Vor 20 Jahren: FCK wird Meister

Kaiserslauterns Sensations-Titel: "Olaf, du bist Meister!"

Olaf Marschall

Traf 21-mal in der Saison 1997/98: Kaiserslauterns Torjäger Olaf Marschall (li.). imago

Nein, es war keine Leichtigkeit, die Olaf Marschall und sein Team in diesen Tagen, Ende April 1998, verspürten. Dabei stand der 1. FC Kaiserslautern nach 32 Spieltagen auf dem ersten Bundesliga-Tabellenrang und schickte sich doch tatsächlich an, als Aufsteiger nach der Meisterschale zu greifen. Zwei Jahre nach dem bitteren ersten Abstieg in der Vereinsgeschichte winkte die große Sensation. Doch statt Euphorie bestimmte die Stimmungslage eine gewisse Anspannung. Neun Punkte Vorsprung hatten die Roten Teufel auf den FC Bayern, amtierender Meister und Verfolger Nummer eins, zwischenzeitlich gehabt. Neun Punkte, die zwei Spieltage vor dem Saisonende auf zwei magere Zähler zusammengeschmolzen waren.

Wir spielen das, was wir am besten können: Alles oder nichts.

Olaf Marschall
Spielersteckbrief Marschall

Marschall Olaf

1. FC Kaiserslautern - Vereinsdaten

Gründungsdatum

02.06.1900

Vereinsfarben

Rot-Weiß

Trainersteckbrief Rehhagel

Rehhagel Otto

Trainersteckbrief Frontzeck

Frontzeck Michael

Ging Marschall und seinen Mannschaftskameraden etwa die Luft aus? Durch zwei dramatische Spiele hatte der FCK im Endspurt seine Spitzenposition gewahrt - jeweils dank Toren kurz vor Schluss. Im Heimspiel gegen Abstiegskandidat Borussia Mönchengladbach drehten die Pfälzer sogar einen 0:2-Rückstand und bejubelten letztlich dank Marschall in letzter Minute einen 3:2-Sieg. Wenige Tage später, im Nachholspiel auf der Bielefelder Alm, traf Marschall wieder, diesmal zur 1:0-Führung. Am Ende rettete der Treffer zum 2:2 von Jürgen Rische einen wichtigen Punkt. Doch es war eben nur ein Punkt, der es den Roten Teufeln nicht erlaubte, sich noch weiter vom FC Bayern abzusetzen. "Nun wird es schwer für die Lauterer", glaubte Münchens Torhüter Oliver Kahn damals im kicker. "Der nervliche Druck wird unglaublich."

Der FCK setzt auf die Trutzburg-Mentalität

Sticheleien von den Bayern - in dieser Saison keine Seltenheit. Doch Cheftrainer Otto Rehhagel und seine Mannen bauten eine Trutzburg-Mentalität auf. Den Betzenberg, die Pfalz gegen die übermächtigen Münchner. "Wir dürfen die Nerven nicht verlieren", hielt Marschall vor dem Heimspiel gegen Mit-Aufsteiger Wolfsburg dagegen. "Wir liegen vorne und wir können den Titel aus eigener Kraft holen. Wir spielen das, was wir am besten können: Alles oder nichts."

Olaf Marschall trifft zum 1:0

Führungstor im entscheidenden Spiel: Kaiserslauterns Olaf Marschall ist zur Stelle - und kassiert einen Tritt von Wolfsburgs Holger Ballwanz (li.). imago

Die Ausgangslage war klar: Ein Sieg am 32. Spieltag würde den Lauterern zum vierten Titel ihrer Vereinsgeschichte reichen, wenn der FC Bayern im Parallelspiel beim MSV Duisburg nicht über ein Remis hinauskäme. Schließlich war er gekommen, der 2. Mai 1998. Kaiserslautern, die Stadt, die ganze Region - es knisterte. Das restlos ausverkaufte Fritz-Walter-Stadion sehnte den Anpfiff herbei und als dieser schließlich gekommen war, befolgte das Rehhagel-Team Marschalls Worte: Alles oder nichts!

