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Belgiens "goldene Generation" bereit für Großes?

Bringen die Belgier auch die nötige Mentalität mit?

Belgiens "goldene Generation" bereit für Großes?

Belgien

Geheimfavorit oder "absoluter Favoritenkreis": Belgiens "goldene Generation" wird hoch gehandelt. Getty Images

Thorgan Hazard redete erst gar nicht um den heißen Brei herum: "Es wird schwer, aber es ist möglich, dass wir Weltmeister werden", sagte der Profi von Borussia Mönchengladbach jüngst. Tatsächlich stellt Belgien einen der wohl am höchsten veranlagten Kader aller WM-Teilnehmer. Angefangen von Keeper Thibaut Courtois über den Defensivverbund mit Toby Alderweireld, Vincent Kompany und Jan Vertonghen bis hin zu der furchteinflößenden Offensive um die Topstars Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku. "Belgien gehört zum absoluten Favoritenkreis", lobte selbst Bundestrainer Joachim Löw die Auswahl der Roten Teufel überschwänglich.

Kein Wunder, das die Ansprüche im kleinen Nachbarland groß sind. Sowohl bei der WM 2014 wie bei der EURO 2016 war für Belgien jeweils im Viertelfinale Endstation. Besonders in Frankreich enttäuschten die Belgier dabei taktisch wie spielerisch, was dem ansonsten beliebten damaligen Nationalcoach Marc Wilmots zum Verhängnis wurde. Sein Nachfolger wurde etwas überraschend Roberto Martinez. Den Spanier hatten zuvor wohl nur die Wenigsten auf dem Zettel. Doch Martinez lag mit zwei Entscheidungen gleich am Anfang seiner Amtszeit richtig: Er nahm Kompany die Binde weg und bestimmte Eden Hazard zum Kapitän, zudem sorgte er zwischen dem neuen Spielführer und De Bruyne für klare Verhältnisse: Der Chelsea-Dribbler kommt über die rechte Seite, dafür ist das Zentrum nun das unumschränkte Revier von Spielmacher De Bruyne.

Spielersteckbrief E. Hazard

Hazard Eden

Spielersteckbrief R. Lukaku

Lukaku Romelu

Spielersteckbrief De Bruyne

De Bruyne Kevin

Trainersteckbrief Martinez

Martinez Roberto

De Bruyne und Hazard genießen alle Freiheiten

Eden Hazard und Kevin De Bruyne

Sie sind die Lenker im Spiel Belgiens: Die Freigeister Eden Hazard (l.) und Kevin De Bruyne. Getty Images

Zudem stellt Martinez das System um, mittlerweile agiert Belgien in einem variablen 3-4-2-1-System, wobei sich die Dreierabwehrkette bei Ballbesitz des Gegners zu einer Fünferkette erweitert. Besondere Bedeutung kommt dabei den Außenspielern Yannick Carrasco (Dalian Yifang) und Thomas Meunier (PSG) zu. Als defensive Abfangjäger fungieren Axel Witsel (Tianjin Quanjian) oder Moussa Dembelé (Tottenham), im offensiven Mittelfeld genießen Eden Hazard und De Bruyne alle Freiheiten. Die Edeltechniker sollen Stoßstürmer Lukaku füttern, der mit 30 Toren mittlerweile Belgiens Rekordtorschütze ist – mit gerade einmal 24 Jahren!

Belgien hat die Qualifikation für Russland im Schnelldurchgang absolviert und stand als erster WM-Teilnehmer Europas nach Gastgeber Russland fest. 28 von 30 möglichen Punkten holte Belgien in der Gruppe H, blieb ungeschlagen und erzielte zudem mit 43 Toren gemeinsam mit der deutschen Nationalelf die meisten Treffer. Und auch die Vorbereitung auf die WM 2018 verlief zum größten Teil ohne Probleme. Das sogenannte "Matratzen-Gate", als ein Fernsehsender beim Besuch des offiziellen Matratzen-Ausstatters der belgischen Nationalmannschaft sämtliche 23 Schlafunterlagen nebst Namensschildern gezeigt hatte und damit verfrüht den endgültigen 23-Mann-Kader preisgab, sorgte nur kurzfristig für Irritationen.

