Atlanta Uniteds Julian Gressel im kicker-Interview

Deutsches MLS-Talent Gressel: "Nicht mit Leipzig vergleichbar"

MLS-Shootingstar: Der deutsche Mittelfeldspieler Julian Gressel steht mit Atlanta in den Play-offs. imago

Julian Gressel (23) steht seit dieser Saison bei der neuen MLS-Franchise Atlanta United unter Vertrag. Der Mittelfeldmann, der 2013 den Sprung aus seiner Heimatstadt Neustadt an der Aisch ans Providence College gewagt hatte, zählte vom Fleck weg zu den Leistungsträgern des Überraschungsteams. Mit fünf Toren und neun Vorlagen hat er maßgeblichen Anteil am Play-off-Einzug Atlantas.

kicker: Herr Gressel, Sie spielen nun seit vier Jahren in den USA Fußball und seit dieser Saison in der Major League Soccer. Wie groß war die Umstellung damals und wie groß ist der Unterschied zwischen College- und Profi-Liga?

Gressel: Wir hatten in Providence einen englischen Trainer, deswegen ist mir die Umstellung damals nicht so schwer gefallen. Ich hatte lediglich physisch einiges aufzuholen, das hat nach vielen Stunden im Kraftraum ganz gut geklappt. In der MLS ist alles ein bisschen schneller, das ist klar. Diesmal musste ich taktisch und mental einen Schritt machen. Ich würde sagen, dass ich auf dem Platz ziemlich schlau bin, deswegen habe ich mich schnell dran gewöhnt.

kicker: Ihre Zahlen sprechen für sich: Warum hat es in Deutschland "nur" für die Regionalliga gereicht?

Gressel: Ich war damals sehr jung. Vielleicht hätte ich in der zweiten oder dritten Liga eine Chance bekommen, aber ich bereue es keine Sekunde, dass ich diesen Weg gegangen bin.

kicker: Jetzt haben Sie gute Karten im Rennen um den Rookie of the Year…

Gressel: Hoffentlich!

Er ist schon ein Genie.

Julian Gressel über seinen Trainer Tata Martino

kicker: Sie haben sich mit Atlanta United als erstes Franchise in der MLS-Geschichte gleich im Debütjahr für die Play-offs qualifiziert. Was macht das Team so stark?

Gressel: Unsere Offensive. Wir sind sehr furchtlos und schießen - wenn wir treffen - sehr viele Tore, sind sehr dynamisch und schwer zu verteidigen. Ich glaube, die Gegner haben großen Respekt vor uns und wollen eher nicht auf uns treffen. Natürlich hat die Defensive daran einen genauso hohen Anteil.

kicker: Was für eine Rolle nimmt Trainer Gerardo "Tata" Martino, einst beim FC Barcelona tätig, ein?

Gressel: Eine riesengroße Rolle! Er gibt die Taktik vor, will auch lieber Tore schießen als sich hinten rein zu stellen. Er hat Ideen, bei denen ich manchmal etwas verloren bin, dann aber auf dem Platz alles verstehe. Er ist schon ein Genie.

Warum es "Fußball"-Rentner nicht leicht haben in der MLS

kicker: Viele Vereine kaufen sich aus Europa alternde Stars dazu, die in der MLS ihre Karriere beenden. Atlanta begeistert mit jungen, hungrigen Talenten - viele davon aus Südamerika. Warum geht United einen anderen Weg?

Gressel: Es ist an der Zeit, von dieser Rentnerliga wegzukommen. Viele junge Spieler müssen bei uns erst den nächsten Schritt gehen, sich weiterentwickeln und schaffen es dann vielleicht nach Europa. Dafür ist die amerikanische Liga perfekt, weil sie viele starke Gegner und starke Spieler bereithält.

kicker: Ist Ihr Klub durch den eingeschlagenen Weg damit auch der Wegweiser, wie es in der MLS demnächst laufen könnte bzw. laufen sollte?

Gressel: Ich will nicht für die Liga sprechen, aber das, was wir hier aufgebaut haben, ist definitiv ein gutes Vorbild. Mit jungen Spielern die Liga erobern und weg von den 35-Jährigen, die hier ihre Karriere ausklingen lassen.

kicker: Also ist dieser Retirement-League-Stempel, der der MLS hierzulande aufgedrückt wird, (noch) berechtigt?

Gressel: Noch, aber das ändert sich schnell. Weil viele gestandene Spieler sehen, dass Legenden wie Andrea Pirlo hier eine schwere Zeit haben und oft nur auf der Bank sitzen. Die haben keine Stammplatzgarantie mehr.

Atlantas Fans brechen alle Rekorde

kicker: Mit Atlanta scheint Besitzer Arthur Blank (zugleich Eigentümer des NFL-Vizechampions Atlanta Falcons) den idealen Markt erwischt zu haben, die Fans sind regelrecht besessen. Ist United daher auch vergleichbar mit RB Leipzig?

Gressel: Ich würde uns nicht mit Leipzig vergleichen. Hier hat jeder mal so angefangen wie wir. Nichtsdestotrotz haben der Besitzer und die Fans einen Riesenjob gemacht, das hatte selbst hier im Klub niemand erwartet. Gestern erst hat der MLS-Comissioner (Don Garber, d. Red.) gesagt, dass wir den besten Start der amerikanischen Sport-Franchise-Geschichte hatten, also nicht aufs Sportliche bezogen. Es ist einfach wahnsinnig, was hier los ist.

Mir läuft's immer noch eiskalt den Rücken runter, wenn ich da einlaufe.

Gressel über die 70.000 Fans im neuen Mercedes Benz Stadium

kicker: Was bekommen Sie persönlich vom vorherrschenden Hype in der Stadt mit?

Gressel: Mich erkennen schon viele Leute hier. (lacht) Bis hin zum Status von Dennis Schröder dauert es vielleicht noch ein bisschen...

kicker: Sie spielen vor über 70.000 Zuschauern im neuen, spektakulären Mercedes Benz Stadium, dem teuersten Stadion der Welt. Das ist vielen Profis in Europa in ihrer Karriere nicht vergönnt.

Spektakulär: Im Mercedes Benz Stadium trägt Atlanta United seine Heimspiele aus. Getty Images

Gressel: Mir läuft's immer noch eiskalt den Rücken runter, wenn ich da einlaufe. Daran kann man sich gar nicht gewöhnen. Die Fans sind meiner Meinung nach das, was den Klub so erfolgreich macht.

K.-o.-Duell gegen Columbus: "Viele haben Angst vor uns"

kicker: Jetzt geht es am Donnerstag in der ersten K.-o.-Runde der Play-offs gegen Columbus Crew. Wie weit kann es für Sie gehen?

Gressel: Wir fürchten uns vor Niemandem, in ein oder zwei Spielen kann viel passieren. Gerade zuhause machen unsere Fans einen großen Unterschied, viele Vereine haben Angst vor uns.

kicker: Ist eine Rückkehr nach Deutschland für Sie aktuell ein Thema?

Gressel: Also Anfragen gab es noch keine soweit ich weiß, aber natürlich ist die Bundesliga ein Traum für mich. Ich hatte jetzt ein gutes Jahr, deswegen drehe ich nicht durch und hätte auch kein Problem damit, meine ganze Karriere hier zu verbringen.

Interview: Mario Krischel

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