Champions League

Schachtar: Sprungbrett der Heimatlosen

Über die Probleme von TSG-Gegner Donezk

Schachtar: Sprungbrett der Heimatlosen

Leistungsträger von Schachtar: Der Brasilianer Taison.

Leistungsträger von Schachtar: Der Brasilianer Taison. imago

Bumm. Bumm. Bumm. Das Königsklassen-Debüt der Kraichgauer war für Zeitgenossen mit dünnem Nervenkostüm nichts. Denn unmittelbar vor Anpfiff knallte es mehrfach im Schachtar-Block, der während der wütenden Donezker Angriffe, die nach zweifachem Rückstand noch das 2:2 bringen sollten, phonetisch beeindruckend anschwoll. Böllerschüsse in der Ukraine, ein paar hundert Kilometer von der Front entfernt. Es gibt angenehmeres, zumal die kriegerische Auseinandersetzung im Donbass unmittelbare Auswirkungen auf den Meister hat.

Denn das Hinspiel im September fand, wie aktuell jede Partie der Ostukrainer, in Charkiw statt, im Nordosten des Landes. "Es ist schwierig. Wir spielen nicht in Donezk, nicht in unserem Stadion, ohne unsere Fans", sagt Palkin kurz vor dem fünften Gruppenspiel in Sinsheim (Di., 21 Uhr, LIVE! bei kicker.de).

Spielersteckbrief Taison
Taison

Barcellos Freda Taison

Champions League - Tabelle - Gruppe F
Pl. Verein Punkte
1
ManCity Manchester City
10
2
Lyon Olympique Lyon
7
3
Schachtar Schachtar Donezk
5
Schachtar Donezk - Vereinsdaten
Schachtar Donezk

Gründungsdatum

12.05.1936

Vereinsfarben

Orange-Schwarz

TSG Hoffenheim - Vereinsdaten
TSG Hoffenheim

Gründungsdatum

01.07.1899

Vereinsfarben

Blau-Weiß

Seit vier Jahren ist das mittlerweile so. Die Schachtar-Kicker um Kapitän Taison lebten seit 2014 in Kiew im Hotel, das dem Klub-Präsidenten Rinat Achmetow gehört (inzwischen bewohnen sie Häuser oder Apartments). Zunächst trugen sie ihre Partien in Lwiw aus, jetzt eben in Charkiw. Ein paar hundert eingefleischte Fans schaffen es schon zu den Heimspielen, auch beim 2:2 gegen die TSG war das so. Palkin hält es für "einen Wettbewerbsvorteil für die anderen, weil wir ständig fliegen müssen - zu Auswärts- und Heimspielen. Das ist schon hart, körperlich und mental".

Der Krieg hat den Fußball zurückgeworfen

Ohnehin hat der Krieg den Fußball insgesamt zurückgeworfen, wie Ligachef Thomas Grimm im Vorfeld des Königsklassenfinals in Kiew im Mai 2018 gegenüber dem kicker erklärte: "Die Grundvoraussetzungen sind schwierig. Drei Teams können nicht in ihren Heimstadien spielen. Die Zuschauerzahlen sind seit Ausbruch der Krise um 60 Prozent zurückgegangen."

Schachtars Ligaschnitt etwa liegt laut Grimm, früher bei FIFA und UEFA, bei 7500 Zuschauern. Einst seien regelmäßig 20.000 bis 30.000 Menschen in die Donbass-Arena gepilgert. Statt 16 Teams zählt die Premjer Liha nur noch zwölf. Metalist Charkiw ging insolvent, weil sich der Besitzer im Zuge des Krim-Konflikts nach Russland absetzte. Dnipro FK, in Deutschland wohl besser bekannt als Dnipro Dnipropetrowsk, stieg 2017 ab. "Verglichen mit 2013 ist das Niveau der Liga stark gesunken", sagt Palkin und hofft, dass sich "die Gesamtsituation verbessert. Das hätte auch Auswirkungen auf den Fußball."

Achmetows Millionen sichert Donezks Status

Sergei Palkin

Beim ihm laufen viele Fäden zusammen: Sergei Palkin. imago

Trotz aller logistischen Schwierigkeiten aber ist Schachtar nach wie vor die Nummer eins in der Ukraine, was freilich eng mit den Millionen Achmetows zusammenhängt. Auf über 5 Milliarden US-Dollar schätzte Forbes 2014 das Vermögen des Oligarchen, höchst einflussreich und nicht minder umstritten. Und, so kommuniziert man es jedenfalls bei seinem Klub, mit einem Blick für fußballerische Talente gesegnet. "Er ist eng involviert in alle Prozesse, speziell was die Kaufentscheidungen brasilianischer Spieler angeht." Das zumindest ist die Aussage Sergej Palkins, dem er die Geschicke Schachtars anvertraut hat.

Ob man dies nun als PR-Sprech zugunsten des großen Förderers sehen will oder nicht, rein sportlich treffen sie in Donezk in der Tat nicht die schlechtesten Entscheidungen. Nach der zwölf Jahre währenden Ära von Cheftrainer Mircea Lucescu setzten sie den taktisch findigen Portugiesen Paulo Fonseca auf die Bank. Mit Erfolg. Auch unter ihm scheint der Meister den traditionell großen Aderlass an Topspielern stets aufs Neue zu meistern.

Für Brasilianer ist Schachtar wie ein Sprungbrett, wie eine Brücke zu einem europäischen Topklub.

Sergei Palkin

"Für Brasilianer ist Schachtar wie ein Sprungbrett, wie eine Brücke zu einem europäischen Topklub", sagt Palkin ehrlich und spricht von eher schlanken Scouting-Strukturen in Südamerika. "Mit weniger Scouts hast du schnellere, klarere Entscheidungen mit klaren Verantwortlichkeiten. Verglichen mit den Giganten Europas verfügen wir über ein eher bescheidenes Scouting-Team, aber pflegen sehr gute Kontakte in Brasilien, sodass wir immer alle Informationen einer Quelle noch einmal gegenchecken können."

Darauf ruht man sich jedoch nicht aus. Im Sommer erst kam mit Jose Boto ein neuer Scouting-Chef von Benfica Lissabon. "Er hat natürlich enge Drähte nach Brasilien", sagt Palkin über den Portugiesen: "Wir widmen den Brasilianern viel Zeit, gerade was die Umstellung auf den Alltag und unsere Kultur angeht."

Ein Konzept, das beim Blick auf den aktuellen Kader aufzugehen scheint. Neun Brasilianer sind gemeldet für die Champions League, Herz und Kopf der Truppe: Kapitän Taison, der im Hinspiel enorm daran beteiligt war, dass die Osteuropäer gegen die TSG noch zum Ausgleich kamen. Der 30-Jährige übrigens ist nicht der typische Donezk-Deal gewesen. Er kam 2013 nicht aus Brasilien in die Ostukraine, sondern von Metalist Charkiw, dem Klub in dessen Stadion Fonsecas Elf ihre Heimspiele austrägt. Nach wie vor auf unbestimmte Zeit.

Benni Hofmann