Vielmehr präsentierten sich die Belgier in den Testspielen bereits in beeindruckender Form, drei Siege und ein torloses Remis gegen Europameister Portugal stehen zu Buche. Und auch personell kann Martinez nahezu aus dem Vollen schöpfen, lediglich hinter Abwehrchef Kompany, der wegen einer Leistenverletzung auch die WM-Generalprobe am Montagabend gegen Costa Rica (4:1) verpasste, steht ein Fragezeichen.

"Winning Team": Deutschland als Vorbild

Kann also die "goldene Generation" Belgiens in Russland also das Versprechen auf Großtaten einlösen und damit aus dem Schatten von Pfaff, Scifo, Ceulemans und Co. treten, die bei der WM 1986 das Halbfinale erreicht hatten? "Individuell gesehen sind wir auf dem höchsten Niveau", sieht Martinez unglaublich viel Potenzial bei seinem Team. Doch dieses Potenzial muss die Mannschaft auch abrufen. "Unsere große Herausforderung wird es sein, ein Winning Team zu werden", sagte Martinez. Als Vorbild in Sachen Mentalität sieht Martinez die deutsche Nationalmannschaft. "Wenn Sie mit ehemaligen Spielern aus Deutschland sprechen, sagen sie Ihnen, dass sie, wenn sie das Nationaltrikot anzogen, keinen Zweifel mehr daran hatten, dass sie gewinnen würden", sagte Martinez. "Wir müssen diese Mentalität zeigen und ich glaube, wir werden es tun", hofft Martinez.

Diskussionen um Nainggolan-Ausbootung - Co-Trainer Henry als "psychologische Waffe?

Thierry Henry

Thierry Henry soll den Belgiern vermitteln, was es heißt, zu gewinnen. Getty Images

Vor diesem Hintergrund erscheint es allerdings zumindest diskussionswürdig, weshalb Martinez ausgerechnet ein solches "Mentalitätsmonster" wie Radja Nainggolan aussortiert hat. Seine Entscheidung sei rein "taktischer" Natur gewesen, sagte der Spanier. "In den letzten zwei Jahren haben wir in einer speziellen Art und Weise agiert und dabei auf andere Spieler gesetzt", begründete er die Nicht-Berücksichtigung des Roma-Stars, der daraufhin seine internationale Karriere für beendet erklärte.

Helfen, die "mentalen Barrieren" zu lösen, soll der französische Co-Trainer Thierry Henry: "Er weiß, was es heißt, einen Weltmeistertitel zu gewinnen. Er weiß auch, was es bedeutet, etwas zu erreichen, was vorangegangenen Generationen verwehrt blieb", sagte Martinez gegenüber der FIFA und fügte an: "Er ist für uns eine psychologische Waffe, auf die wir so oft als möglich zurückgreifen werden."

Belgien hat die bessere Premier-League-Auswahl als England

Alan Shearer

Die Gruppe G mit Panama, Tunesien und England sollte für Belgien keine Hürde darstellen. Lediglich die Frage, ob die Roten Teufel als Erster oder Zweiter in die K.o.-Phase einziehen werden, gilt es zu beantworten. Der Gruppensieg wird wohl am 29. Juni in Kaliningrad ausgespielt, wenn Belgien im abschließenden Vorrundenspiel auf England trifft. "Belgien hat die bessere Premier-League-Auswahl als England", sieht der ehemalige Torjäger Alan Shearer Belgien im Vorteil. Und das nicht nur wegen der elf England-Legionäre. Der Ausgang der Partie ist übrigens auch für die deutsche Elf von Bedeutung, denn im Viertelfinale könnte die Löw-Elf auf ein Team der Gruppe G treffen.

jer

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