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Polen bei der WM-Auslosung gesetzt? Die Tricks mit der FIFA-Weltrangliste

Wie manche Länder Schlupflöcher systematisch nutzen

Polen gesetzt? Die Tricks mit der FIFA-Weltrangliste

Robert Lewandowski

Robert Lewandowski & Co. erarbeiteten sich mit einer starken Quali eine gute WM-Ausgangslage - aber nicht nur. picture alliance

Romelu Lukaku hat seit kurzem mehr Tore für Belgiens Nationalmannschaft geschossen als jeder vor ihm, ihr Rekordtorschütze ist er trotzdem nicht: Weil sein damaliger Trainer Marc Wilmots im Testspiel gegen Luxemburg im Mai 2014 (5:1) sieben statt der erlaubten sechsmal auswechselte, erkennt es die FIFA nicht als Länderspiel an, Lukakus damaliger Dreierpack ist deshalb offiziell inoffiziell. Ein peinlicher Wechselfehler? Vielleicht. Vielleicht musste Lukaku seine drei Tore aber auch einem höheren Ziel opfern. Wer in der FIFA-Weltrangliste nach oben kommen will, sollte Testspielsiege gegen Luxemburg nämlich tunlichst vermeiden.

"P = M x I x T x C" - und damit willkommen in der wunderbaren Welt der FIFA-Weltrangliste. Die Formel beschreibt, wie viele Punkte (P) eine Nation im Ranking für ein Länderspiel erhält. Die entscheidenden Faktoren: Endete die Partie mit einem Sieg, Remis oder einer Niederlage (M)? Wie wichtig war sie von Test- bis WM-Spiel (I)? Wie gut war der Gegner in der Weltrangliste positioniert (T) und aus welcher Konföderation stammt er (C)?

Polen vor Frankreich und Spanien? Manche Töpfe sehen komisch aus

Was nach einer ausgeklügelten Methode klingt, hat haarsträubende Schwächen, die sich manche Teams seit Jahren - ganz offensichtlich - systematisch zunutze machen, um im Ranking aufzusteigen. Und auch wenn kein Fußballfan mit Verstand die Weltrangliste je als Qualitätsgradmesser ernst nehmen konnte: Sie hat nun mal weitreichende Auswirkungen. Bei der Gruppenauslosung der WM 2018 am Freitag (16 Uhr, LIVE! bei kicker.de) entscheidet erstmals sie allein, wer von welchem Topf aus ins Rennen geht. Und manche Töpfe sehen da schon ein wenig seltsam aus.

So landete Polen, das für die WM 2014 nicht einmal qualifiziert war, als Weltranglistensechster im Topf der gesetzten Teams; Spanien und England dagegen nur im zweiten - den Frankreich, der WM-Viertelfinalist 2014 und EM-Finalist 2016, der ebenfalls souverän gen Russland durchmarschiert ist, nur knapp vermied. Wie hat Polen das gemacht? Wie kletterte eine Mannschaft, die 2013 noch 76. und 2015 noch 34. im Ranking war, auf Platz sechs, als es darauf ankam?

Polen verzichtete im entscheidenden Moment auf Testspiele

Nun, zunächst einmal spielten Lewandowski & Co. eine bärenstarke Qualifikation mit 25 Punkten aus zehn Spielen, so steigt man automatisch auf. Was sie gleichzeitig jedoch vermieden: Freundschaftsspiele. Zwischen dem 15. November 2016 und dem 9. November 2017, also fast genau ein Jahr lang, war Polen an keinem Testspiel beteiligt. Andere Länder wie Deutschland oder Spanien bestritten mindestens zwei, Spanien allein 2016 sieben.

Die Logik dahinter ist so einfach wie perfide. Die Gesamtpunktzahl eines Landes in der Weltrangliste ergibt sich nicht durch Addition der erspielten Punkte, sondern aus dem Punkteschnitt; wobei die letzten zwölf Monate (in denen Polen auf Testspiele gänzlich verzichtete) mit 100, die drei Jahre zuvor mit 50, 30 bzw. 20 Prozent in die Wertung eingehen. Gar nicht erst zu spielen ist also schon mal besser als ein Spiel zu verlieren - die obige Punkteformel ergibt bei einer Niederlage schließlich immer 0, das Spiel fließt im Durschnitt aber mit ein.

Ein Testspiel gegen Luxemburg oder Haiti? Bloß nicht!

Heftiger Absturz in der Weltrangliste: WM-Gastgeber Russland.

Heftiger Absturz in der Weltrangliste: WM-Gastgeber Russland. imago

Und weil ein Testspiel zudem nur mit dem Faktor 1, ein beliebiges WM- oder EM-Qualispiel aber mit dem Faktor 2,5 berücksichtigt wird, lohnen sich Testspiele nicht nur kaum, sie können sogar kontraproduktiv sein. Es bringt 2,5-mal mehr Punkte, einen Gegner in der Qualifikation statt in einem Testspiel zu schlagen. Noch schlimmer: ein Test gegen ein Land aus den unteren Ranglistenregionen, Luxemburg zum Beispiel. Es kann den ganzen Schnitt ruinieren.

Italien büßte 2013 in der Weltrangliste dafür, ein Benefizspiel gegen Haiti ausgetragen zu haben (und dann auch noch nur 2:2 zu spielen), England dafür, regelmäßig Tests gegen große Nationen zu absolvieren und zu verlieren. Und Gastgeber Russland stürzte mangels Pflichtspielen im Vorfeld der WM von Platz 24 (2015) auf Platz 65 ab, was für die Heim-WM egal ist, nicht aber für die Auslosung der nächsten WM-Qualifikationsgruppen. Russland blieben zuletzt halt nur Freundschaftsspiele.

Rumänien "mogelte" sich bis auf Platz sieben - auch davon profitierte Polen

Das erste Land, das die Schlupflöcher des FIFA-Rankings offenkundig erkannt hat, ist Polen beileibe nicht. Wales etwa, das 2015 plötzlich durch die Top-Ten-Tür schritt, bestritt zwischen September 2014 und Oktober 2015 kein Testspiel, Rumänien in einem ähnlichen Zeitraum nur eines - oder eben solche, die, siehe Belgien und Lukaku, die FIFA nicht anerkennt. Plötzlich war Rumänien Siebter. Und genau davon profitierten wiederum die Polen, die das Losglück hatten, in der WM-Quali-Gruppe zu landen, deren Gruppenkopf Rumänien hieß. Polen gehörte damals noch zum dritten Topf.

Was tun? Anders als die UEFA, die für ihre Koeffizienten einzig WM-, EM- und Qualispiele berücksichtigt, versucht die FIFA, unterschiedliche Konföderationen mit unterschiedlichen Quali-Modi und unterschiedlich vielen Mitgliedern unterschiedlicher Stärke zusammenzuführen. Das kann kaum gutgehen und sollte erst recht nicht einzige Grundlage einer WM-Auslosung sein. Immerhin kündigte die FIFA unlängst an, nach dem Ende der WM-Qualifikation die derzeitige Methode zu überdenken, "um die Weltrangliste zu verbessern".

Die Polen übrigens verloren ihre Testspiel-Abneigung im November mit Spielen gegen Uruguay (0:0) und Mexiko (0:1) und rutschten deswegen in der November-Rangliste auf Platz sieben ab. Das war kein Problem: Für die WM-Auslosung zählte ja nur das Ranking des Vormonats.

Jörn Petersen

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