Frankreichs Nationaltrainer im kicker-Interview, Teil 2

Gille: "Gensheimer ist großartige Werbung für Frankreich"

Prägende Figuren: Frankreichs Nationaltrainer Guillaume Gille (l.) schätzt Bruder Bertrand und DHB-Kapitän Uwe Gensheimer (#3).

Prägende Figuren: Frankreichs Nationaltrainer Guillaume Gille (l.) schätzt Bruder Bertrand und DHB-Kapitän Uwe Gensheimer (#3). imago (2)

kicker: In Frankreich spielt aktuell mit Uwe Gensheimer der deutsche Kapitän. Wie wird dort über ihn gesprochen?

Gille: Er spielt in einer super Mannschaft, in der sich fast nur Weltstars tummeln - und er zählt zu diesem Kreis. Uwe ist jemand, der den Schritt auch gemacht hat, als Deutscher ins Ausland zu gehen. Das ist schon etwas Außergewöhnliches. Es gibt wenige Spieler, die diesen Sprung gewagt und dann auch geschafft haben. Ich glaube, was er in Frankreich und in Paris erlebt, ist großartig. Er spielt einen super Handball und ist auch für unsere Liga eine großartige Werbung.

kicker: Wenn Sie einen deutschen Spieler aus dem aktuellen Kader in Frankreich einbürgern dürften, für wen würden Sie sich entscheiden?

Gille: Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Wir haben in Frankreich schon genug Leute. Es ist so schon schwer, eine Entscheidung bezüglich des WM-Kaders zu treffen. Der deutsche ist aber grundsätzlich auch sehr stark. Es gibt, wie ich gesehen habe, einige neue Spieler, die ich persönlich auch noch nicht so gut kenne. Von daher ist das für mich auch nicht ganz so einfach zu beurteilen, wie stark einzelne Spieler sein können.

Für uns ist jetzt die Frage, wie wir die ganzen jungen Spieler integrieren können. Das ist nicht einfach.

kicker: Nicolas Tournat, Dika Mem, Ludovic Fabregas, Melvyn Richardson: Wie im Fußball kann Frankreich auch im Handball aus einem riesengroßen Pool an Talenten schöpfen. Was macht die französische Talentförderung Ihrer Meinung nach so gut?

Gille: Wir haben das Glück, dass unser Förderungssystem sehr gut funktioniert. Dieses System hat auch eine sehr gute Hierarchie. In jeder kleinen Region gibt es Strukturen, um die jungen Talente früh begleiten zu können und ihr Potenzial auch ausschöpfen zu können. Es gab schon viele talentierte Generationen. Für uns ist jetzt die Frage, wie wir die ganzen jungen Spieler integrieren können. Das ist nicht einfach.

kicker: Ihre Mannschaft reist als Titelverteidiger zur WM im Januar. Vier der letzten fünf Weltmeisterschaften hat Frankreich gewonnen. Eigentlich kann nur der Titel das Ziel sein, oder?

Gille: Wir wissen von der Bedeutung dieses Wettbewerbs: Es geht um die Qualifikation für Olympia 2020, wofür es nur ein einziges Direktticket gibt. Wir als Titelverteidiger gehen mit Ambitionen, aber auch mit Respekt an die Aufgabe heran. Wir haben aktuell einige Probleme, Nikola Karabatic ist zum Beispiel verletzt. Er wird auch bei der WM nicht spielen können . Das macht die Aufgabe nicht leichter.

Natürlich ist das ein Ausfall, der nicht zu ersetzen ist.

kicker: Sie haben es gerade angesprochen: Superstar Karabatic fällt aus. Nun müssen andere noch mehr Verantwortung übernehmen, oder?

Gille: Definitiv. Wie würden Sie reagieren, wenn ich zu Ihnen sagen würde, sie müssen ab jetzt ohne ihren Weltstar spielen, der seit Jahren diese Mannschaft angeführt hat? Natürlich ist das ein Ausfall, der nicht zu ersetzen ist. Das wird eine Riesenaufgabe für uns, das irgendwie zu kompensieren. Jetzt sind aber halt die anderen Spieler in der Verantwortung, neue Dinge zu entwickeln. Das wird schon spannend.

kicker: Die heiße Vorbereitungsphase auf die WM-Endrunde hat begonnen. Wie eingespielt ist die Mannschaft zum jetzigen Zeitpunkt?

Gille: Das ist ganz schwer zu sagen. Sie wissen, wie komplex das Leben bei der Nationalmannschaft ist. Es gibt nur eine sehr kurze Vorbereitung, in der man wieder eine Mannschaft zu einer Einheit formen muss. In so kurzer Zeit ist dieser Spagat fast unmöglich zu lösen, aber so ist das Leben bei der Nationalmannschaft. Wir versuchen, dem Team so gut es geht Struktur zu geben.

kicker: Wie schätzen Sie allgemein Ihre WM-Vorrundengruppe in Berlin ein?

Gille: Ich denke, international sind die Mannschaften noch enger zusammengerückt. Das heißt: Außenseiter gibt es nicht mehr. Man gewinnt heute kein Spiel mehr mit der Visitenkarte. Nur, weil wir viel mehr Titel als unsere Gegner haben, werden diese uns nichts schenken.

kicker: Beschränken Sie sich bei der Spielerbeobachtung auf Partien in Paris oder reisen Sie während der Saison auch durchs Land?

Gille: Je nachdem, welche Events anstehen. Das sind mal zwei verschiedene Möglichkeiten, um zu arbeiten. Es gibt keine feste Regel. Für mich ist das Wichtigste, mir von so vielen Spielern wie möglich ein Bild zu machen. Es geht um einen Überblick, was die einzelnen Spieler aktuell in der Lage sind zu leisten.

Absolute Publikumslieblinge beim HSV: Die Brüder Guillaume (l.) und Bertrand Gille.

Absolute Publikumslieblinge beim HSV: Die Brüder Guillaume (l.) und Bertrand Gille. imago

kicker: Was macht eigentlich ihr Bruder Bertrand aktuell?

Gille: Bertrand ist momentan als Sportdirektor bei unserem französischen Klub Chambery tätig. Er hat dort sehr viele Funktionen. Er hat Spaß und dem Verein mit seiner Vision auch wieder einen Schub gegeben.

kicker: Schwelgen Sie mit ihm manchmal auch noch in Erinnerungen über die erfolgreiche Zeit beim HSV?

Gille: Natürlich. Was wir in Hamburg erlebt haben, ist einmalig. Was wir dort aufgebaut haben, wo wir gestartet sind und was wir am Ende noch erreichen konnten, ist einfach grandios - in so einer kurzen Zeit. Darüber kann man sich tierisch freuen und wirklich stolz darauf sein, was wir in Hamburg gemeinsam aufgebaut haben. Die Erinnerungen kommen manchmal wieder hoch. Da schnacken wir auch darüber, weil wir gleichzeitig auch viel gelitten haben. Wir haben viel Energie und Schweiß für den Verein gegeben. Auf der anderen Seite hatten wir aber auch so viel Spaß. Es war wirklich eine geile Zeit.

Im ersten Teil des kicker-Interviews hatte Gille bereits ausführlich über die Vergangenheit und Gegenwart bei der französischen Nationalmannschaft, die Chancen des deutschen Teams bei der Heim-WM und die Stärke der Bundesliga, in der er selbst zehn Jahre lang gespielt hat, gesprochen.

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