1. FC Magdeburg trennt sich von Trainer

Härtels Entlassung: erwartbar und richtig

Jens Härtel

Abschied vom 1. FCM: Jens Härtel. imago

Ein Kommentar von Steffen Rohr

Das Spiel gegen Regensburg am Sonntag war ein Spiegelbild der bisherigen Saison. Große Leidenschaft ging einher mit fatalen Aussetzern. Der FCM, durch einen beinahe unglaublichen Lapsus des nach seiner Beförderung zur Nummer eins lange Zeit so stabilen Torhüters Alexander Brunst früh in Rückstand geraten, kämpfte sich mit viel Herz wieder ins Spiel, drehte es - und verspielte am Ende doch den bitter benötigten Ertrag.

In der Kunst, eigene Führungen auf fast groteske Weise herzuschenken, hat es der Traditionsklub von der Elbe in dieser Saison zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Er führte gegen St. Pauli, gegen Ingolstadt, in Kiel, gegen Duisburg gleich zweimal, in Sandhausen und gegen Regensburg - und gewann ein mageres Spiel, jenes in Sandhausen.

Zwischen Sachlichkeit und "Sturheit"

So sehr viele Spiele zumindest phasenweise auch den Eindruck vermittelten, dass der Aufsteiger mithalten kann in der neuen Spielklasse, so sehr stachen zunehmend mehr die Defizite ins Auge. Mit fast schon schmerzhaft viel Naivität torpedierten die Magdeburger ihre Bemühungen, nach vorn fehlte zu oft Plan B - und eine funktionierende Achse, für eine gelingende Saison unabdingbar, bekam Härtel bis zuletzt nicht auf den Platz. Er probierte und experimentierte viel, personell und taktisch, und er schaffte es zum Missfallen der Bosse nie, die Sommer-Neuzugänge im gewünschten Maße zu integrieren.

Härtel fand den Kader an einigen Stellen offenkundig limitiert. Das ist er angesichts des für Zweitliga-Verhältnisse eher schmalen Budgets natürlich - aber er bietet fußballerisch vermutlich doch ein bisschen mehr Esprit und Tempo, als bisher auf dem Platz zu sehen war. Der Coach - mit wohltuender Sachlichkeit begabt - zog seine Linie trotz mancher Experimente bis zuletzt durch. Er war niemand, der schnell Vertrauen schenkte. Er wollte überzeugt werden, gern über längere Zeit. Das konnte zuweilen und nicht zu Unrecht auch als Sturheit ausgelegt werden. Dass er die Mannschaft noch erreichte, war gegen Regensburg zu sehen. Dass es ihm nicht gelang, die windschiefe Defensive zu befestigen und dem Team mehr Wehrhaftigkeit einzuimpfen, auch.

Trennung ist der richtige Schritt zur richtigen Zeit

kicker-Redakteur Steffen Rohr

kicker-Redakteur Steffen Rohr kicker

Die Trennung nach neun Punkten aus 13 Spielen ist den Klub-Bossen nicht leicht gefallen. Aber sie war nach vier Niederlagen in Serie der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Der Europacup-Sieger von 1974 hat nach der Wende lange Zeit ein eher desaströses Bild abgegeben. Er ist oft an sich selbst gescheitert - vorzugsweise immer dann, wenn die Tür zur nächsten Etage offenstand. Dass sich das geändert hat, und zwar grundlegend, dass der FCM mit zwei Aufstiegen binnen vier Jahren eine Erfolgs-Story hingelegt und bundesweit enorm an Reputation gewonnen hat, daran besitzt Jens Härtel einen riesigen Anteil.

Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz - an einem durchaus schwierigen Standort, wo die Emotionalität einer großen Fan-Gemeinde auf eine überhitzte Erwartungshaltung trifft, die sich aus der ruhmreichen, mit Titeln gespickten Vergangenheit speist. Wo die sportliche Entwicklung zuletzt schneller voranging als die infrastrukturelle. Und wo die Helden vergangener Zeiten zwar nichts (mehr) wissen über die Tagesaktualität im Klub, aber ihre als Ahnung getarnte Meinung gern lautstark und bisweilen arg polemisch zu Markte tragen.

Jens Härtel fand in den vergangenen vier Monaten zu selten Antworten auf die drängenden sportlichen Fragen. In den vier Jahren zuvor hat er in Magdeburg phantastische Arbeit geleistet. Man sollte das eine nüchtern konstatieren, ohne das andere zu vergessen.

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