28-Jähriger hat sich Status der Unantastbarkeit erarbeitet

"King Cool" Kroos: "Dann nimmt Jerome am besten zwei"

Jerome Boateng und Toni Kroos

Verschmitztes Lächeln: Toni Kroos am Donnerstag neben Jerome Boateng. picture alliance

Aus Moskau berichten Matthias Dersch, Oliver Hartmann und Sebastian Wolff

Toni Kroos' Image war nicht immer das Beste in der deutschen Öffentlichkeit. Unterkühlt, arrogant, emotionslos - mit diesen wenig schmeichelhaften Adjektiven wurden die Beschreibungen über ihn häufig angereichert. Doch die Zeiten sind passé. Der 28-Jährige hat sich durch seine herausragenden Erfolge in den vergangenen Jahren – an denen er stets einen gewichtigen persönlichen Anteil trug - den Status der Unantastbarkeit erarbeitet. Und auch, weil er inzwischen gekonnt mit seinem Image zu spielen weiß.

Spielersteckbrief Kroos
8

Kroos Toni

Real Madrid

Deutschland

Spielerprofil
Spielersteckbrief J. Boateng
17

Boateng Jerome

Bayern München

Deutschland

Ghana

Spielerprofil
Weltmeisterschaft - Vorrunde, 1. Spieltag
Vorrunde, 1. Spieltag

Auch als er am Donnerstag auf dem Podium im Medienzentrum des DFB in Watutinki Platz nimmt und gemeinsam mit Jerome Boateng 35 Minuten Stellung zu den Themen bezieht, die die deutschen Journalisten und Fans derzeit bewegen (War der Rasen inzwischen richtig gestutzt? Ist die Gier inzwischen zu spüren? Läuft inzwischen auf allen Zimmer im Teamhotel das Wasser?), kann er sich die eine oder andere Anspielung nicht verkneifen. Etwa, als ein junges Mädchen aus Deutschland, das am Sonntag als Einlaufkind gegen Mexiko zum Einsatz kommen wird, fragt, ob es helfe, beim Einlaufen ein Kind an der Hand zu haben. "Ja", bestätigt Boateng artig und charmant, "dann sind wir nicht so aufgeregt." Kroos grinst kurz, dann grätscht er verbal dazwischen: "Dann nimmt Jerome am besten zwei." Das Gelächter im ursprünglich als Kino genutzten Saal ist groß.

Kroos fordert den "absoluten Willen", über sich hinauszuwachsen

Doch Kroos hat auch ernsthafte Botschaften mitgebracht bei seinem ersten Auftritt vor der versammelten deutschen und internationalen Presse. Der Mittelfeldspieler war es ja gewesen, der nach der 0:1-Niederlage gegen Brasilien im März den Finger in die Wunde gelegt und seine Mitspieler für ihre in seinen Augen zu laxe Einstellung kritisiert hatte. Mit Erfolg, wie er nun erklärt. "Gegen Saudi-Arabien gab es grundsätzlich nichts, was man an der Einstellung kritisieren könnte", sagt Kroos, "und ich bin überzeugt davon, dass es auch während der WM daran nichts zu kritisieren geben wird." Man kann das durchaus als allenfalls halb versteckte Botschaft an seine Teamkollegen verstehen. Getreu dem Motto: Hört, hört, was ich hier sage - und haltet euch bloß daran.

Denn Kroos macht auch klar, dass es nur einen Weg gebe, den Titel wie angestrebt zu verteidigen. Man benötige dafür den "absoluten Willen", über sich hinauszuwachsen. "Das", sagt er, "wird ganz entscheidend sein." Und der Stratege von Real Madrid weiß schließlich, wovon er spricht. Seit Jahren ist er es gewohnt, die ganz großen Titel zu gewinnen. Die Frage, wie man es schaffe, sich jedes Mal aufs Neue zu motivieren, sei daher nicht unberechtigt. Doch es helfe, sich daran zu erinnern, wie schön es beispielsweise 2014 war - in diesem aus DFB-Sicht so herrlichen Sommer im Campo Bahia, der mit dem WM-Triumph im legendären Maracana endete. "Wenn man so etwas erlebt hat, dann willst du es wieder schaffen", sagt er.

Wir sind ja hoffentlich lange hier. Vielleicht ist die Vorfreude auf den Urlaub dann noch ein Stück höher.

Toni Kroos

Damals trug die deutsche Mannschaft ein überragender Teamgeist durch das Turnier – der auch mit der besonderen Atmosphäre im Teamquartier in Santo André zu tun hatte. Vier Jahre später findet man rund ums Hotel keinen Strand, keine Palmen und keine Kokosnüsse. Stattdessen einen schier unendlichen Birkenwald, russische Plattenbauten und den "Charme einer guten, schönen Sportschule" (O-Ton Joachim Löw).

Spricht man Kroos darauf an, wird er wieder zu King Cool. Eine Sportschule sei doch super, "wir sind doch hier zum Sport machen". Es gebe "zwei, drei Aktivitäten", mit denen man sich die Zeit vertreiben könne. Die Unterkunft sei "absolut in Ordnung". Kroos könnte es dabei belassen – und hätte es vor einigen Jahren wohl auch, um keine zusätzliche Angriffsfläche zu bieten. Doch so selbstsicher wie er sich inzwischen auf dem öffentlichen Parkett bewegt, schiebt er noch einen Spruch hinterher: "Wir sind ja hoffentlich lange hier. Vielleicht ist die Vorfreude auf den Urlaub dann noch ein Stück höher." Treffer, versenkt.

FIFA WM 2018

"Motivation wieder da": Kroos bereit für Auftakt

alle Videos in der Übersicht