Bayer spielt gegen Heimschwäche und endgültigen Zielverlust

Herrlich: Unter Zugzwang und ohne Alibis

Heiko Herrlich

Will drei Punkte gegen Stuttgart eintüten: Bayer-Coach Heiko Herrlich. imago

Leverkusens Trainer Herrlich kann gegen den Tabellenletzten aus Stuttgart personell nahezu aus dem Vollen schöpfen. Bis auf Strafraumstürmer Joel Pohjanpalo, der wegen einer Durchblutungsstörung im Sprungbein bereits seit Monaten ausfällt und in der Rückrundenvorbereitung wieder ins Mannschaftstraining einsteigen könnte, stehen Herrlich am Freitag alle Bayer-Profis zur Verfügung - und damit ein hochkarätiger Kader.

Aufgrund der mageren Ausbeute von nur elf Punkten aus elf Spielen riecht das Duell in der Leverkusener Arena aber dennoch nach Abstiegskampf. Und selbiges würde auch für die darauffolgende Partie bei Aufsteiger Nürnberg gelten, falls Bayer 04 am Freitag nicht gewinnt. Also gibt Herrlich ohne Umschweife zu: "Wir stehen unter Zugzwang."

"Wir wollen diese drei Punkte hierbehalten"

Es gilt vieles gerade zu rücken in der Liga. Vieles, wofür weit mehr als nur ein Sieg benötigt wird. Aber dieser muss am Freitag gelingen, möchte man der Saison noch eine wirkliche Wende zum Guten geben. Die bisherige Mängelliste ist umfassend. Ein Punkt ist die Heimbilanz: Mit vier Zählern aus fünf Spielen ist Bayer in dieser Vorletzter in der Liga. "Bisher haben wir in den Heimspielen zu wenig Punkte geholt. Das ist nicht gut. Das wollen wir korrigieren", nennt Herrlich ein Ziel für das Duell mit den Schwaben.

Vor den 90 Minuten weist Herrlich zwar auf die Qualität des ebenfalls mit internationalen Ambitionen gestarteten Gegners hin, doch als vorformulierte Entschuldigung für eine erneute Enttäuschung möchte der Trainer dies nicht gelten lassen. Stuttgart verfüge über einen sehr starken Kader, der mehr hergebe als den letzten Tabellenplatz, sagt Herrlich, fügt jedoch direkt an: "Aber auch da gibt es keine Alibis. Wir wollen diese drei Punkte hierbehalten."

Und das muss dem 46-Jährigen mit seiner Mannschaft auch gelingen, um die Trainerdiskussion nicht noch mehr zu befeuern. Ereilt Bayer und Herrlich der nächste massive Rückschlag und würde das eigentliche Saisonziel Champions-League-Platz vom Thema Abstiegskampf endgültig verdrängt, stünde wohl selbst die unumstößlich erscheinende Loyalität von Geschäftsführer Rudi Völler auf der Kippe.

Bayer 04 Leverkusen

Wollen sich ihren Fans nicht erklären, sondern drei Zähler präsentieren: die Profis von Bayer 04 Leverkusen. imago

Um dies zu verhindern, fordert Herrlich von seinen Profis mehr Hingabe ein, als diese beim 0:3 in Leipzig vor zwei Wochen gezeigt hatten. "Es war eine Geschichte, bei der einfach nicht so die Intensität da war, wie wir es uns vorstellen. Der Hauptansatzpunkt ist es, diese Leidenschaft auf den Platz zu bekommen", erklärt der Trainer. Doch trifft diese nur auf die Einsatzbereitschaft zielende Kritik die Ursachen des sportlichen Übels? Oder ist die Bayer-Krise nicht doch tiefer, nämlich in einer von zu vielen Defiziten geprägten Spielanlage verwurzelt?

Herrlich und die "große Herausforderung"

Womöglich gibt das Spiel gegen sehr defensiv erwartete Stuttgarter darauf eine belastbare Antwort. Unstrittig ist in jedem Fall, dass selbst die Qualifikation für die Europa League über die Bundesliga für Bayer zu einer Herkules-Tat geworden ist. Seit Einführung der Drei-Punkte-Wertung 1995/96 hat einzig eine Mannschaft mit elf oder weniger Punkten nach dem 11. Spieltag am Ende noch mit Platz 6 den Sprung ins obere Tabellendrittel geschafft.

Eine Platzierung, die vor der Saison unter dem Leverkusener Anspruch lag, die jetzt aber eine gigantische Aufholjagd bedürfte. "Das ist eine große Herausforderung", weiß auch Herrlich, der seinen Blick derzeit aber nicht mehr so weit nach vorne richten möchte. Weder tabellarisch noch kalendarisch. "Wir schauen jetzt nicht in die Ferne, wir schauen jetzt auf das Spiel am Freitag. Für diese drei Punkte müssen wir alles geben." Damit die bislang in der Liga erst einmal geglückte Aufholjagd nicht endet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Mannschaft, der dieses Kunststück in der Saison 2009/2010 gelang, war übrigens der VfB Stuttgart, der damals nach elf Spielen sogar nur neun Zähler auf dem Konto hatte.

Stephan von Nocks