Bundesliga

Verband vor Sanierung: Das nächste DFB-Beben

Strukturen in Zentralverwaltung schreien nach Kernsanierung

Verband vor Sanierung: Das nächste DFB-Beben

Externe Experten lösten ein Beben in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6 aus.

Externe Experten lösten ein Beben in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6 aus. imago

Drei Monate durchleuchteten Mitarbeiter der renommierten Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes. Vor knapp zwei Wochen präsentierten die externen Experten dem DFB-Präsidium die Ergebnisse ihrer Untersuchungen und lösten damit ein Beben in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise 6 aus. Diese Ergebnisse auf eine Kurzformel gebracht: Die Strukturen in der Zentralverwaltung und in der Führung des mit rund 7,1 Millionen Mitglieder in knapp 25.000 Vereinen weltweit größten Sportfachverbandes schreien nach einer Kernsanierung.

Es geht nicht nur um neue Strukturen. Die Atmosphäre im Machtzentrum des deutschen Fußballs ist vergiftet. Eine von McKinsey durchgeführte Befragung der Mitarbeiter führte zu einem "desaströsen Ergebnis". Allen Mitarbeitern stellte der DFB eine Broschüre mit dem Titel "Umschaltspiel" zur Verfügung. Darin werden die Ergebnisse der McKinsey Studie und das geplante neue Organigramm des Verbandes präsentiert. Danach soll es in Zukunft keinen Sportdirektor mehr geben, das eigenständige Büro "Nationalmannschaft" aufgelöst und auch die von Oliver Bierhoff besetzte Position eines Nationalmannschaftsmanagers gestrichen werden. Bierhoff, so sehen es die Pläne vor, soll die neue Direktion Nationalmannschaften und Fußballentwicklung führen, in der unter anderen das komplette Teammanagement für alle Nationalmannschaften der Frauen und Männer zusammengeführt wird.

Getrennt befragt wurden die Führungskräfte auf der einen und alle anderen der zusammen etwa 300 Beschäftigten auf der anderen Seite. Dabei öffneten sich zahlreiche altgediente Mitarbeiter, die seit Jahren nur hinter vorgehaltener Hand Probleme benennen.

Befragung der Führungskräfte ergab ein anderes Bild

Keine klaren Richtlinien, keine klare Führung, kaum vertrauenswürdige Ansprechpartner und die Frage, "an wen soll ich mich überhaupt wenden?", zeichneten das Bild eines organisatorischen Offenbarungseides. Die Befragung der Führungskräfte ergab naturgemäß ein anderes Bild. Unter anderen wurde von Angestellten sehr konkret die Frage aufgeworfen, wer eigentlich zuständig für die 3. Liga sei. Deren Organisation fällt in den Verantwortungsbereich des DFB, die der folgenden Spielklassen ab den fünf Regionalligen in den Bereich der fünf Regional- und 21 Landesverbände.

Aktuell reden in den Diskussionen um eine Reform der Regionalligen nebst möglicher Auswirkungen auf die 3. Liga neben Präsident Reinhard Grindel und dem für Spielbetrieb und Fußball-Entwicklung zuständigen DFB-Vizepräsidenten Peter Frymuth viele ehrenamtliche Spitzenfunktionäre mit, deren Engagement in der Regel über vollen Ausgleich des Lohnausfalls honoriert wird.

Merkwürdigkeiten deckten die Unternehmensberater auch bei den wirtschaftlichen Aktivitäten des Verbandes auf. So seien zum Beispiel einzelne Verträge mit Großsponsoren des DFB in bis zu zehn Einzelverträge gesplittet. Dass diese Verschachtelungen etwas mit den Fragen nach der Gemeinnützigkeit des Verbandes zu tun haben, wird vermutet. Wie es en detail um die Wirtschaftlichkeit bestellt ist, wisse seit dem Ende der Tätigkeit des früheren Schatzmeisters Horst R. Schmidt im Jahr 2013 auf Anhieb keiner.

Empfehlung: Zeitnah soll der DFB externe Controller engagieren

Mit Erstaunen erfuhren bei der Präsentation der Untersuchungen selbst Mitglieder des DFB-Präsidiums, dass die Gehälter zahlreicher Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren in jedem Jahr um durchschnittlich vier Prozent erhöht worden sind.

Die Empfehlung von McKinsey an das DFB-Präsidium ist deutlich: Zeitnah sollte der DFB externe und unabhängige Controller engagieren.

Die nach diesen Ergebnissen doch ziemlich geschockten DFB-Führungskräfte waren ad hoc zu Maßnahmen gezwungen. Ein neues Strukturpapier wurde erstellt. Das wievielte eigentlich seit Aufdeckung der Skandale um die Vergabe der WM 2006 im Jahr 2015? Auch dieses Papier wird, trotz der in der jüngeren Vergangenheit immer wieder beschworenen Transparenz, noch immer streng vertraulich behandelt.

Fakt ist, dass die Organisation umgehend und rigoros gestrafft werden soll. Sieben Direktionen werden auf vier Direktionen zusammengestrichen. Das wird auch Arbeitsplätze kosten; über Auflösungsvereinbarungen der jeweiligen Verträge soll mit langjährig tätigen Führungskräften in den Direktionen verhandelt werden. Geplant ist eine Direktion für den Elitesport, die für alle Nationalmannschaften und die neue Akademie verantwortlich zeichnet. An ihrer Spitze soll Oliver Bierhoff stehen.

Die wichtige Frage nach der Rolle des DFB-Präsidiums

Den Bereich Finanzen, Personalwesen, IT und Zentrale Dienste wird Dr. Ulrich Bergmoser leiten. Der im Frühjahr verpflichtete promovierte Betriebswirt war Finanzchef (CFO) mehrerer Gesellschaften in Großbritannien und Partner einer international renommierten Unternehmensberatung. Bergmoser hat sich dabei schwerpunktmäßig um Restrukturierungs- und Strategiethemen gekümmert sowie erfolgreiche Reorganisationsprogramme großer Unternehmen durchgeführt.

Ralf Köttker, Mediendirektor und Stellvertreter von Generalsekretär Friedrich Curtius, wird über seinen bisherigen Aufgabenbereich hinaus für Nachhaltigkeit und Fan-Belange zuständig sein.

Heike Ullrich, Direktorin für Frauen- und Mädchenfußball, hat voraussichtlich zusätzlich den Bereich Verbände, Amateure zu verantworten.

Nach der Rückkehr von Generalsekretär Friedrich Curtius aus dem Urlaub soll der Entscheidungsprozess vorangetrieben und auf der Präsidiumssitzung am 20. Oktober abgeschlossen werden. Von Curtius wird eine stärkere Positionierung in der Neustrukturierung erwartet.

Über den jetzt auf den Weg gebrachten Reformen steht die wichtige Frage nach der Rolle des DFB-Präsidiums. Die Tendenz geht dahin, dass sich seine Mitglieder komplett aus dem operativen Geschäft heraushalten und eher die Funktion eines Aufsichtsrats wahrnehmen sollen.

Rainer Franzke, Benni Hofmann