Taktischer Kniff in Halle, Jena und Aalen

Mai, Gerlach, Geyer: Wenn Verteidiger stürmen

Sebastian Mai

Plötzlich Stürmer: Halles Sebastian Mai. picture alliance

Vielleicht hatte sich ja Domenico Tedesco das ja bei Torsten Ziegner abgeschaut. Als der damalige Schalker Trainer Anfang Dezember im Derby gegen Borussia Dortmund einen akuten Stürmernotstand durchlebte, wechselte er Linksverteidiger Hamza Mendyl nach einer guten halben Stunde für die vorderste Reihe ein. Das Experiment misslang, Mendyl fremdelte mit seiner neuen Aufgabe, Königsblau unterlag 1:2. Tedesco musste sich im Anschluss für seine Idee rechtfertigen .

Zwei Ligen tiefer machten drei Kollegen Tedescos andere Erfahrungen mit zentralen Abwehrspielern – positivere. Nichts Ungewöhnliches ist es, dass mancher etatmäßige Innenverteidiger in der Schlussphase als kopfballstarke Option im gegnerischen Strafraum zur Geltung kommt. Ihm aber von Beginn an eine offensive Rolle zukommen zu lassen? Ein gewagter Zug - der in der laufenden Drittligasaison schon in drei Vereinen praktiziert wurde.

Spielersteckbrief J. Gerlach

Gerlach Justin

Spielersteckbrief Geyer

Geyer Thomas

Spielersteckbrief S. Mai

Mai Sebastian

3. Liga - 30. Spieltag
3. Liga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
VfL Osnabrück
61
2
Karlsruher SC
55
3
SV Wehen Wiesbaden
52
Trainersteckbrief Schmitt

Schmitt Rico

Trainersteckbrief Ziegner

Ziegner Torsten

Trainersteckbrief Kwasniok

Kwasniok Lukas

Sebastian Mai: spielintelligenter Kopfballexperte

Zuerst fand sich das Modell beim Halleschen FC. Trainer Torsten Ziegner benötigt für sein flügelstarkes wie flankenreiches Spielsystem Stoßstürmer, die Bälle vorne festmachen und verwerten können. Aus dem Hallenser Kader ist Mathias Fetsch (1,89 Meter) dafür prädestiniert, doch Ziegner bevorzugt einen zweiten großgewachsenen Spieler im Zentrum. Also zog er Anfang Oktober in der Partie gegen Wehen Wiesbaden kurzerhand den 1,95 Meter großen Mai nach vorn. Der war bislang als Innenverteidiger und defensiver Mittelfeldspieler eingesetzt worden.

Trotz seines unauffälligen Stürmerdebüts ( kicker-Note 4 ) war Mai fortan offensiv gesetzt. Zwischenzeitlich agierte er auch als Spielmacher im 4-2-3-1-System. Als am 20. Spieltag gegen Zwickau in Heyer und Landgraf gleich zwei Innenverteidiger gelbgesperrt fehlten, rückte Mai wieder auf seine alte Position und traf, ganz Stürmer, prompt nach einem Standard.

Nach einem Innenbandriss und längerer Pause gab der 25-Jährige am vergangenen Wochenende sein Comeback, gleich in der Startelf - und als Stürmer. "Wie er nach der Pause mit seiner Mentalität und Spielintelligenz sofort wieder präsent war, ist ein Beispiel für jeden anderen Spieler", lobte Ziegner den Rückkehrer . Mai, ohnehin zur Führungsfigur geboren und seit dieser Saison Vize-Kapitän, gibt seine Kommandos nun also im Offensivspiel statt im eigenen Strafraum. Und bislang deutet nichts darauf hin, dass sich daran so schnell wieder etwas ändert.

Justin Gerlach: Stürmer für eineinhalb Tage

Ohne Vorwarnung für den Gegner beorderte Jenas Trainer Lukas Kwasniok seinen Abwehrmann Justin Gerlach während der Partie in Kaiserslautern Mitte März in die vorderste Offensivreihe. In der 19. Minute zeigte er seinem Team die Umstellung von der Fünferkette auf Viererkette an - mit der Konsequenz, dass Gerlach plötzlich Stürmer war. Er, der seine gesamte Karriere lang Defensivaufgaben erfüllte. "Wir wollten den Gegner überraschen", sagte der Coach über seine Idee – die aufzugehen schien. Gerlach bereitete bei einem Konter die zwischenzeitliche Führung vor, das Spiel verlor Jena allerdings 1:4.

Dominik Schad, Justin Gerlach

Ging in Kaiserslautern in den Sturm: Jenas Justin Gerlach (re.) gegen FCK-Verteidiger Dominik Schad. imago

In der Woche darauf gegen Lotte versuchte Kwasniok es gar von Beginn an mit Gerlach als Angreifer. Das Ergebnis (1:1) war befriedigend, so auch Gerlachs Leistung (kicker-Note 3,5). Dennoch endete das Experiment am vergangenen Samstag in Osnabrück schon wieder – der neu angelernte Stürmer kehrte in die defensive Viererkette zurück und blieb dort. Vorerst.

Thomas Geyer: Ein Mann für alle Positionen?

Nicht ganz so weit nach vorn musste sich Thomas Geyer beim VfR Aalen orientieren - aber dafür längerfristig. Rico Schmitt, der neue Trainer auf der Ostalb, hat es sich auf die Fahne geschrieben, beim Tabellenletzten der dritten Liga keinen personellen Stein auf dem anderen zu lassen . Und so findet Schmitt jede Woche eine andere Position für Geyer.

Zuletzt gegen Zwickau war das die Sechs, davor die Zehn und zweimal das linke Mittelfeld. Auch als "Libero" zentral in der Abwehr-Dreierkette spielte der 28-Jährige schon einmal unter Schmitt. Wohlgemerkt: Der neue Trainer ist erst seit etwas mehr als einen Monat im Amt.

Mit seinen neuen offensiven Aufgaben freundete sich Geyer, technisch gut ausgebildet beim VfB Stuttgart, schnell an. Beim überraschenden 3:0-Sieg in Karlsruhe traf er gar aus dem Rückraum. "Der kann überall spielen", sagte schon der frühere Aalener Coach Peter Vollmann über den ehemaligen U-20-Nationalspieler. In den zwei gemeinsamen Jahren zwischen 2016 und 2018 beschränkte er Geyers Einsatzgebiet allerdings auf die Viererkette.

In dieser umkämpften dritten Liga ist offenbar jeder taktische Kniff möglich, und sei er vorher noch so undenkbar. Auch den umgekehrten Fall gibt es: Thomas Bröker, fast seine gesamte Karriere lang als Mittelstürmer eingesetzt, ist bei Fortuna Köln neuerdings Linksverteidiger.

pab