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Fußball Botschafter: Kandidat Ernst Middendorp im Portrait

"Jahrhunderttrainer" bei Arminia Bielefeld

Fußball Botschafter: Kandidat Ernst Middendorp im Portrait

Ernst Middendorp

Er ist bislang viel rumgekommen: Ernst Middendorp. imago

"Jahrhunderttrainer" war Middendorp bei der Arminia. "Eine interessante Formulierung", findet der Coach, "so etwas hat's meines Wissens nur noch bei Schalke gegeben. Aber dennoch wertvoll, muss ich sagen. Zum hundertjährigen Jubiläum hat der Klub die Fans befragt, und es gab ja mit Otto Rehhagel oder Kalli Feldkamp durchaus renommierte Namen bei der Arminia. Ich war halt immer in den entscheidenden Phasen des Klubs gefragt. Es gibt ganz gravierende Momente, die mich mit den Bielefeldern in Verbindung bringen".

Eine ähnlich enge Bindung wie zur Arminia hat Middendorp, inzwischen 59 Jahre alt, zu einem Klub in Südafrika: Maritzburg United. "Auch zu dem Klub bin ich dreimal zurückgekehrt, auch wenn's zwischendurch mal ein besseres Angebot aus Bloemfontein gab und ich entsorgt wurde", schildert der knorrige Trainer, "aber die Brücken wurden nie abgebrochen, es blieb keine verbrannte Erde zurück. Witzigerweise trug Maritzburg auch das Blau wie die Arminia." Noch immer hat Middendorp, der Wanderer zwischen den Welten, seinen Hauptwohnsitz in Maritzburg, "auch wenn ich im Moment in Asien meinem Job nachgehe".

Der erste Wechsel ins Ausland passierte im Jahr 2000, wie Middendorp sagt, "eher zufällig". Über Holger Hieronymus und Tony Yeboah, der damals noch beim HSV spielte, gab's einen Kontakt zu Asante Kotoko in Ghana – Middendorp reiste "mit kleinem Gepäck für zwei Tage nach Afrika". Am Ende stand er vor 3000 bis 4000 Zuschauern auf dem Trainingsplatz, aus dem vermeintlichen Kurztrip wurden dann knapp drei Jahre in Kumasi. "Das war der Zugang zu einer neuen Welt. Aber ich muss gestehen: Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht!" Es war, wie Middendorp sagt, "nicht nur die Abenteuerlust. Es gab auch unglaublich talentierte Fußballer."

"Es gab immer nur eine Maßgabe: Anpacken"

Was ihn besonders faszinierte: "Es war weit mehr als das normale Trainerdasein, das man in Deutschland kannte. Es kamen Dinge wie Trainerausbildung hinzu – ein sehr, sehr breites Feld, auf dem man sich immer auslassen konnte. Noch heute habe ich Kontakte nach Kumasi. Wie eigentlich zu den meisten Klubs, bei denen ich tätig war. Apropos Abenteuerlust, die war bei mir immer dabei. Auch in Bielefeld. Es gab keine Spieler, es gab kein Geld, es gab keine Sponsoren. Es gab immer nur eine Maßgabe: anpacken. Und zwar auf verschiedensten Ebenen. Immerhin habe ich im August 1994, als Arminia Bielefeld erneut lockte, meine Beamtenlaufbahn an der Schule in Coesfeld aufgegeben. Das war Abenteuer pur." Der Beginn der Profikarriere des Ernst Middendorp. Ohne Lizenz, nur mit einem Einjahresvertrag ausgestattet.

Ernst Middendorp

"Jahrhunderttrainer" war Ernst Middendorp bei der Arminia. imago

Die Lizenz machte er dann 1996 bei Gero Bisanz. Danach begannen die Wanderjahre. Ein nächster Abstecher nach Ghana, zu den Hearts of Oaks in Accra, dann Traktor Sazi Täbris im Iran, die Kaizer Chiefs in Südafrika, Changchun Yatai in China. Und Anorthosis Famagusta auf Zypern – ein Kurzengagement, weil ihn das schnelle Aus im Europapokal gegen Petrovac ereilte. Weil sein Torhüter in Famagusta aus dem montenegrinischen Nachbarort stammte und sich für drei Gegentreffer hatte bezahlen lassen...

Südafrika wird zur Wahlheimat

Danach wurde dann Südafrika immer mehr zur Wahlheimat von Ernst Middendorp. "Dort habe ich mich wohlgefühlt, ein schönes Land trotz aller Schwierigkeiten. Irgendwann jedenfalls war meine Orientierung mehr nach Südafrika ausgerichtet als nach Deutschland", gesteht der Trainer. Immerhin sechs Klubs trainierte Middendorp dort in der Premier League. Beginnend mit den Kaizer Chiefs aus Soweto über Maritzburg United, die Golden Arrows in Durban, Bloemfontein und Chippa United in Port Elizabeth bis zu den Free State Stars in Bethlehem. Anfragen aus der 2. Bundesliga gab's immer wieder mal, zu einer Rückkehr konnte sich Middendorp aber nie entschließen.

Ich war halt immer in den entscheidenden Phasen des Klubs gefragt.

Ernst Middendorp zu seinem Standing bei der Arminia

Warum auch? Middendorps Kompetenz wird am Kap generell geschätzt. Drei WM-Endrunden (2006, 2010 und 2014) begleitete der ehemalige Bundesligatrainer als Experte bei Supersport, dem kontinentalen Flaggschiff in Afrika. "Aber auch bei der Bundesliga und bei der europäischen Champions League war ich eigentlich regelmäßig im Einsatz", schildert Middendorp, der seinen Stolz über die Akzeptanz auf dem Schwarzen Kontinent gar nicht verhehlen will. Zudem hat sich der Coach immer wieder um die Fortbildung einheimischer Trainer verdient gemacht.

"Wir sind so etwas wie der Bote"

Middendorp als Botschafter des deutschen Fußballs? "Man will die Expertise, die Identität, die ein deutscher Trainer vermittelt. Egal, ob im Iran, von wo mich kürzlich noch die Universität in Täbris anrief, man wolle gewisse Mixturen an den Mann bringen. Dafür sind wir zuständig. Wir sind so etwas wie der Bote, der die Post hin- und herbringt. Ich verstehe mich schon ähnlich, obwohl ich nie meine deutsche Identität als Trainer verloren habe." Kein Wunder, dass Ernst Middendorp als Sportdirektor bei seinem thailändischen Klub Bangkok United mit einem deutsch-brasilianischen Trainer zusammenarbeitet: Alexandré "Mano" Pölking – der hat übrigens auch eine Vergangenheit bei Arminia Bielefeld!

Hardy Hasselbruch