Interview: Martin Schmidt über Taktik-Trends und die "Nati"

Ballbesitzfußball? "In Teilen entziffert"

Martin Schmidt

"Die Mexikaner wussten, wo sie ansetzen mussten": Martin Schmidt. Getty Images

WM-Zeit ist Pendelzeit für Martin Schmidt. Denn für den Schweizer TV-Sender SRF analysiert der frühere Trainer von Mainz 05 und dem VfL Wolfsburg die Partien des DFB-Teams im Zürcher Studio. Selbstredend verfolgt er dazwischen im heimischen Wallis auch die anderen Duelle in Russland.

Herr Schmidt, hat Sie die deutsche Niederlage gegen Mexiko überrascht?
Martin Schmidt: Vor allem möchte ich herausstreichen, dass Mexiko einen klaren Plan hatte. Deren Falle hat zugeschnappt, sie haben die Deutschen immer wieder auf eine Seite gelockt, Balleroberungen erzwungen und danach startete das mexikanische Team reihenweise ihre Konter über die häufig verwaiste rechte Seite der Deutschen. Deutschland war verletzlich und die Mexikaner wussten, wo sie ansetzen mussten.

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Ist das Thema Konterabsicherung die große Krux dominanter, ballbesitzorientierter Mannschaften, siehe Barça oder Bayern unter Guardiola oder nun eben bei der deutschen Elf?
Schmidt: Allgemein muss man sagen, dass der spanisch geprägte Fußball, siehe Barcelona, aber beispielsweise auch ManCity, in der Champions League, auf höchstem internationalen Niveau, mittlerweile in Teilen entziffert wurde. Lange war dieser Fußball dominant, mittlerweile ist er dechiffriert. Spanien und Deutschland sind für mich WM-Favoriten, immer versehen mit der Frage, ob sie Lösungen draufhaben für exakt den Fall, der nun eingetreten ist.

Schweiz-Remis gegen Brasilien? "Überraschend war das nicht"

Auch Brasilien tat sich schwer gegen die Schweiz. Wie sahen Sie Ihre Landsleute?
Schmidt: Überraschend war das nicht, sondern absehbar. Die Schweiz hat seit dem EM-Aus nur eines von 18 Spielen verloren, steht in den Top-Ten im FIFA-Ranking und hat in der Vorbereitung schon Spanien ein 1:1 abgetrotzt. Zudem ist die Mannschaft sehr routiniert, 17 Mann waren schon bei der EM 2016 dabei, 15 bereits bei der WM 2014. Die Automatismen und die Abstimmung passen.

"Erdogate" hat in Deutschland eine Identifikationsdiskussion ausgelöst. Die Schweizer Mannschaft besteht zu einem großen Teil aus "Secondos", aus Nachkommen von Einwanderern. Ist das ein Thema bei den Eidgenossen?
Schmidt: Im Vorfeld der WM war das überhaupt kein Thema. Wir haben schon sehr lange viele "Secondos" in der "Nati", so nennt man die nächste Einwanderergeneration bei uns, angefangen mit Italo-Schweizern in den 1970ern und später, ab den 1990ern, mit Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien. Die "Nati" und der Schweizer Sport allgemein leben schon lange auch von Einwandererkindern. Vor Jahren kam das mal auf, als im Frühjahr 2016 FIFA und UEFA den Kosovo offiziell aufgenommen haben. Da hätte beispielsweise Granit Xhaka theoretisch auch für das Herkunftsland seiner Eltern auflaufen können. Sein Bruder Taulant spielt ja für Albanien. Das betraf viele Schweizer, deren Wurzeln im Kosovo liegen. Das war aber bei weitem nicht so heftig diskutiert wie in Deutschland. Dafür aber kommt ein anderes Thema auf ...

... und zwar?
Schmidt: Das WM-Aufgebot der "Nati" umfasst mit Michi Lang nur einen einzigen Spieler aus der heimischen Super League. Die Leute fragen sich: Ist unsere Liga zu schwach? Sichtet man nur im Ausland? Haben wir denn keine guten, jungen Spieler in der Schweiz? Darüber wurde gesprochen.

