Bundesliga

Warum das Vertrauen in Köllner noch richtig ist

Nürnberg nach dem Abrutschen auf den letzten Tabellenplatz

Warum das Vertrauen in Köllner noch richtig ist

Nürnbergs Trainer Michael Köllner nach dem 0:2 in Mönchengladbach.

Widersprüchlichkeiten: Nürnbergs Trainer Michael Köllner nach dem 0:2 in Mönchengladbach. imago

Einerlei, Michael Köllner betont somit zu Recht das, was man eben als Trainer des Schlusslichts so betont. Und zwar, dass die Tabelle erst am 34. Spieltag interessiere, und dass sein Team doch absolut konkurrenzfähig sei, wie die Punktabstände beweisen. Also, ruhig Blut, Tabelle ausblenden, sich einfach nur konzentriert auf die nächste Aufgabe vorbereiten, so die Köllnersche Devise.

Nur, einfach ist nicht. Selbstredend hat die Serie von nunmehr zehn sieglosen Spielen Spuren in der Psyche der Spieler hinterlassen. Daran ändert auch nichts, dass sie beim Tabellenzweiten Gladbach einen engagierten Auftritt hinlegten, sich die meiste Spieldauer auf Augenhöhe bewegten, um einen letztendlich doch souveränen Heimsieg nicht verhindern zu können. "Ich beurteile Fußball nicht nur nach dem Ergebnis, sondern auch an den einzelnen Spielphasen. Unterm Strich haben wir uns im Vergleich zu unserem guten Wolfsburger Spiel nochmals steigern können. Wir haben ein klasse Fußballspiel hingelegt. Und dies mit einer Not-Elf beim Tabellenzweiten", meint Köllner im Rückblick.

Sein Gladbacher Kollege Dieter Hecking, von Dezember 2009 bis Dezember 2012 selbst FCN-Coach, widerspricht ihm da nicht, versucht sich gar als Mutmacher. Wenn der Club immer so spiele, wären die für den Ligaerhalt notwendigen Punkte möglich, um zugleich aber wieder Wasser in den Wein zu schütten. "Ich weiß, wie schwierig dies ist, mit den Mitteln, die in Nürnberg zur Verfügung stehen."

Da sind sie wieder - die Mittel, die im Vergleich zur Konkurrenz so limitierten. Dies Argument führte und führt Sportvorstand Andreas Bornemann gebetsmühlenartig an, um in und um den Club herum den Sinn für die Realität zu schärfen. "Wenn wir es als Gruppe gut machen, haben wir dennoch eine Chance", schob und schiebt er unverdrossen nach. Voraussetzung dafür aber: Ruhe bewahren.

Und erst recht nicht eine Trainer-Diskussion lostreten, das wäre laut Bornemann das Letzte, was der Club gebrauchen könne. Intern passiert das auch nicht, da wird Köllner vielmehr von der Vorstandsebene bis hin zum Aufsichtsrat demonstrativ der Rücken gestärkt.

Im Umfeld jedoch ist sie längst entbrannt, die Debatte um den Trainer - polarisiert hat er mit seinem großen zur Schau getragenen Selbstbewusstsein schon seit je her, nun aber hat gerade in den sozialen Medien die Wucht der Kritik eine bislang nicht gekannte Dimension erreicht. Zu seinem großen Erstaunen. "Da wird man als Blinder, als Anfänger beschimpft, was noch das Harmloseste ist, dabei arbeiten wir alle hier 24 Stunden dafür, dass der FCN die Liga hält", beklagt sich Köllner.

Da wird man als Blinder, als Anfänger beschimpft, was noch das Harmloseste ist, dabei arbeiten wir alle hier 24 Stunden dafür, dass der FCN die Liga hält.

Michael Köllner

So ist des Trainers Los, keine Punkte, wenig bis gar keine Argumente. Und wenn dann noch schwer nachvollziehbare oder widersprüchliche Dinge hinzukommen, wird es eben mitunter arg. Siehe die Personalrotation, die auch innerhalb der Mannschaft längst nicht mehr gut ankommt, weil diese für Verunsicherung sorgt. Oder der Umstand, dass sich der FCN in Gladbach beim 0:1 nach eigenem Standard hat auskontern lassen. Das siebte Kontertor in dieser Saison, die jüngsten vier Gegentreffer fielen allesamt unter diese Kategorie. Wo bleibt der Lernprozess wo die Fortentwicklung, von der Köllner im Sommer fest ausgegangen ist?

