Kommentar von Rainer Franzke, kicker-Chefredaktion

Ein guter Tag - aber auch für die 50+1-Gegner

DFL, Christian Seifert, Andreas Rettig, Martin Kind

Protagonisten in der 50+1-Debatte: DFL-Chef Seifert, St. Paulis Geschäftsführer Rettig und Hannover-Boss Martin Kind. imago

Ein jämmerliches Bild gaben die Vertreter der Klubs auf der Mitgliederversammlung in Frankfurt am Main ab, bei der es um eines der wichtigsten Themen in der Geschichte der Bundesliga ging. Zwei Vereine (Kaiserslautern und Regensburg) blieben dem Treffen gleich fern. Neun Vereinsvertreter enthielten sich bei der von Andreas Rettig (FC St. Pauli) ebenso überraschend wie erfolgreich beantragten Kampfabstimmung ihrer Stimme, drei weitere nahmen an der Abstimmung nicht teil, was formaljuristisch einer Enthaltung gleichkommt. Mit 18 Ja- bei 4-Nein-Stimmen sprach sich die Versammlung für die Beibehaltung der 50+1-Regel aus.

Rettig lenkte die Versammlung in eine ganz andere Richtung

Es war der Tag des Andreas Rettig. Im Stil eines Robin Hood lenkte der Geschäftsführer der FC St. Pauli die Mitgliederversammlung in eine ganz andere Richtung, als ursprünglich geplant war. "Am liebsten hätte ich ihn von hinten abgegrätscht", meinte ein Vorstandsmitglied eines Bundesligavereins. Doch in der Debatte im Konferenzcenter des Sheraton Hotels am Frankfurter Flughafen führte von den Klubvertretern vor allen Rettig mit über einem Dutzend Redebeiträgen das Wort. Keine Wortmeldung vom Branchenführer Bayern München, nur ein kurzes Statement von Borussia Dortmund. Als es darum ging, Farbe zu bekennen, schwieg die Mehrheit der Klubvertreter, die sich doch in den vergangenen Wochen oft so wortgewaltig in der Öffentlichkeit dargestellt hatten.

Ein "Prozess zur Verbesserung der Rechtssicherheit sowie weitere Überlegungen hinsichtlich geänderter Rahmenbedingungen unter Beibehaltung der 50+1-Regel", so lautete der Antrag des FC St. Pauli, wird nun eingeleitet. Die Liga hat das Pferd von hinten aufgezäumt.

Rainer Franzke

Rainer Franzke (kicker-Chefredaktion)

Ohne die Amateure geht sowieso nichts

Ursprünglich geplant waren Workshops unter der Führung externer, neutraler Berater mit allen Vereinen. Die Ergebnisse dieser Beratungen sollten zusammengefasst in Anträgen münden, die Ende 2018 der Mitgliederversammlung zur Abstimmung gestellt worden wären. Wobei jede, gleich welche Entscheidung der Liga ohnehin zweitrangig ist. Denn am Ende des Tages, auch bei der in der Diskussion stehenden geplanten Änderung der Rahmenbedingungen, entscheidet der DFB. Er ist der Gesetzgeber. Und sein höchstes Organ, der Bundestag, stimmt über Satzungsänderungen ab. Für Änderungen an der 50+1-Regel wäre eine Zweidrittel-Mehrheit auf einem DFB-Bundestag erforderlich - dort stellt die Liga aber weniger als ein Drittel der stimmberechtigten Delegierten. Kurzum: Ohne den Willen der Amateure geht eh nichts.

Wird dem Fußball das Thema aus der Hand genommen?

Es war nicht nur für die Befürworter von 50+1 ein guter Tag.

Den reklamieren auch strikte Gegner der Regel für sich. Denn nun, so fürchten die Befürworter und hoffen die Gegner, wird dem Fußball das ganze Thema wohl aus der Hand genommen werden. Ähnlich wie am 15. Dezember 1995 beim "Bosman-Urteil" des Europäischen Gerichtshofes (EuGH), das ein gut funktionierendes Transfersystem aushebelte und die Tür für die heute schwindelerregenden Ablösesumme bis in dreistellige Millionenhöhe öffnete, dürften nun Gerichte bis hin zum EuGH und Kartellbehörden über die Rechtsmäßigkeit der 50+1-Bestimmung entscheiden. Das Thema ist mit dem Mitgliederentscheid der Liga vom Donnerstag nicht erledigt. Im Gegenteil: Es wird jetzt erst richtig Fahrt aufnehmen.

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50 plus 1 bleibt - "Wir haben respektiert, was die Fans getan haben"

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