Der BVB-Shootingstar über Vergangenheit und Zukunft

Der vorbildliche Weg des Jadon Sancho

Jadon Sancho am Donnerstag in Marbella

Er hat dem Fußball alles untergeordnet: Jadon Sancho am Donnerstag in Marbella. imago

Aus Dortmunds Trainingslager in Marbella (Spanien) berichtet Matthias Dersch

Jadon Sancho steht auf und streckt die Hand aus, als er seine erste größere Medienrunde im Kreise des BVB hinter sich gebracht hat. Jedem einzelnen Reporter, der sich in den Minuten zuvor mit ihm auf der Terrasse des Teamhotels Grand Melia Don Pepe in Marbella unterhalten hat, schüttelt der 18-Jährige die Hand. Sanchos Manieren im Gespräch mit den deutschen Medienvertretern sind ausgezeichnet. Er hört zu, hakt nach, wenn er etwas nicht ganz verstanden hat, steht höflich und ohne jeden Anflug von Arroganz Rede und Antwort. Man mag das für eine Selbstverständlichkeit halten. Doch das ist es nicht im oft überdrehten Profigeschäft. Erst recht nicht bei einem Spieler, der gerade dabei ist, in die absoluten Höhen seines Sports vorzustoßen.

Spielersteckbrief Sancho

Sancho Jadon

Bundesliga - Tabelle
Pl. Verein Punkte
1
Borussia Dortmund
42
2
Bayern München
36
3
Bor. Mönchengladbach
33
Bundesliga - Topspieler 2018/19
Demirbay Kerem
2,45
Thiago
2,64
Sancho Jadon
2,65

Sancho, der in der aktuellen kicker-Rangliste hinter dem vom BVB umworbenen Thorgan Hazard Rang zwei auf der offensiven Außenbahn belegt, ist gerade einmal 18 Monate lang Profi, hat keine 30 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel - und gilt dennoch bereits als Hoffnungsträger des englischen Fußballs. Wie sich der junge, unfassbar flinke und gewitzte Dribbler fern seiner Heimat bei Borussia Dortmund durchgesetzt und zu einer der prägenden Figuren dieser Bundesliga-Saison entwickelt hat, fiel nicht nur in Deutschland auf, sondern auch in England.

"Nach Deutschland zu kommen, das war nicht einfach"

Sanchos Weg gilt inzwischen als vorbildlich für die vielen englischen Nachwuchstalente, für die in den durch Hunderte Millionen Euro aufgepumpten Premier-League-Kadern kein Platz ist. Und auch in Deutschland sehnen sich die Teams nach einem eigenen Sancho - man schaue nur zum FC Bayern, der gerade intensiv um die Dienste von Chelseas Callum Hudson-Odoi wirbt . Auch er ist erst 18 Jahre alt, auch er kommt - wie damals Sancho bei Manchester City - nicht an den großen Stars vorbei, und auch er gilt als zukünftiger Hoffnungsträger der "Three Lions".

Sancho und Hudson-Odoi sind befreundet. Ratschläge allerdings möchte Sancho seinem Kumpel aus gemeinsamen Zeiten in den englischen U-Teams nicht erteilen. Lieber spricht er über sich, seinen Weg und die Schwierigkeiten, die damit verknüpft waren. "Nach Deutschland zu kommen, das war nicht einfach", sagt Sancho, der sich vor allem wegen der fehlenden Sprachkenntnisse sorgte. Dass er sich in Deutschland sofort gut in seiner Heimatsprache verständigen konnte, half ihm ebenso bei der zügigen Integration wie die Tatsache, dass er aus seiner Kindheit gewohnt war, in fremde Umgebungen zu kommen.

Ein eigener Koch kümmert sich im Hause Sancho um die richtige Ernährung

Schon im Alter von zwölf Jahren schloss sich der Straßenkicker aus Kennington, einem der ärmsten und härtesten Stadtteile Londons, der Harefield Academy des FC Watford an. Auch sie lag in London, allerdings in einem ganz anderen Teil der Stadt - und damit gefühlt am anderen Ende der Welt. "Ich wusste nicht, wie ich mich dort zurechtfinden und mit den anderen Jungs klarkommen sollte", erinnert sich Sancho. Am Ende half ihm der Fußball, um sich zu integrieren und Anschluss zu finden. So wie jetzt in Dortmund, wo er seinen natürlichen Spieltrieb und sein überquellendes Talent am Ball zu kanalisieren lernte.

Anders als auf den Straßen und in den Parks von Kennington gehe es ihm heute nicht mehr darum, mit seinen Tricks zu zeigen, dass er der Größte sei, sagt er. Er habe in Dortmund gelernt, die Mitspieler zu sehen, sich vom Ball zu trennen, professionell zu spielen - auch dank der strengen Blicke seines mit ihm nach Dortmund gezogenen Vaters. Mit ihm gemeinsam bewohnt Sancho ein Appartement, ein eigener Koch kümmert sich um die sportgerechte Ernährung. Viel mehr als Fußball, sagt er, gäbe es in seinem derzeitigen Leben nicht. Ihm habe er alles untergeordnet.

In Dortmund kann ich das tun, was ich liebe.

Jadon Sancho

Sancho kommt aus einfachen Verhältnissen. Genau wie Hoffenheims Reiss Nelson und wie so viele andere junge englische Talente, die zuletzt in den U-Bereichen international für Furore sorgten und jetzt auf dem Sprung ins Profigeschäft sind. Und Sancho sieht genau darin einen Grund, warum der englische Fußball plötzlich so viele starke Talente hervorbringt. "Wir alle wollen unseren Familien helfen und zu Spielern werden, auf die sie stolz sein können", sagt er. "Die Weltmeisterschaft in Russland war für viele von uns eine Chance, groß herauszukommen. Für mich lag die Chance in Dortmund."

Sancho hat sie - Stand heute - genutzt. Der einstige Nobody von Manchester City hat sich beim BVB zu einem der am heißesten gehandelten jungen Spieler Europas entwickelt. Längst fragt man sich in England, wann dieser verloren gegangene Sohn zurückkehrt, um in der heimischen Premier League für Furore zu sorgen. Doch das ist derzeit nicht das, was Sancho umtreibt. "In Dortmund kann ich das tun, was ich liebe. Hier kann ich spielen", sagt er. Und er kann Meister werden, sollten er und seine Teamkollegen die starke Hinrunde in der zweiten Saisonhälfte bestätigen: "Ich bin froh, Teil dieses traditionsreichen Klubs zu sein - und ich hoffe, wir können gemeinsam die Geschichte weiterschreiben."

kicker.tv Hintergrund

Sancho: "Eines der Hauptziele ist die Meisterschaft"

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