Er indes spricht auch mit zweitägigem Abstand beharrlich von einer taktisch guten Leistung seiner Elf in Gladbach, das besagte 0:1 miteingeschlossen: "Taktisch waren wir da gut gestanden, es hat nur die geschlossene Entscheidung gefehlt, umzuschalten." Da Letzteres nun aber schon des Öfteren ausblieb, könnte man dem ja mit einer klar angeordneten Tiefenstaffelung begegnen - auch das gehört zum Thema Taktik. Andererseits muss man dem Club-Trainer zugutehalten, dass sich gerade im Umschaltspiel, also dem Fällen von schnellen Entscheidungen, die individuelle Klasse bemerkbar macht. Unabhängig davon, wäre das 0:1 dennoch mit einer besseren Staffelung leicht zu vermeiden gewesen wäre.

Hat Köllner die Bundesliga unterschätzt und sich überschätzt?

Was Köllner nun ebenfalls vor die Füße fällt: sein bereits erwähntes Selbstbewusstsein, auch wenn dieses in Verbindung mit seinem Optimismus dem Club wie auch der Mannschaft häufig gutgetan hat und guttut. Im Sommer wollte er vom Klassenerhalt nichts wissen, bloß keine Limits setzen, lautete seine Ansage. Dahinter verbarg sich die Überzeugung, dass er die Mannschaft so weiterentwickeln würde, dass sie für Furore sorgt. So wohltuend es war, dass er nicht auf dem knappen Budget des Vereins herumritt, sondern nur von der eigenen Stärke sprach, so sehr drängt sich jetzt der Verdacht auf, die Mission Bundesliga unterschätzt und sich überschätzt zu haben.

Vor dem wichtigen Duell gegen Freiburg klingen jedenfalls andere Töne an. Der Gegner? Klar, superstark! Und als Beleg führt er Patrick Kammerbauer an, der in der vergangenen Saison bis zur Winterpause unter ihm spielte und über 800 Minuten Einsatzzeiten hatte. "In Freiburg kommt er auf eine Minute, obwohl er beim SC bestimmt nicht schlechter geworden ist. Das sagt doch alles darüber aus, wie gut der Freiburger Kader ist", so Köllner, der auch einen Luca Waldschmidt anführt. "Den holen die Freiburger für fünf Millionen Euro vom HSV. Von solchen Summen können wir nur träumen."

Wenn wir die notwendige Ruhe und Geduld mitbringen, können wir am Saisonende feiern, davon bin ich hundertprozentig überzeugt.

Michael Köllner

Diese Schallplatte könnte er vor jedem Spiel auflegen, mit Ausnahme vor dem gegen Düsseldorf. Ob er damit aber seiner Mannschaft hilft, ist fraglich - zumal er damit ausdrücklich nicht sagen will, dass der Club chancenlos sei. Im Gegenteil. "Wenn wir die notwendige Ruhe und Geduld mitbringen, können wir am Saisonende feiern, davon bin ich hundertprozentig überzeugt."

Um Missverständnisse vorzubeugen: Es ist gut und richtig vom FCN, sich demonstrativ hinter den Trainer zu stellen. Die im Umfeld geführte Debatte zu befeuern, wäre kontraproduktiv, weil sie die Unruhe potenzieren würde. Zumal der Aufstieg, die begrenzten Mittel und der Umstand, dass man eine klare Spielidee erkennen kann, für Köllner sprechen. Andererseits bedingt der kleine Etat auch, dass der Trainer keine Fehler machen darf. So gesehen ist wichtig, dass der Club sehr wohl diskutiert, dies aber intern - und mit dem Trainer und nicht über ihn.

Chris Biechele

Bilder zur Partie Bor. Mönchengladbach - 1. FC Nürnberg