Ich bereue nichts. 2006 bin ich nach Europa gekommen, habe in Frankreich in Le Mans gespielt und davon geträumt, mal bei einem großen europäischen Klub zu landen. Mailand oder Madrid, das schwebte mir vor.

Überall wo ich hinkomme, mögen mich die Menschen. Das ist eine große Freude

kicker: Das war Wolfsburg bei allem Respekt nicht ganz.

Grafite: Für mich war der VfL aber das Größte. Ich bin Meister und Torschützenkönig geworden, habe in der Champions League gespielt und getroffen. Ich habe für die Selecao gespielt. Überall wo ich hinkomme, mögen mich die Menschen. Das ist eine große Freude. Als ich im Januar mal in Frankfurt war, sprach mich jemand an. "Sind Sie Grafite?" Der Mann hat Fotos gemacht und sich gefreut, mich zu sehen. Ich wollte immer ein Spitzenfußballer sein, aber auch immer ein guter Mensch.

kicker: Ihre Geschichte ist speziell. Als Jugendlicher haben Sie in Ihrer Heimat auf der Straße Mülltüten verkauft.

Grafite: Ja, das war so. Erst mit Anfang 20 bin ich Profi geworden, etwas spät eigentlich. Ich habe viel erreicht, aber nie vergessen, woher ich gekommen bin.

Ich erzähle die Wahrheit, haue die Spieler aber nicht in die Pfanne

kicker: Nun arbeiten Sie beim brasilianischen Fernsehen. Als strenger Experte?

Grafite: Experte klingt sehr hoch gegriffen. Ich habe überlegt, was ich machen soll. Berater? Ich weiß nicht. Viele sagten, ich solle Trainer werden. Aber keine Chance, das will ich nicht. Also habe ich beim Fernsehen angefangen. Das macht mir Spaß. Ich kann Fußball sehen, kann das Spiel erklären. Ich erzähle die Wahrheit, haue die Spieler aber nicht in die Pfanne.

"Ich habe ihm viel zu verdanken": Grafite mit Trainer Felix Magath.

"Ich habe ihm viel zu verdanken": Grafite mit Trainer Felix Magath. imago

kicker: Wolfsburg verfolgen Sie noch immer?

Grafite: Ja. Es ist schön, dass der Klub wieder nach oben kommt.

kicker: Nach dem Titel folgte der Absturz ebenso wie nach dem Pokalsieg 2015. Wie kann der VfL diese Wellenbewegungen zukünftig verhindern?

Grafite: Nach Erfolgen ist es wichtig, den Kader zu verändern, hungrige Spieler dazuzuholen. Es ist schon so, dass man als Spieler nachlässt nach einem Triumph, dass man das Gefühl bekommt, woanders den nächsten Schritt machen zu müssen.

kicker: Wie war es bei Ihnen? Wollten Sie auch weg nach der Meisterschaft?

Grafite: Ich hatte Möglichkeiten. Rubin Kasan wollte mich, es gab auch Kontakt zum FC Liverpool, Fenerbahce machte mir ein gutes Angebot. Aber der VfL hat meinen Vertrag angepasst, ich bin bis 2011 geblieben. Das war gut so.

Wenn Wolfsburg Bedarf hat und meinen Rat in Brasilien benötigt, dann helfe ich meinem Klub, klar.

Grafite

kicker: Sie haben sich kürzlich mit Ihrem damaligen Mitspieler Marcel Schäfer unterhalten. Der ist nun Sportdirektor. Besteht die Chance, irgendwann wieder für den VfL zu arbeiten?

Grafite: Wenn Wolfsburg Bedarf hat und meinen Rat in Brasilien benötigt, dann helfe ich meinem Klub, klar. Ich bin offen für alles.

kicker: Kann der VfL noch mal Meister werden?

Grafite: Warum nicht? Wolfsburg hat gute Möglichkeiten, Volkswagen steht hinter dem Klub. Spieler wie Diego, Mandzukic oder De Bruyne haben hier gespielt. Wenn der VfL noch einmal Meister werden kann, werde ich auf jeden Fall da sein.

Interview: Thomas Hiete