Einwürfe, Elfmeter, Freistöße

Sechs Regeln, an die sich kaum jemand hält

Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus, Antoine Griezmann beim Elfmeter im WM-Finale und Daniel Caligiuri beim Einwurf (v.l.)

Spielverzögerung, Elfmeter oder Einwürfe: Wenn Regeln regelmäßig gebrochen werden. imago/Getty Images/picture alliance

Jahr für Jahr bringt das International Football Association Board (IFAB) die aktuellen Fußballregeln in überarbeiteter Form heraus. Einige Regeln werden anders formuliert, manche kommen neu dazu, andere fallen weg. Doch es gibt auch welche, die dort schon seit vielen Jahren stehen, an die sich aber trotzdem kaum jemand zu halten scheint, weder Spieler noch Schiedsrichter.

Ein Klassiker: die Einwürfe. In Regel 15 heißt es, der einwerfende Spieler müsse erstens "stehen und das Gesicht dem Spielfeld zuwenden", zweitens "mit einem Teil jedes Fußes die Seitenlinie oder den Boden außerhalb der Seitenlinie berühren" und drittens "den Ball mit beiden Händen von hinten über den Kopf am Ort einwerfen, an dem der Ball das Spielfeld verlassen hat". Schaut man sich mal in den Profiligen um (in denen inzwischen bereits Einwurftrainer arbeiten), zeigt sich: Das mit dem "Gesicht dem Spielfeld zuwenden" klappt schon ganz gut. Ansonsten wird viel geschleudert an eher willkürlich gewählten Orten.

Ein paar Seiten weiter vorne im Regelbuch steht, dass Torhüter bei Elfmetern "mit Blick zum Schützen auf der Torlinie zwischen den Pfosten bleiben" müssen und zwar, "bis der Ball getreten wurde". Nicht erst die WM belegte prominent, wie einerlei Keepern, Schiedsrichtern, aber auch Schützen diese Regel inzwischen ist. Und nicht viel mehr Beachtung scheint das korrekte Verhalten der Feldspieler bei Elfmetern zu finden, die sich eigentlich "mindestens 9,15 m vom Elfmeterpunkt entfernt, hinter dem Elfmeterpunkt, innerhalb des Spielfelds und außerhalb des Strafraums" zu positionieren haben, bis der Strafstoß ausgeführt ist. So lange wollen viele meist nicht warten.

Einen schnellen gegnerischen Freistoß aus kurzer Distanz abfangen? Erlaubt!

Auch bei sämtlichen Freistößen, die nicht ausnahmsweise im Strafraum ausgeführt werden, müssen "sämtliche Gegner einen Abstand von mindestens 9,15 m zum Ball einhalten", heißt es in Regel 13, sie werden zudem "an der Stelle des Vergehens ausgeführt". Die schlimmsten Verstöße hat das IFAB durch die Einführung des Freistoßsprays zwar eingedämmt, trotzdem werden beide Vorgaben weiterhin nicht besonders gewissenhaft befolgt, gerade wenn es einen Freistoß in der eigenen Hälfte oder im Mittelfeld gibt.

Allerdings vergessen Fans oft, dass auch folgender Satz zu den Regularien gehört: "Wenn ein Gegner bei einer schnellen Ausführung näher als 9,15 m zum Ball steht und den Ball abfängt, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen." Nur wer absichtlich die Ausführung eines Freistoßes verhindert, wird verwarnt.

Jeder, der zu seiner Auswechslung trottet, müsste eigentlich Gelb sehen

Doch auch Verwarnungen werden nicht immer mit der Konsequenz ausgesprochen, die der Regeltext eigentlich vorsieht. "Jeder" Spieler, der "sich anschickt, einen Einwurf auszuführen, diesen dann aber plötzlich einem Mitspieler überlässt", oder "bei seiner Auswechslung das Spielfeld absichtlich langsam verlässt", müsse die Gelbe Karte sehen, steht unter dem Punkt "Verzögerung der Spielfortsetzung" in Regel 12, zu der auch die Sechs-Sekunden-Regel gehört.

Demnach erhält der Gegner einen indirekten Freistoß, wenn "ein Torhüter innerhalb des Strafraums den Ball mehr als sechs Sekunden lang in den Händen kontrolliert, bevor er ihn freigibt". Als ein Verstoß dagegen letztmals an prominenter Stelle geahndet wurde, musste Liverpool-Torwart Simon Mignolet den Ball schon satte 22 Sekunden im Arm halten oder auf den Rasen prallen lassen, bevor der Schiedsrichter tatsächlich mal eingriff. Das war im November 2015.

Die Regelhüter diskutieren längst Reformen - auch beim Elfmeter-Nachschuss

Doch woran liegt es, dass all diese Regeln nur auf dem Papier zu existieren scheinen? Das IFAB, schreibt es selbst in seiner Präambel, "erwartet, dass der Schiedsrichter eine Entscheidung im Sinne des 'Spielgeists' trifft". Die Spielregeln sollen dabei helfen, "das Spiel attraktiv und angenehm zu machen". Und genau dagegen spricht eben, bei der Ausführung von Einwürfen, Elfmetern oder Freistößen auf jeden Zentimeter zu achten oder bei Torhütern stets die Sekunden zu stoppen. Das IFAB gewährt den Referees ausdrücklich eine "Ermessenskompetenz". Schnellere und konsequentere Verwarnungen bei Spielverzögerungen würden der allerdings gewiss nicht widersprechen und erst recht nicht dem "Spielgeist" an sich.

Deswegen feilt das IFAB schon längst an weiteren Regelanpassungen , auch für besagte Klassiker. Diskutiert wird etwa, ob ausgewechselte Spieler künftig an der nächstliegenden Seitenauslinie das Spielfeld zu verlassen haben oder der Elfmeter-Nachschuss ganz abgeschafft wird. Dann müsste niemand mehr mit dem Schützen in den Strafraum hetzen.

Jörn Petersen

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