Warum der Ruf der Major League Soccer veraltet ist

Rentnerliga MLS? Interessiert doch sowieso keinen!

Bastian Schweinsteiger

Gegen den Trend? Nicht jeder MLS-Klub vertraut auf Routiniers aus Europa. imago

Wer nach China geht, der hat den Fußball nie geliebt - würde Rudi Völler vielleicht sagen. Der Ruf des Geldes scheint im Reich der Mitte größer zu sein als die sportliche Herausforderung anderswo. Yannick Carrasco kann zwar gerne erzählen, wie interessant das Abenteuer Fernost ist und dass sich an seinen Chancen, mit Belgien zur WM zu fahren, nichts geändert hat. Aber ein 24-jähriger Dribbelkünstler, der von einem europäischen Spitzenklub zu Dalian Yifang - ja genau! - wechselt, der muss ja ein wenig an Glaubwürdigkeit einbüßen, oder?

Paulinho immerhin hat den Gegenbeweis erbracht , sein damaliger Wechsel nach Guangzhou war letztlich mehr Sprungbrett als Verzweiflungsmaßnahme. Inzwischen kickt der Brasilianer in Barcelona und fährt ziemlich sicher zur WM. Es kann also tatsächlich auch sportlich interessant sein in China - und in den USA?

Dass ein lange und oft verletzter Bastian Schweinsteiger mit 32 Jahren nicht nach Chicago gekommen war, um sich dort nochmal für Höheres in Europa zu empfehlen, war keine Überraschung. David Beckham kam 2007 als neues Aushängeschild zu den Los Angeles Galaxy - und war lange nicht der letzte "Altstar", der seine Karriere in Kalifornien oder Florida hat ausklingen lassen.

Attraktiver Fußball! Gressel und Atlanta bringen die Trendwende

Die Rentnerliga! Dort, wo Andrea Pirlo noch gutes Geld verdiente, zwei angenehme Jahre in New York verbrachte und ab und zu die Schuhe schnürte. Das interessiert doch sowieso keinen, oder?

Man muss fairerweise sagen, dass er schwer ist, für mehr Interesse zu sorgen, wenn die Anstoßzeiten hierzulande nicht mit "Deutschland sucht den Superstar" konkurrieren, sondern eher das Ende eines Diskobesuchs anpeilen - und dann kaum übertragen werden!

Aber der Ruf der Rentnerliga ist veraltet, das beweist unter anderem Atlantas Julian Gressel (24), der im kicker-Interview bereits im Vorjahr eine Trendwende angekündigt hatte: "Viele junge Spieler müssen bei uns erst den nächsten Schritt gehen, sich weiterentwickeln und schaffen es dann vielleicht nach Europa."

Die MLS als Sprungbrett - eine große Chance

Im vergangenen Jahr waren Gressel und United ganz neu in der Liga und setzten durch ihren Weg neue Maßstäbe, die sich inzwischen auf zahlreiche Klubs übertragen haben; weg von alternden Superstars hin zu hungrigen Talenten, die die Liga vielleicht als Sprungbrett ansehen, das spielerische Niveau dafür aber auf ein deutlich höheres Level heben.

Julian Gressel

Auf dem Vormarsch: Julian Gressel und Atlanta United. picture-alliance

Gressel selbst ist mit der Rookie-des-Jahres-Auszeichnung vorangegangen, seine südamerikanischen Teamkollegen Josef Martinez (24) und Miguel Almiron (24) zogen im MVP-Rennen nur knapp den Kürzeren. United begeisterte unter Ex-Barça-Coach Tata Martino mit frühem Pressing, schnellem Umschaltspiel und offensivem Spektakel - jetzt kommt mit Ezequiel Barco (18) der teuerste Neuzugang der Ligageschichte (12,25 Millionen Euro) noch dazu.

Das Durchschnittsalter der neun neuen "Designated Players" - also Spieler, die über der Gehaltsgrenze liegen - liegt bei 22 Jahren. Der totale Gegensatz zur Vergangenheit.

Ashley Cole (37), Jermaine Jones (36) und die Galaxy waren das schlechteste Team der Liga, ein immer noch treffsicherer David Villa (36), der sich über die MLS sogar wieder für die spanische Nationalmannschaft qualifiziert hatte, reichte für New York nicht aus. Auch Schweinsteiger (33) und Chicago mangelte es an individueller Qualität.

Sportlich attraktiver und der besondere Faktor

Die sportliche Herausforderung ist in der MLS eine deutlich höhere als noch vor zwei, drei Jahren. Die Attraktivität des Fußballs hat definitiv zugelegt.

Und zusätzlich sorgt der Play-off-Modus für den besonderen Reiz, den der FC Bayern oder Paris Saint-Germain in ihren Ligen vielleicht vermissen: Schweinsteiger könnte mit den Fire auch alle 36 Saisonspiele gewinnen, zum Meister würde ihn das noch immer nicht machen. Zwölf Teams messen sich nach der regulären Spielzeit um den MLS-Cup, nach der Do-or-die-Runde in den Wild-Card-Games stehen Hin- und Rückspiele in den Viertel- und Halbfinals an - gefolgt vom großen Finale um die Krone. Alles ist möglich!

Natürlich kann die MLS - und auch China - noch lange nicht mit Europas Elite konkurrieren, aber viele Faktoren haben die "Rentnerliga" in jüngerer Vergangenheit auf ein neues - sportliches! - Niveau gehoben, weshalb der Ruf veraltet ist.

Mario Krischel

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