Warum überzeugen die Reds nicht mehr?

Liverpools bedenklicher Rückfall - Carragher wirft Klopp "großen Fehler" vor

Jürgen Klopp beim 1:1 gegen West Ham

Wenn sich 2019 als 2017 verkleidet: Jürgen Klopp beim 1:1 gegen West Ham. imago/picture alliance

Der FC Liverpool hat nach 25 Premier-League-Spieltagen nur einmal verloren, nur 15 Gegentore kassiert und drei Punkte Vorsprung auf den Zweiten Manchester City. Doch wenn sogar der stets wohlwollende "Liverpool Echo" schreibt, dass der Tabellenführer "momentan nicht gut spielt und das nun schon seit über einem Monat nicht mehr tut", stimmt wohl wirklich irgendetwas nicht mehr.

Mit nur zwei Siegen aus sechs Pflichtspielen hat sich Liverpool 2019 in ein Tief manövriert, und plötzlich geht die Angst um, dass das mit dem ersten Meistertitel seit 29 Jahren doch noch einmal eng werden könnte. Wobei das mit der Angst so eine Sache war beim jüngsten Rückschlag, dem 1:1 beim Tabellenzwölften West Ham United am Montagabend .

Premier League - 25. Spieltag
Premier League - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Manchester City
62
2
FC Liverpool
62
3
Tottenham Hotspur
57
Spielersteckbrief Clyne

Clyne Nathaniel

Spielersteckbrief N. Keita

Keita Naby

"Verängstigt"? Klopp kontert West Hams Kapitän mit kühlem Blick

West-Ham-Kapitän Mark Noble behauptete, seine Hammers hätten Liverpool "verängstigt", was Jürgen Klopp mit kühlem Blick dementierte ("Ich würde den West-Ham-Fans wünschen, dass Mark Noble und sein Team mehr Mannschaften verängstigen würden"). Und es sei auch nicht der Druck als Tabellenführer, der seine Elf lähmt.

Nur was dann? Wieso fühlte sich Liverpools Spiel gegen West Ham mit all den defensiven Wacklern gerade bei gegnerischen Standardsituationen wie eines der Vor- oder Vor-Vorsaison an? Weshalb erspielte sich West Ham "so viele Chancen gegen die beste Defensive der Liga", wie Trainer Manuel Pellegrini schwärmte? Und warum war ein Abseitstor nötig, um überhaupt ein Tor zu schießen?

Der "Guardian" spottet über Keita - Milner stößt an Grenzen

Klopp konstruierte zwar hinterher sogar aus dem Abseitstor einen Schiedsrichter-Nachteil für seine Elf , sah vor allem aber Spieler, die "nicht auf ihrem höchsten Niveau gespielt haben"; doch das war womöglich auch eher Symptom als Ursache: Einige dieser Spieler hätten unter normalen Umständen wohl gar nicht gespielt.

Weil Georginio Wijnaldum, Jordan Henderson und Dejan Lovren kurzfristig, Trent Alexander-Arnold und Joe Gomez ohnehin ausgefallen waren, begann etwa Adam Lallana erstmals seit Oktober in der Liga, kam dabei über gute Ansätze nicht hinaus. Naby Keita bekam eine neue Gelegenheit zu zeigen, warum er Liverpool vor der Saison 60 Millionen Euro wert war, und ließ sie wieder aus.

Bei West Hams Ausgleich, einem simplen Freistoß-"Trick", kochte Torschütze Michail Antonio den Ex-Leipziger derart ab, dass es der "Guardian" nur noch "peinlich" fand: "Es ist die Art von Spielzug, die sich vielleicht eine B-Elf in der D-Jugend im Training ausdenkt, sich aber dann gegen ihn entscheidet, weil er, nun ja, etwas zu offensichtlich ist."

Es war ein großer Fehler von Klopp, Clyne gehen zu lassen. Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat.

Jamie Carragher

James Milner fehlte dagegen im Mittelfeld, weil er in Abwesenheit von Alexander-Arnold, Gomez und Henderson rechts hinten aushelfen und dabei einsehen musste, dass auch seine Allroundqualitäten Grenzen haben. Und so fiel im Nachgang wieder der Name Nathaniel Clyne, jener Rechtsverteidiger, den Klopp im Winter nach Bournemouth verliehen hatte und jetzt plötzlich vermisst: Die Personalsituation hat sich seitdem dramatisch verschlechtert.

"Es war ein großer Fehler von Klopp, Clyne gehen zu lassen", kritisierte Reds-Ikone Jamie Carragher im englischen TV. "Ich verstehe nicht, warum er das gemacht hat. Ich weiß schon, dass es danach noch einige Verletzungen gegeben hat, aber es war nicht nötig, ihn gehen zu lassen." Für Carragher ist inzwischen sogar offenkundig, dass selbst der Fünfte Manchester United einen besseren, weil tieferen Kader habe. "Ich finde, wir sehen jetzt entsprechende Anzeichen." Mit all den Verletzungsproblemen sehe Liverpool jedenfalls "nicht wie das stabile, echte Liverpool aus, das wir in den letzten vier, fünf Monaten gesehen haben."

Warum patzt Liverpool gerade jetzt, da es der Spielplan wieder gut meint?

Dubios bleibt, warum der Tabellenführer im Schlag-auf-Schlag-Dezember alle Gegner schlug, obwohl erste Personalsorgen schon da auftauchten, er jetzt aber, da sogar Zeit für ein Kurztrainingslager in Dubai war, plötzlich seine Linie verloren hat. Dass zwischen dem anstehenden Heimspiel gegen Bournemouth und dem CL-Achtelfinalhinspiel gegen Bayern (19. Februar) neun Tage Pause anstehen , könnte sich so gesehen noch als nutzloser Vorteil erweisen - womöglich brauchen Salah, Firmino & Co. den gewohnten Rhythmus einfach.

In jedem Fall erlebt Liverpool gerade einen bedenklichen Rückfall. Verletzungsprobleme, Standardschwächen, Ausrutscher gegen Durchschnittsgegner und das alles zu Jahresbeginn? Das klingt alles eher nach 2016 oder 2017. Neu ist 2019: Liverpool ist weiterhin Erster. Doch vielleicht ist das, nun ja, etwas zu offensichtlich.

Jörn Petersen