Prof. Froböse über unerschlossenes Potenzial

"Wir sind im eSport noch auf Kreisliganiveau"

"Ein Teil absolviert gar kein gezieltes Training", sagt Prof. Ingo Froböse und forscht im eSport mit dem Ziel neuer Konzepte.

"Ein Teil absolviert gar kein gezieltes Training", sagt Prof. Ingo Froböse und forscht im eSport mit dem Ziel neuer Konzepte. kicker eSport

Professor Ingo Froböse forscht mit seinem Team seit 2017 am eSport und hat jüngst erste Studienergebnisse veröffentlicht. Zu den Erkenntnissen zählt, dass eSportler keineswegs ungesund und unsportlich sind, allerdings zum Großteil noch unkoordiniert trainieren. "Das hat mich am meisten überrascht!", sagt er im Gespräch mit kicker eSport. Dr. Ingo Froböse ist seit 1995 Universitäts-Professor, Leiter des Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung und unter anderem Experte für die Bundesregierung.

"Selbst im Profi-eSport bestehen noch starke Defizite in der Trainingsgestaltung und ein Teil absolviert gar kein gezieltes Training, sondern versucht lediglich über das häufige Spielen besser zu werden." Viel hilft viel, nennt der Professor diese Praktik und attestiert dem eSport verglichen mit dem Profifußball: "Hier sind wir noch auf Kreisliganiveau!"

Praktik ungewöhnlich im Spitzensport

Die deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) ist eine der anerkanntesten Institutionen in Deutschland. Wer hier aufgenommen werden will, muss sich durch schwere Prüfungen kämpfen. Die DSHS bildet auch Trainer für die deutschen Fußballligen aus und forscht intensiv am Thema Sport. Einfach nur viel zu trainieren sei im Spitzensport äußert ungewöhnlich, sagt er Professor. "Ich komme aus dem Spitzensport und weiß daher, was wirklich notwendig ist, um Leistung zu erbringen." Froböse ist mehrfacher deutscher Vizemeister im 100m und 200m-Sprint, einer Disziplin, in der die eigene Leistungsfähigkeit bis an die Grenze gestählt werden muss. "Dass wir im eSport, in dem so eine hohe Performance zwingend gefordert wird, noch so große Defizite in vielen Faktoren der Leistungsfähigkeit haben - das hatte ich nicht erwartet." An dieser Stelle könne der eSport noch viel vom traditionellen Sport lernen, "denn nicht nur wiederholtes Spielen führt zu einer Leistungssteigerung." Froböses zentrale These ist hier, dass die eSportler noch deutlich "Luft nach oben" hätten, also unerschlossenes Potenzial, das sie nicht ausschöpfen.

Korea und Ronaldo als Vorbilder

"In Korea haben wir eine regelrechte Drilling-Mentalität. Deswegen waren die Koreaner in der Anfangszeit auch besser. Bei uns ist das gesamte System noch so laienhaft. Wir haben keine vernünftige Führung." Froböse treibt vornehmlich um, dass eSport-"Profis" in Deutschland in der Regel alleine gelassen werden. Auch Spieler auf dem Weg in die Professionalität zocken sich die Nächte um die Ohren, achten aber nicht auf ihre Gesundheit. "Die Spieler sind wirklich, was Ernährung, Bewegung, Ausgleich, Regeneration, Stressmanagement und auch Trainingsplanung betrifft, sehr unerfahren. Sie werden allein gelassen und da muss ich wirklich sagen, da gibt es noch so viel Luft nach oben: In der Führung, in der Selbstwahrnehmung, in der Lebensgestaltung und im Lebensstil."

Der eSport kann noch viel vom traditionellen Sport lernen.

Prof. Dr. Ingo Froböse

Es gäbe noch viele Fähigkeiten, die man weiter entwickeln könne, so Froböse weiter. Dazu zieht er ein prominentes Beispiel aus dem Fußball heran. Cristiano Ronaldo würde die perfekte Ausrichtung auf seinen Sport bis ins kleinste Detail darstellen und Punkte wie richtige Ernährung, Regeneration und Training voll ausleben. "Das finde ich im eSport in keinster Weise."

Langfristige Forschung soll Konzepte erbringen

Die Kölner Forscher um Froböse entwickeln nach einer ersten Datenerhebung derzeit Testmodelle, um Stärken und Defizite bei eSportlern zu erkennen. Dann will die DSHS Konzepte erstellen, um Leistungsfähigkeit zum Beispiel in puncto Konzentration zu verbessern.

Der Professor hat großen Enthusiasmus für die junge Sportart und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Training der eSportler in Deutschland zu revolutionieren. Er will das verborgene Potenzial erschließen, und zwar mit einem "ganzheitlichen Trainingsansatz mit differenzierten Trainingsmethoden. Das ist weitaus vielversprechender als nur lange und häufig zu spielen." kicker eSport wird die weitere Forschung und deren Ergebnisse auch zukünftig begleiten. Wer an den Tests der DSHS teilnehmen möchte, ist Professor Froböse herzlich willkommen. Eine Anmeldung dafür findet Ihr hier.

Holm Kräusche

Schwalbenkönige in FIFA 19: Diese Topstars fallen schnell