WM

Cherchesov tanzt, salutiert - und ordnet ein

Fast mehr Jubel bei der Sbornaja als auf den Rängen

Cherchesov tanzt, salutiert - und ordnet ein

Artyom Dzyuba (li.), Stanislav Cherchesov

Besonderer Gruß: Stanislav Cherchesov salutiert vor Artyom Dzyuba (li.). Getty Images

Aus Moskau berichtet Jörg Wolfrum

Brückentag war gewesen am Montag, denn der Dienstag, 12. Juni, war ja russischer Nationalfeiertag. Der Tag Russlands! Und was macht die Sbornaja zwei Tage später unter den Augen der Weltöffentlichkeit? Und natürlich unter denen von Staatschef Vladimir Putin? Geht im Eröffnungsspiel dieser WM linientreu in der 12. Minute durch Yuri Gazinsky in Führung. Es war der Dosenöffner der Endrunde, der Grundstock für das 5:0 und zugleich den höchsten Auftaktsieg bei einer WM seit 1934. Damals schlug Italien die USA mit 7:1.

Trainersteckbrief Cherchesov

Cherchesov Stanislav

Spielersteckbrief Dzyuba

Dzyuba Artyom

Spielersteckbrief Cheryshev

Cheryshev Denis

Weltmeisterschaft - Vorrunde, 1. Spieltag
Weltmeisterschaft - Tabelle - Gruppe A
Pl. Verein Punkte
1
Russland
3
2
Uruguay
3
3
Ägypten
0

"Ergebnis vielleicht ein wenig hoch"

Doch der Trainer des Gastgebers, Stanislav Cherchesov, polterte, kaum, dass er den Innenraum des Stadions verlassen hatte. Gegen einen Fragesteller. Ob dieser Sieg die spielerische Antwort seiner Mannschaft auf die Kritik der letzten zwei Jahre gewesen sei, war der ehemalige Torhüter von Dynamo Dresden und des FC Tirol Innsbruck gefragt worden. Und im Nu legte der Nationalcoach sein Gesicht in Falten und antwortete bärbeißig: "Wir versuchen nur, unsere Arbeit zu machen."

Spielbericht

Aber natürlich bekam der 54-Jährige schnell die Kurve, schließlich gratulierte ihm Putin höchstpersönlich zum Sieg. Dann ging es weiter mit der Analyse. Cherchesov: "Wir haben gezielt auf diesen Tag hingearbeitet. Wir waren zum richtigen Zeitpunkt gut beieinander." Nicht einmal die Konfrontation mit der Aussage von Kollege Juan Antonio Pizzi, Coach des überforderten Gegners Saudi-Arabien brachte, Cherchesov fortan aus der Ruhe. Pizzi hatte davon gesprochen, die hohe Niederlage seines Teams habe mehr mit den eigenen Schwächen denn mit den Stärken Russlands zu tun. "Ich weiß, was er meint. Wir haben gespielt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Das Ergebnis ist vielleicht ein bisschen hoch." Aber man sei einfach kompakter gestanden und habe zudem die größere individuelle Stärke gehabt.

Ein Salutieren als Unterstützung

So gelassen wie der Coach des Auftaktsiegers nach Spielschluss auf die Leistung reagierte, die in der Tat vom völlig überforderten Gegner begünstigt worden war, so wenig überschäumend hatten die russischen Fans unter den 78.011 im Luschniki das Spiel verfolgt. Zwar hallten hie und da Anfeuerungsrufe durch das Rund, aber eine "La-Ola-Welle" schwappte nie richtig los. Der Funke, er sprang nur phasenweise über. Kein Vergleich mit Deutschlands 4:2 2006 gegen Costa Rica in München.

Auf dem Platz zumindest schien es, als feierten die Protagonisten intensiver als die Anhänger. Etwa in der 71. Minute nach dem 3:0 des eben zuvor eingewechselten Artyom Dzyuba. Der traf per Kopf auf Flanke des überragenden Alexandr Golovin, der zuvor schon Gazinskys Kopfballtor zum 1:0 vorbereitet und beim 2:0 durch Denis Cheryshev den Pre-Assist gegeben hatte. Zur Abrundung des Tages traf er in der Nachspielzeit per Freistoß zum finalen 5:0.

Auf und vor der Bank tanzte: Coach Cherchesov. Beim 3:0 salutierte er gar dem Torschützen Dzyuba. Hand an die rechte Schläfe und strammstehen. War nicht ganz klar in dem Moment, wer da der Boss war. Cherchesov klärte später auf: "Wir haben beide gegenseitig salutiert." Und mit Blick auf seine intensive Art zu jubeln: "Wir glauben an das, was wir machen. Mit meiner Art zu Feiern unterstütze ich auch meine Spieler, deshalb bin ich relaxed. Man muss ja nicht gestresst sein." Gestresst wirkt er nur - wenn auch gespielt - vor Medienvertretern.

Sorgen um angeschlagenen Dzagoev

Alan Dzagoev (Mitte, hier mit Kollege Aleksandr Samedov)

Wermutstropfen: Alan Dzagoev (Mitte, hier mit Kollege Aleksandr Samedov) hat sich verletzt. imago

Dass so ein guter Start freilich nichts heißen muss, dessen sind sie sich jedoch bewusst beim Gastgeber. Vor zwei Jahren bei der EM in Frankreich gab es ein 1:1 gegen England zum Start - am Ende der Gruppenphase fuhr man dennoch nach Hause. Zahlreiche Spieler von damals, darunter Dzyuba, sind noch heute dabei. Keeper und Kapitän Igor Akinfeev, Abwehrchef Sergey Ignashevich sowie Linksverteidiger Yuri Zhirkov waren sogar schon bei der EM 2008 am Start, als es für die Sbornaja bis ins Halbfinale ging. Damals setzte es zum Auftakt gegen Spanien sogar ein krasses 1:4 in Innsbruck, Cherchesovs zweiter Heimat. Was dem erst recht zeigt, dass so ein Startergebnis nicht viel bedeuten muss. "Ich weiß das einzuschätzen", dann gab er aber doch zu: "Ein 5:0 habe ich nicht im Traum erwartet." Dennoch wisse er, was die Mannschaft kann. Aber schon gegen Ägypten am zweiten Spieltag müsse man sich steigern. In der Tat und vor allem auch die Innenverteidigung, angeführt vom fast 39-jährigen Ignashevich, die bei den beiden Chancen der Saudis nicht gut aussah.

Wermutstropfen am Auftakttag: die Verletzung von Alan Dzagoev. "Wir hoffen nicht, ihn zu verlieren. Wir haben nicht so viele Spieler seines Niveaus." Abwarten, was die Untersuchungen erbringen, so Cherchesov. Zu den Einwechselspielern, etwa dem körperlichen Dzyuba und Doppeltorschütze Denis Cheryshev, der mit zwei tollen Treffern glänzte: "Ich weiß, wie gut sie drauf sind. Sie haben nicht umsonst getroffen, beide waren zuletzt richtig gut. Es war kein Zufall." Und dann gab es ganz am Ende noch eine Weisheit: "Es geht erst los, das ist nicht das Ende der WM."

Bilder zur Partie Russland - Saudi-Arabien