Ist die Super League denn zu schwach?
Schmidt: Es ist doch klar, dass der Trainer an Erfahrung und seinem Kern festhält und vor einer WM nicht alles durcheinanderwirbelt. Ich finde nicht, dass die Super League zu schwach ist, deshalb kann man dieses Thema schon verfolgen. Die Leute sprechen darüber, dass man nicht auch einen Albian Ajeti (21, Torschützenkönig in der Schweiz, Anm. d. Red.) anstatt einen der drei erfahrenen Gavranovic, Seferovic und Drmic hätte mitnehmen können.

"Ich traue der Schweiz das Viertelfinale zu"

Andererseits gibt das 1:1 gegen die Selecao Petkovic ja recht. Was ist drin für die Schweiz?
Schmidt: Vladimir Petkovic hat zweifelsohne sehr gute Arbeit gemacht, auch schon im Hinblick auf die EM 2016. Diese Diskussionen sind sicherlich auch nicht als Kritik zu verstehen, sondern als normale Debatte. Mit diesem erfahrenen Kader, an dem man den Wert von Automatismen ablesen kann, traue ich der Schweiz das Viertelfinale zu, wenn man sich nicht auf dem Punkt ausruht. Denn das wichtigste Gruppenspiel ist das Duell mit Serbien.

Nach den ersten WM-Tagen: Stechen für Sie schon bestimmte Trends oder Neuerungen ins Auge?
Schmidt: Nein, aber das habe ich im Vorfeld auch so erwartet. Gute Ordnung, solides 4-4-2 oder 4-2-3-1, das sieht man sehr häufig. Die Favoriten tun sich in der ersten Partie schwer, weil die Gegner sich lange und gut vorbereitet haben und eher tief stehen. Das wird sich verändern, weil auch die Außenseiter irgendwann auf Sieg spielen müssen und Brasilien, Frankreich, Argentinien und Deutschland mit den dann entstehenden Räumen etwas anzufangen wissen. Einen Trend sehe ich aber doch bereits: die Wirksamkeit von stehenden Bällen (ruhende Bälle werden in der Schweiz als stehende Bälle bezeichnet, Anm. d. Red.).

"Den wahren WM-Fußball werden wir erst noch sehen"

Sind Sie erstaunt, dass man anders als beispielsweise in der Bundesliga kaum Dreier-/Fünferketten sieht?
Schmidt: Es ist trendy, das zu tun, was die Besten tun. In Deutschland hielt es sich meist die Waage, im Schnitt waren es trotzdem mehr Viererketten. Das Systemgerede darf man auch nicht zu hochhängen. Den wahren WM-Fußball werden wir ohnehin erst gegen Ende der Gruppenphase und in den K.-o.-Spielen sehen.

Noch einmal kurz zum DFB-Team: Ohne konkret über Mesut Özil und Ilkay Gündogan zu sprechen, sondern ganz allgemein gefragt: Kann eine solche Diskussion Auswirkungen nach sich ziehen oder sagen Sie: Das sind Profis, die können solche Themen ausblenden?
Schmidt: Zu dem Thema möchte ich nur Oli Kahn zitieren, der sinngemäß meinte: Darüber ist alles gesagt, aber nur noch nicht von allen (lacht). Das Thema ist so breit, wird instrumentalisiert von gewissen politischen Ausrichtungen – da wird alles einfach in einen Topf geworfen, deshalb ist es kaum zu greifen. Gündogan und Özil haben nicht mal einen türkischen Pass, das sind Deutsche. Die Aktion war einfach unbedacht. Zur Frage: Klar kommen Medienrummel und die Pfiffe an bei den Spielern und schlagen sich nieder - beim einen mehr, beim anderen weniger.

Ihr Ex-Klub Wolfsburg hat einmal mehr die Relegation benötigt, um die Klasse zu halten. Warum tat sich der VfL erneut so schwer?
Schmidt: Was nach meinem Abgang passiert ist, kann und will ich nicht bewerten. Aber natürlich freue ich mich über den Klassenerhalt.

Interview: Benni Hofmann

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