29. "Mercedes-Benz JuniorCup" 2019: Liverpool gewinnt

Hitzlsperger über Jugend: "Es muss alles auf den Tisch"

Thomas Hitzlsperger

Hat den deutschen Nachwuchs im Blick: Thomas Hitzlsperger, Direktor des VfB-Nachwuchsleistungszentrums. imago

Thomas Hitzlsperger sprach im Zuge des Finaltags des 29. "Mercedes-Benz JuniorCup" 2019 über...

...Finalist Rapid Wien, der stark durchs Turnier marschiert war und "Dass die Österreicher gut in der Halle kicken können, verwundert nicht (viel Kunstrasen, viel Hallenfußball in der Alpenrepublik; Anm.d.Red.). Deswegen habe ich auch schon im Vorfeld gedacht, dass Rapid Wien es schaffen kann."

...den späteren Sieger FC Liverpool: "Was mich allerdings überrascht hat, war ganz klar, dass es Liverpool geschafft hat. Die Engländer haben eigentlich nicht so viel Erfahrung in diesem Bereich (in der Halle zu spielen; Anm.d.Red.)."

...das Abschneiden der Schwaben: "Es hätte mich natürlich gefreut, wenn es der VfB Stuttgart geschafft hätte. Unter dem Strich steht aber Tabellenplatz 6. Es gab schlichtweg bessere Teams und bessere Einzelspieler. Ärger für die Jungs gibt es deswegen aber nicht."

...die seit langem geführte Grundsatzdiskussion der Entwicklung im deutschen Nachwuchsbereich: "Es hat in den letzten Jahren sehr viele Diskussionen über Systeme gegeben, das hat uns sicherlich auch schon in der jüngeren Vergangenheit geholfen. Doch in Zukunft müssen wir uns noch verstärkter darauf konzentrieren, die einzelnen Spieler und deren Qualitäten zu fördern. Also: Was kann wer gut? Genau das muss gefördert werden. Denn am Ende des Tages macht meiner Meinung nach schon ein einzelner Spieler den Unterschied - und nicht das System."

...seinen Eindruck der ausländischen Teams beim 29. "Mercedes-Benz JuniorCup": "Für mich war es zum Beispiel sensationell, dass ich junge Spieler aus dem Ausland gesehen habe, die überragenden Fußball gespielt haben und die mit Drucksituationen stark umgegangen sind. Das müssen wir analysieren und erkennen, was eben bei diesen Spieler in jungen Jahren trainiert wird."

...einen Trend im Jugendfußball: "Wenn wir den Wettbewerb der Bundesliga in der U 19 oder U 17 anschauen, da wollen viele Mannschaften einfach nur in der Liga bleiben - und fördern deswegen weniger die Spieler während der Saison, weil einfach nur der Klassenerhalt zählt. Nur mit dem Verbleib in der Bundesliga können hier zum Beispiel Vereine wie Unterhaching oder der SV Wehen Wiesbaden andere vielversprechende Talente abwerben. Der Trend ist deswegen der geworden, dass viel mit Fünferkette und dann schnelles Umschalten gespielt wird. Das muss sich langfristig ändern."

Thomas Hitzlsperger

Hat beim 29. "Mercedes-Benz JuniorCup" 2019 auch den internationalen Nachwuchs unter die Lupe genommen: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. imago

...aktuelle Pläne, den deutschen Nachwuchs auf ein neues Level zu heben: "Es gibt insgesamt vielleicht zu viele Interessen der einzelnen Verbände, die sicherlich auch ihre Berechtigung haben. Allerdings müssen wir diese Interessen nun bündeln und zusammenfassen, was der DFB auch schon in den letzten Monaten gemacht hat. Es muss alles auf den Tisch. Was sind die Probleme? Was sind die Lösungen? Nur dann können wir den deutschen Fußball als Ganzes wieder vorantreiben."

...die Zukunft: "Es wird derzeit alles diskutiert. Deswegen habe ich für die Zukunft ein gutes Gefühl. Da habe ich auch immer wieder betont, dass wir auch Fehler machen dürfen - in allen Bereichen. Davor müssen wir keine Angst haben.

Das gab es in dieser Regelmäßigkeit früher vor 15 Jahren nicht. Da ist ein Spieler nicht einfach mal schnell von Stuttgart nach Schalke gewechselt.

Thomas Hitzlsperger

...die Problematik in Sachen Spielerberater, die bereits junge Spieler abgreifen und betreuen: "Was habe ich davon, wenn ein Spieler, der dreimal in Folge nicht spielt, direkt wieder wechseln will? Da sage ich: 'Jetzt bleibt mal ruhig! Das ist Teil der Ausbildung. Kämpfe und setze dich durch.' Aber nein, oftmals wird dann schon gewechselt. Und das gab es in dieser Regelmäßigkeit früher vor 15 Jahren nicht. Da ist ein Spieler nicht einfach mal schnell von Stuttgart nach Schalke gewechselt in diesem Bewusstsein: 'Ach, wenn ich hier kein Vertrauen habe, dann geh ich halt woanders hin.' Wir machen es den Spielern zu leicht. Wir müssten eigentlich diesen Widerstandsgedanken bereits bei 15-Jährigen fördern, denn mit 19 Jahren ist es schon zu spät. Wenn wir das aber machen, sind wir oftmals die Bösen und der Berater wird vorgeschickt."

...die Sache mit dem Geld und den reichen Klubs: "Wir erkennen außerdem, dass wie im Herrenbereich, wo vielleicht nur noch zwei Klubs realistische Meisterschaftschancen aufgrund des höheren Geldes haben, sich das Geschehen auf die Jugend überträgt und dort finanzstarke Klubs einfach eine halbe Million Euro für einen Spieler hinlegen. Und da machen wir nicht mit. Da muss sich einfach etwas ändern. Wir füttern letztlich einfach nur das System, holen immer mehr Berater rein. Doch eigentlich müssten wir uns auf das konzentrieren, was bei uns im Haus passiert. Und daran arbeite ich, dafür bin ich da. Lösungsansätze sind auch zum Beispiel, dass die Engländer Gebietsschutz im Jugendbereich haben. Da dürfen nur die Vereine in einem Umkreis von zum Beispiel 100 Kilometern die Spieler abwerben."

Aufgezeichnet von Benni Hofmann

Mercedes-Benz JuniorCup 2019 in Sindelfingen

Impressionen aus dem Glaspalast: Liverpool triumphiert

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