Serie-A-Hintergrund: Beziehung zwischen Viola und Alter Dame

Florenz vs. Juve - Ein "Diebstahl" machte sie zu Rivalen

Fans der AC Florenz, Fans von Juventus Turin

Mögen sich nicht: die Fans der AC Florenz und die Anhänger von Rekordmeister Juventus Turin. imago

Zwischen 1972 und 1983 spielt Keeper-Ikone Zoff für Juventus, wird in diesem Zeitraum sechsmal Meister - und trainiert die Alte Dame obendrein noch später zwischen 1988 und 1990. In Florenz coacht der 112-malige Nationalspieler der Azzurri ebenfalls für ein Jahr (2005) - und ist somit ein gern gesehener Gesprächspartner vor jedem direkten Duell der beiden arg rivalisierenden Klubs Juve und Florenz. Am Samstag (15 Uhr, LIVE! bei kicker.de und live bei DAZN) treffen beide Mannschaften wieder aufeinander - und damit ziemlich früh in dieser noch jungen Serie-A-Saison (3. Spieltag).

Während sich die Viola im Sommer unter anderem mit den ehemaligen Bundesliga-Stars Kevin-Prince Boateng und Franck Ribery verstärkt hat und aus den ersten zwei Spielen auf null Punkte kommt (3:4 gegen Neapel, 1:2 bei CFC Genua), steht die Alte Dame schon wieder zusammen mit Inter Mailand und Torino am Platz der Sonne. Sechs Punkte aus zwei Spielen (1:0 in Parma und das wilde 4:3 gegen Vize-Meister Napoli) heißt es für das von Neu-Coach Maurizio Sarri trainierte Team um Dauerbrenner Cristiano Ronaldo.

Spielersteckbrief R. Baggio

Baggio Roberto

Spielersteckbrief Cristiano Ronaldo

Dos Santos Aveiro Cristiano Ronaldo

Spielersteckbrief Felipe Melo

Melo de Carvalho Felipe

Spielersteckbrief Khedira

Khedira Sami

Spielersteckbrief Zoff

Zoff Dino

Serie A - 3. Spieltag
Trainersteckbrief Montella

Montella Vincenzo

Trainersteckbrief Sarri

Sarri Maurizio

AC Florenz - Vereinsdaten

Gründungsdatum

26.08.1926

Vereinsfarben

Violett-Weiß

Juventus Turin - Vereinsdaten

Gründungsdatum

01.11.1897

Vereinsfarben

Weiß-Schwarz

Ein Sieg in der Toskana über Florenz würde das alles freilich noch mehr versüßen - zumal im Anschluss schon wieder neun Punkte zwischen beiden Teams liegen würden (am Ende der Saison 2018/19 waren es stolze 49 Zähler zwischen Meister und dem Beinahe-Absteiger).

"Rubentus"

"Dieses Spiel wird eine Schlacht, das war schon immer ein Kampf", hat Zoff in der Vergangenheit einmal martialisch gegenüber "TuttoC.com" formuliert. Der frühere Weltklasse-Torhüter weiter: "Das ist stets ein hochemotionales Duell."

Doch woher kommt eigentlich die leidenschaftlich geführte Rivalität zwischen diesen zwei stolzen Vereinen? Warum sind die Duelle zwischen der Viola und den Bianconeri heißer als Derbys und geprägt von gegenseitiger Ablehnung, Wut und Hass - obwohl beide Städte mehr als 400 Kilometer Luftlinie trennen?

Ganz einfach: Vergangene Ereignisse spielen eine große Rolle - und lassen die Fans bis heute kochen. "Rubentus", vom italienischen Wort rubare ("stehlen") abgeleitet, ist ein seit Jahrzehnten verbreiterter Terminus, mit dem ernüchterte Tifosi ihren Unmut gegenüber Juventus zum Ausdruck bringen.

Chronologie einer über 30 Jahre lang währenden Fehde

1981/82: Der Kampf um den Scudetto, die italienische Meisterschaft, spitzt sich in der Saison 1981/82 gehörig zu - und gipfelt in einem ultimativen Showdown am letzten Spieltag. Tabellenführer Juve (44:14 Punkte) muss in Catanzaro ran, Florenz steht punktgleich auf Rang zwei und reist nach Cagliari. Mit dem Titel vor Augen wirken auf dem Rasen beide Mannschaften zunächst wie gelähmt. Bis die Fiorentina vorlegt - vermeintlich! Denn der Schiedsrichter will vor dem Tor plötzlich ein Foul gesehen haben und gibt den Treffer nicht. Fast zeitgleich wird Catanzaro ein klarer Elfmeter verweigert. Wenig später bekommen die Turiner selbst einen zweifelhaften Strafstoß zugesprochen, machen das Tor, werden Meister und ziehen alle Wut auf sich. An diesem Tag etabliert sich der Satz "Meglio secondi che ladri" ("Lieber Zweiter als Dieb") in der Fanszene der Toskaner.

"Sie haben uns die Meisterschaft geklaut", schimpft ACF-Kapitän Giancarlo Antognoni damals, während die Alte Dame lautstark ihre 20. italienische Meisterschaft feiert. Eine der größten Rivalitäten des Calcios nimmt an jenem 16. Mai 1982 ihren Lauf...

