Osnabrück überrascht die Liga

Der demütige Spitzenreiter

Daniel Thioune

In welche Richtung geht der Weg? Osnabrück führt nach 15 Spielen überraschend die Tabelle der 3. Liga an. imago

Der VfL Osnabrück hat sich innerhalb weniger Monate vom Abstiegs- zum Aufstiegskandidaten gemausert: Nach 15 Partien führt der VfL die Tabelle der 3. Liga mit 30 Punkten an - die vergangene Saison hatte der Traditionsverein noch im Tabellenkeller verbracht und am Ende mit Rang 17 abgeschlossen.

Doch seitdem hat sich einiges bei den Niedersachsen verändert: 15 Spieler gab Sportdirektor Benjamin Schmedes im Sommer ab und verpasste dem Kader mit elf externen Neuzugängen ein frisches Gesicht. Bei der Kaderzusammenstellung hatten die Verantwortlichen neben den spielerischen Fähigkeiten vor allem auf die menschliche Komponente gesetzt - bislang mit überaus großem Erfolg.

Wir ziehen alle an einem Strang, agieren auf und neben dem Platz nahezu optimal miteinander. Teil des Neuen zu sein, spornt enorm an.

Manuel Farrona Pulido

Einer dieser Neuzugänge, der mit drei Toren und einem Assist sofort eingeschlagen hat, ist Manuel Farrona Pulido. Der 25-Jährige kam vom Liga-Konkurrenten Fortuna Köln und sieht im Umbruch den Schlüssel für den unerwarteten Erfolg: "Vom ersten Tag an haben wir viel miteinander unternommen. In der Kabine kam man ganz automatisch mit allen Spielern ins Gespräch. Es hat von Anfang an gepasst bei uns und das merkt man dann auch schnell auf dem Platz". Nach der komplizierten Vorsaison, in der VfL bis zuletzt gegen den Abstieg gespielt hatte, entwickelte sich ein neuer Spirit und Teamgeist bei den Niedersachen. "Wir ziehen alle an einem Strang, agieren auf und neben dem Platz nahezu optimal miteinander. Vom ersten Tag an war es so, dass alle anpacken wollten. Wir wussten allesamt, dass eine schwache Saison hinter dem VfL liegt. Teil des Neuen zu sein, spornt enorm an", erklärte der Offensivspezialist gegenüber "dfb.de".

Schmedes: Sonderlob für den Chefeinkäufer

Manuel Farrona Pulido

Fühlt sich pudelwohl im neuen Team: VfL-Neuzugang Manuel Farrona Pulido imago

Neben dem Transfer von Pulido landete Schmedes auch in allen weiteren Mannschafteilen mit seinen Einkäufen echte Glücksgriffe. Den Abgang von Stammtorhüter Marius Gersbeck, der nach seiner Leihe zurück zu Hertha BSC ging, kompensierte er mit der Verpflichtung des 21-jährigen Nils Körber. Der Keeper wurde für zwei Jahre von Hertha BSC ausgeliehen und glänzt bislang mit seinen starken Reflexen. Die Belohnung für seine Leistungen erhielt Körber prompt von U-21-Trainer Stefan Kuntz, der ihn im Länderspiel gegen Niederlande für eine Halbzeit spielen ließ.

Besonders Benjamin Schmedes hat gut und intensiv gearbeitet, war unfassbar viel unterwegs und hat dadurch viel erreicht.

Daniel Thioune

Feines Gespür bewies Sportchef Schmedes beim Transfer von Innenverteidiger Maurice Trapp: Während der VfL im vergangenen Jahr noch die drittschwächste Defensive der Liga stellte, verlieh Trapp dem Abwehrverbund die nötige Stabilität - derzeit bildet der ehemalige Chemnitzer mit seinem Nebenmann Adam Susac die stabilste Verteidigung (10 Gegentore) aller 20 Drittligateams.

Die Mittelfeldzentrale bestückte der VfL ebenfalls mit zwei neuen Spielern - Ulrich Taffertshofer (Unterhaching) und David Blacha (Wehen Wiesbaden) benötigten keine lange Anlaufphase. Beide verrichten ihre Arbeit souverän und halten der Viererkette den Rücken frei. Für Coach Daniel Thioune Grund genug, um seinem Sportdirektor ein Sonderlob auszustellen: "Besonders Benjamin Schmedes hat gut und intensiv gearbeitet, war unfassbar viel unterwegs und hat dadurch viel erreicht."

Alvarez verkörpert den neuen VfL

Das Gesicht des neuen VfL repräsentiert aber vor allem ein Akteur, der bereits im letzten Jahr im lila-weißen Trikot stürmte: Acht-Tore-Mann Marcos Alvarez verkörpert wie kein zweiter die neue Mentalität der Thioune-Elf. Er ist nicklig, unbequem zu bespielen und gibt niemals auf - Attribute, die auf die gesamte Mannschaft zu treffen.

Thioune fühlt sich in der neuen Rolle wohl

Nach 15 Spielen kommt Osnabrück auf einen Schnitt von zwei Punkten pro Spiel - eine Ausbeute, die in der Vergangenheit immer zu einer Topplatzierung gereicht hat. Dennoch bleiben alle Beteiligten ruhig. "Wir sprechen jetzt nicht plötzlich von großen Zielen, fühlen uns aber in der Rolle des Gejagten wohl", kommentierte Thioune den Höhenflug seines Teams im Gespräch mit "dfb.de".

Euphorie konservieren, Demut beibehalten

Auf die Euphoriebremse möchte Thioune, der 2000 bereits als Spieler mit dem Klub in die 2. Bundesliga aufstieg, allerdings nicht treten: "Ich bremse die Euphorie nicht. Vielmehr sollten wir sie konservieren, ohne die Demut zu verlieren. Niemand sollte plötzlich meinen, dass die Saison ein Selbstläufer wird. Wer uns im Mai schon jetzt auf dem Rathausplatz sieht, liegt falsch. Entscheidend ist, dass wir Tag für Tag alles in die Waagschale werfen, diesen Traum wahr werden zu lassen."

Noch 23 Spiele bis zum großen Traum

Pulido schlägt in dieselbe Kerbe wie sein Trainer: "Die Tabellenführung ist nur eine Momentaufnahme, alles andere ist noch viel zu weit weg." Genau genommen liegen noch 23 Ligaspiele vor dem Spitzenreiter, es bleibt also genügend Zeit für die Verfolger aus Münster, Karlsruhe oder Rostock, um dem VfL noch das eine oder andere Bein zu stellen.

kon