Marschall trifft und bekommt einen Tritt

"Die Kräfteverhältnisse waren schnell abgesteckt: Kaiserslautern entwickelte enormen Druck, diktierte das Geschehen gegen einen Gegner, der in Bedrängnis mit Ausnahme von Abwehrchef Jens Keller früh die Übersicht verlor", hielt die kicker-Analyse damals fest. Die Lauterer Dominanz zahlte sich nach 24 Minuten aus. Marschall - natürlich Marschall! - brachte die Roten Teufel mit seinem 19. Saisontor in Führung. Taktgeber Ciriaco Sforza hatte eine Flanke nach gekonnter Ballannahme perfekt auf das Tor geschlagen, dort war der Lockenkopf zur Stelle, drückte den Ball über die Linie - und musste richtig einstecken. Wolfsburgs Holger Ballwanz hatte ihn bei seinem Abstauber mit einem heftigen Tritt erwischt. Doch Marschall, der wenige Wochen später von DFB-Nationaltrainer Berti Vogts zum WM-Kader in Frankreich nominierte werden sollte, biss auf die Zähne und spielte weiter.

Die 30 Sekunden nach dem Schlusspfiff waren die längsten in meinem Leben.

Olaf Marschall

Nach der Pause erzielte Martin Wagner mit einem herrlichen Lupfer das 2:0, nur drei Minuten später war es wieder Marschall, der den Betzenberg zum Beben brachte - mit einem ziemlich ähnlichen Lupfer über VfL-Keeper Uwe Zimmermann hinweg ins Tor. Wenige Minuten später war für den 32-Jährigen Schluss. Rehhagel beorderte den Mittelstürmer auf die Bank. "Ich hätte gerne nach meinen beiden Toren durchgespielt", betonte der Angreifer später. Das 4:0 von Jürgen Rische sah er aber nur noch von der Bank aus - und dann begann das Warten. Denn aus Duisburg, dort wo der FC Bayern spielte, war es die ganze Zeit auffallend still geblieben. Keine Tore beim MSV bedeuteten kein Sieg für die Münchner und damit der vorzeitige Titelgewinn des FCK.

Otto Rehhagel

Die Freude muss raus: FCK-Erfolgstrainer Otto Rehhagel hört vom 0:0 in Duisburg und weiß - seine Mannschaft ist Meister! imago

"Die 30 Sekunden nach dem Schlusspfiff waren die längsten in meinem Leben", erinnerte sich Marschall. Gebanntes Warten auf den Rängen, Rehhagel, der um Informationen über den Spielstand in Duisburg bemüht war und zugleich erste Jubelausbrüche seiner Spieler mit einem typischen Pfiff auf dem kleinen Finger zu unterbinden versuchte. "Es lief erst einmal lange alles ab wie im Film", so Marschall. Und dann kam es, ein Rauschen, ein Jubelschrei, der aufbrandete, die Bestätigung, das endgültige Signal: Schluss in Duisburg, 0:0. Kaiserslautern ist Meister!

Eine Party war nicht vorbereitet

"Ich weiß nicht einmal mehr genau, wen ich zuerst umarmt habe vor Freude. Wen ich greifen konnte, den musste ich ganz fest drücken", so Marschall. Die Jubelszenen auf dem Rasen, sie waren der Startpunkt für die Meisterfeierlichkeiten, die sich in der Pfalz bis tief in den Abend erstrecken sollten. Vorbereitet war nichts - eine Lehre aus der Meisterschaft 1991, als der FCK die Vorentscheidung am 33. Spieltag zuhause gegen Mönchengladbach (2:3) noch verpasst hatte und die große Party in der Stadt ins Wasser gefallen war. Immerhin: Ein paar vorgedruckte Meisterschafts-Shirts lagen in einer Ecke des Fritz-Walter-Stadions doch bereit.

Einmalig, was wir für Fans haben.

Olaf Marschall

Dennoch: Es galt zu improvisieren. Während die Altstadt zur Partymeile umfunktioniert wurde, brach die Mannschaft zunächst ins nahe Hochspeyer auf, um bei einem gemeinsamen Essen den historischen Titel zu feiern, kehrte aber schnell zu seinen Anhängern zurück. "Einmalig, was wir für Fans haben", sagte Marschall damals. Feiern, Jubeln, Party - "Kurz vor drei Uhr war für mich Schluss", so der Torjäger.

Am nächsten Morgen, so schilderte er es damals im kicker, wachte Marschall auf - mit einem leichten Brummen im Kopf und einem kurzen Zwicken seiner Frau: "Olaf, du bist Meister!"

Frederik Paulus

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