1985: Bis zum 30. Mai 1985 ist der Ärger eher einseitiger Natur. Das ändert sich einen Tag nach den schrecklichen Vorfällen im Brüsseler Heyselstadion, bei denen 39 Turiner Anhänger ihr Leben verlieren. Plakate mit der Aufschrift "39 Bucklige weniger" gehören von nun an zum Bestandteil der Florenzer Ultra-Szene, die obendrein eine Fan-Freundschaft mit den Liverpooler Hooligans, die für die Katastrophe verantwortlich gemacht werden, eingeht. Spätestens jetzt ist das Tischtuch zwischen den beiden italienischen Traditionsvereinen heftig zerschnitten.

Dino Zoff

Kennt das Duell zwischen Florenz und Juventus in- und auswendig: Torwart-Legende Dino Zoff. imago

Die Juve-Anhänger werden im Übrigen "Bucklige" genannt, weil die Trikots in den 50er Jahren einen Buckel auf dem Rücken formten, sobald diese anfingen zu laufen.

1989/90: Jahrelang versinkt Florenz in sportlicher Bedeutungslosigkeit. Bis zur Spielzeit 1989/90: Nach einer starken Saison erreichen die Violetten das UEFA-Cup-Finale. Der Gegner im Endspiel: ausgerechnet Juventus. Das Hinspiel, das bereits die Vorentscheidung bringt, gewinnen die Bianconeri mit 3:1 (Rückspiel später 0:0) - und wieder gibt es Proteste von Fiorentina-Seite. Beim 2:1 für die Alte Dame soll ein Foul vorgelegen haben. Während Juves damaliger Trainer Zoff nach der Partie im italienischen Fernsehen ein Interview gibt, schreit AC-Akteur Celeste Pin das Wort "Diebe" in die Kamera. Torschütze Pierluigi Casiraghi reagiert auf den Vorfall und nutzt sofort die Gelegenheit, zusätzliches Öl ins ohnehin schon lodernde Feuer zu gießen. "Wir sind Juventus, sie sind Florenz", antwortet der Stürmer auf Nachfrage und schürt so die Verschwörungstheorien.

Ich wollte in Florenz bleiben, aber ich wurde zu diesem Transfer gezwungen.

Roberto Baggio über seinen Wechsel nach Turin

Doch nicht nur das: Noch stimmungsgeladener als die Niederlage im UEFA-Cup-Finale ist für die Viola-Fans die Gewissheit, dass sie mit Roberto Baggio ihren größten Star nach der Saison verlieren werden. Nicht an irgendwen, sondern - natürlich - an Juventus Turin. Ausgerechnet ihr Liebling wird ab sofort für ihren Erzrivalen auflaufen und zaubern. Als der Wechsel bekanntgegeben wird, kommt es in Florenz zu Ausschreitungen, bei denen 50 Menschen verletzt werden. Die damalige Weltrekordablöse von umgerechnet zehn Millionen Euro dient nicht als Trost. Baggio selbst beteuert: "Ich wollte in Florenz bleiben, aber ich wurde zu diesem Transfer gezwungen. Mein Herz wird immer violett bleiben."

Diesen Worten folgen Taten: Bei seiner offiziellen Präsentation in Turin lässt sich der WM-Dritte von 1990 und Vize-Weltmeister von 1994 ganz frech nicht mit einem Juve-Schal fotografieren, versteckt ihn stattdessen auf seinem Stuhl. Im ersten Aufeinandertreffen mit seinem Ex-Verein weigert sich Baggio außerdem, einen verhängten Elfmeter zu schießen. Nach dem Spiel wird ihm dann aus dem AC-Block ein Schal zugeworfen, den er inniglich und aufreizend küsst.

2009: Auch in den neueren Jahren gibt es immer wieder in Spielen Reibungspunkte zwischen den beiden Klubs - und im Jahr 2009 eine weitere Personalgeschichte. Der Brasilianer Felipe Melo verlängert zunächst seinen Kontrakt bis 2013, beteuert seinen Zuspruch für die AC - um nur eine Woche später zu wechseln. Wohin? Zur Juve!

Ausgerechnet: Juve wird Meister beim Duell mit Florenz

Juan Cuadrado, Cristiano Ronaldo und Massimiliano Allegri (v.l.n.r.)

Tüten die Meisterschaft 2019 gegen Florenz ein - und feiern mit Schiedsrichter-Spray: Juan Cuadrado, Cristiano Ronaldo und Massimiliano Allegri (v.l.n.r.). imago images

2019: Beim jüngsten von insgesamt 160 Serie-A-Duellen der beiden "Streithähne" (168 Vergleiche insgesamt) steht ein 2:1 für die Turiner fest (20. April 2019). Nach einem frühen Rückstand drehen die Bianconeri dabei in der Folge auf und kommen durch einen Treffer von Alex Sandro und ein Eigentor von German Pezzella zu einem 2:1. Doch nicht nur das: Während Juve damit den achten Scudetto in Serie und den 35. italienischen Meistertitel insgesamt feierte, wird zugleich für weitere Abstiegsangst bei der Viola entfacht. Am Ende rettet sich die Fiorentina aber ins Ziel über den Strich.

mag

Grande Serie A: Legenden, Kanoniere, Tifosi